Die anlassfreie Rezension #11: Hans Nieswandts »Italohouse«-Reportage La discoteca ama la vita (1991)

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Zu den größten Vorzügen der Prä-Internet-SPEX – die Allmacht als Diskurs- und Rezensionsorgan mal außen vor gelassen – gehörten ungeschönte Vor-Ort-Reportagen aus allen Winkeln der Popkultur. Besonders bedeutsam für blutjunge und durstige Clubkids aus dem Südhessischen waren dabei die Sondereinsätze von Hans Nieswandt. Als Whirlpool-Kolumnist war er nicht nur der Mann, der die guten Platten einer wahren Importflut ins Töpfchen und die schlechten ins Kröpfchen lenkte, sondern auch der SPEX-DJ, der Geschichten erzählte, die sich US-amerikanischer House-Musik und der Discotradition verpflichtet fühlten.

Rimini(Juni1991)1

Die oft etwas bleierne Seminarstonalität dieser Zeit wich bei Nieswandt einer Sprache, in denen Worte wie die Sticker auf den erwähnten Import-Maxis leuchteten: dope, ruling, groovy oder ill durfte es sein, gerne auch augenzwinkernd. Neben dem zusammen mit Katharina Weingartner verfassten Porträt über den ewig Rätsel aufgebenden Dancehall-Deep-House-Don Bobby Konders, bestach vor allem Nieswandts »Italohouse«-Reportage La discoteca ama la vita von 1991. Während es bei Konders derart ehrfurchtsvoll um die Spiritualität eines spezifischen New Yorker Houseverständnisses geht, dass man den Weihrauch fast riechen kann, fällt die Analyse italienischer Verhältnisse geradezu prickelnd profan aus.

Rimini(Juni1991)2

Obwohl man den der dortigen Westernfilmindustrie entlehnten Terminus »Spaghetti-House« heute wohl als politisch unkorrekt ansehen würde, fasst er den Zustand eines Discolandes in Aufruhr perfekt zusammen. Nieswandt erzählt aus dem Land der »Piano-Screamer«, in dem sich Jugendliche im Dutzend auf der Discoautobahn totfahren, während überzeichnete Nachtlebenfiguren mit Tudorkronen auf den Häuptern einem Gefühl der Schwerelosigkeit entgegentanzen. Man trifft auf die fleißigen Jungunternehmer von Black Box, deren Ohrwurm »Ride On Time« gleichzeitig Chartstürmer, Blaupause und Menetekel eines Sounds wurde, den kein italienischer DJ, der etwas auf sich hielt, auflegen würde, wie DJ Ivan Iacobucci aus dem Mailänder Club Ethos zitiert wird. Wir lesen von »fetten, alten Hühnern in Schrillo-Badekappen und Fellini-Make-up«, von DJ-Nasenschmuck und hören von Club-PRs, die nichts weiter als Claqueure sind, die zum unvergesslichen Erlebnis der Nacht beitragen sollten.

Rimini(Juni1991)3

Bei aller Nieswandt’schen Ironie wird der Blick auf das behandelte Sujet jedoch nie böse. Wie bei allen dem hedonistischen Zeitvertreib einer Tanzfläche anheimgefallenen Intellektuellen spricht aus diesen Zeilen eine tiefe Liebe und Zuneigung zu den rational nicht begreifbaren Freuden einer Musik, die ihre Funktion über Form und Inhalt stellt. Sogar ein Minidiskurs zur Hassliebe und dem Unverständnis, die Punk jeder Form von Disco entgegenbrachte, fehlt nicht. »Ein Hauch von Dummheit« mache diese Italomusik sogar für manche House-Freunde suspekt, heißt es. Dass dieser Hauch mit einer Art nachdenklichem Glück, innerem Frieden, höchster Energiefreisetzung und einem Gefühl der Unsterblichkeit einhergeht, wie Hans Nieswandt abschließend konstatiert, das sollte einem das bisschen Dummheit doch wert sein.

Hans Nieswandt
La discoteca ama la vita
SPEX, Juni 1991
Reportage

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here