Die Angst am Schlafittchen packen

Speed
Komm raus, du Ätherwelle: Kenneth Anger am Theremin

(Foto: © Florian Wieser / SPEX)

Krems an der Donau, später Abend, laue Frühlingsluft. Die Bürgersteige sind längst hochgeklappt, als eine Gestalt in die Nacht ausschwärmt und wildfremden Leuten Kuverts mit einer Botschaft zusteckt. Ein Ort, eine Uhrzeit und die Aufforderung: »Transform yourself!« Wer sich der Aufgabe stellte, wurde lückenlos mit Klebeband umwickelt, wurde sozusagen verpuppt, und erfuhr kurz darauf seine Wiedergeburt. Aus den mumienförmigen Kokons, die am Morgen von den Bäumen des Kremser Stadtparks baumelten, waren lebende Menschen geschlüpft. Ihre Hinterlassenschaften: verstörende Artefakte.

    Mit solcher Aktionskunst sensibilisierte der österreichische Künstler eSeL die Besucher des Donaufestivals für eine Realität abseits ›gewohnter‹ Wahrnehmung. Sein ›Sozialexperiment‹ passte hervorragend zu »Angst Obsession Beauty«, dem Leitspruch der diesjährigen Ausgabe des Festivals. Mit Theater, Film, Musik und Multimediaperformances wollte man psychische Grenzzustände simulieren und einer Poetik der Angst nachspüren, die Angst betrachten, sie als Anschauungsobjekt begreifen, in dem es seltene Schönheit zu entdecken gibt.

    Einer, der seit Jahrzehnten wie kein anderer die Angst erkundet und sie mit einer signifikanten Ikonografie von Zeichen und Musik auf die Leinwand bannt, ist der amerikanische Kunstfilmer Kenneth Anger – seine Filme erzählen von bizarren Träumen, okkulten Ritualen und homoerotischen Fantasien. Und auch wenn man seinen Werken zunächst keinen klaren Sinn zu entnehmen vermag, spannen sie doch immer einen weiten gesellschaftlichen Referenzbogen. In Krems stellte Anger zwei Weltpremieren vor, zum einen seine vor über zehn Jahren begonnene Hitlerjugendstudie »Ich will!«, zum anderen die multimediale Live-Performance »Technicolor Skull«.

    Für »Ich will!«, seinen ersten Spielfilm seit dem Referenzwerk »Lucifer Rising« von 1972, bediente sich Anger konkreten historischen Archivmaterials, ein Novum in seinem bisherigen Schaffen. Gezeigt wird der Marsch zur Festung Landsberg, dem Ort, an dem Hitler »Mein Kampf« verfasste. Unterlegt von Anton Bruckners neunter Sinfonie und geschnitten im Takt der Marschrhythmik, sieht man, wie Massen von todesmutigen Halbwüchsigen ihrem Führer schmeicheln und ihm durch ihre Anhängerschaft eine gleißende Strahlkraft verleihen. Nach einer Weile wechseln die Farben in eine negative, blau-rote Kaleidoskop-Optik. Der kollektive Rausch setzt ein und macht alle blind, auch den Zuschauer. Bald verschwimmt das Bild, man sieht nur noch wild entschlossene Konturen. Zu einem Film mit dem Titel »Technicolor Skull« trat Anger erstmals als Musiker auf, indem er dessen Bildekstase am Theremin, der sogenannten Ätherwellengeige, theatralisch vertonte. In eierschalenfarbenem Anzug und mit geschlossenen Augen stand er hoch konzentriert an seinem Instrument, tief in sich und seine Kunst versunken. Eine eindrucksvolle Erscheinung mit geradezu kraftraubender Präsenz. Viele Zuschauer holten sich nach dieser Darbietung erst mal einen Eimer Bier.

    Lockerer, doch kaum weniger beeindruckend, kam das Konzert von Tortoise. Ein Saitenanschlag des Bassisten Doug McCombs reichte aus, um mit den Füssen vom Boden abzuheben, so gewaltig brach der Sound in die Halle herab. In einer knappen Stunde schlängelten sich diese fünf smart gekleideten Herren durch ihre »Standards«, sendeten hypnotische Synthielinien wie wilde Drohnen aus und beschlossenen ihr Set mit einer unfassbar ekstatischen Version von »Seneca«, jenem meisterhaft komponierten Amalgam aus Jazz, Dub und virtuosen Drum-Techniques, das wohldosierten Noise mit dem ganz großen Popmoment vereint. Tortoise bleiben unersetzlich, strahlen weit über all jene, die es ihnen gleichtun wollen, und kauen sogar Kaugummi im Takt.

    Dass im Sinne einer Poetik der Angst selbst eine Band wie Die Goldenen Zitronen auftreten kann, ist so unnachvollziehbar eigentlich nicht. Immerhin sind Schorsch Kamerun und Ted Gaier stets zur Stelle, wenn es um gesellschaftliche und politische Angst und das Thematisieren derselben geht. Begleitet und unterstützt von Irm Hermann, der ehemaligen Stammschauspielerin Fassbinders, brachen die Zitronen mit ihren gewohnten Methoden und boten eine Aufführung, deren denkwürdiger Höhepunkt die Zugabe war: Völlig unszenisch verlas Frau Hermann sämtliche Texte der Techno-Geißel Scooter, allesamt sauber ins Deutsche übersetzt und ohne Rücksicht auf den Sinngehalt, der ja sowieso gegen null strebt. Brüllendes Publikum! Und auch Schorsch Kamerun hielt sich bisweilen vor Lachen den Bauch, wenn Irm in schnarrendem Theaterton Dinge sagte wie: »Ich liebe es, eure Hände in der Luft zu sehen, wir wollen harte Party machen, die technologische Musik bekommt, was sie braucht, springt alle hoch und nieder, Hüper, Hüper.« Wäre es nicht so lustig, man hätte glatt Angst bekommen können.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.