Die anlassfreie Rezension #1: Marc Scherer Physiologisches Rauschen

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Diese im Jahr 2001 erschienene CD habe ich mit Abstand am häufigsten gehört – öfter als Pornography von The Cure, Non-Stop Erotic Cabaret von Soft Cell und Tender Pervert von Momus zusammen. Doch das Wort »hören« trifft es nicht ganz. Auf Physiologisches Rauschen von Marc Scherer befindet sich ein einziger Track. Er ist 78 Minuten lang und beinhaltet ein die Hörschnecke des Innenohrs auf ihrer gesamten Länge gleichmäßig stimulierendes Rauschen.

»Rauschen« ist ein schillernder Begriff, der mit dem des »Geräuschs« verwandt ist. Während Letzterer, etwa als »Störgeräusch«, auf auditiv Unerwünschtes verweist, bezieht sich der des Rauschens auf die Hintergrundfolie klanglicher Information an sich. Wobei es oft eine Frage subjektiven Entscheidens ist, was gerade rauscht. Wenn ich mich mit einem Freund in einer Bar angeregt unterhalte, rauscht die dort im Hintergrund laufende Musik. Kommt dieser Freund allerdings zum tausendsten Mal auf die elende, weltschmerzsuhlige Geschichte seiner letzten Beziehungskatastrophe zu sprechen, zu der schon alles gesagt ist, kann es passieren, dass ich mich dabei ertappe, wie ich mich frage, woher ich bloß diese geilen Bassarpeggi aus den billigen Barboxen kenne. Unvermittelt haben Vorder- und Hintergrund die Plätze getauscht: Nun rauscht der Freund.

Seit John Cages grandios gescheitertem Versuch, Stille zu erleben – in der Echokammer begann er bekanntlich nach einer Weile, die Klänge des eigenen Blutkreislaufs wahrzunehmen –, gehört die Aussage, es gebe keine Stille, zu den philosophischen Gassenhauern. Der Hörsinn ist der Sinn, der als erster erwacht und als letzter erlischt. Schon das Ungeborene ist in materne Soundwelten getaucht und hört den Beat des schlagenden Mutterherzens. (Kein Wunder, dass Technopartys als postuteral-nostalgische Feiern der Wiedervergemeinschaftung solche Erfolge feierten.) Nach der Geburt erfolgt ein schockhafter, oft von Schreien begleiteter Fall in die (relative, siehe Cage) Stille. Deshalb beruhigt man Neugeborene oft erfolgreich mit dem Fön oder indem man sie ein bisschen mit dem Auto herumfährt. Regen, das schönste aller Geräusche, ist ja nicht ständig zur Hand. Meine Rausch-CD würde allerdings auch funktionieren.

Ich besitze Physiologisches Rauschen, um meinen vor über zehn Jahren durch ein Lärmtrauma bei einem gar nicht so tollen Konzert einer gar nicht so tollen Post-Punk-Band verursachten Tinnitus zu maskieren. Laut Packungsbeilage kann die CD auch zur Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) eingesetzt werden, bei der eine schrittweise Defokussierung vom Ohrgeräusch erzielt werden soll. Die TRT geht von einer Reizverarbeitungsstörung mit fehlerhaften Filterfunktionen aus. Ist Tinnitus nach etwa sechs Monaten chronisch geworden, spielt es keine Rolle, ob seine organische Ursache noch existiert: Das Gehirn hat das Geräusch »erlernt«. Die TRT will beim Verlernen helfen. Mir selbst genügt das Übertönen, die Komplettmaskierung. Am Anfang hat mir die CD Schlaf und Verstand gerettet. Heute ist sie Ruhepol für stressige oder konzentrationsintensive Zeiten. Absolute Empfehlung!

Marc Scherer
Physiologisches Rauschen
Arteson
Album

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