Deutschlands erster Cassette Store Day – Initiatoren Anton Teichmann (Mansions and Millions) & Amande Dagod (Späti Palace) im Gespräch

Spulen rules! Amande Dagot und Anton Teichmann

Vinyl ist von gestern, die Zukunft gehört dem Band. Vor zwei Jahren riefen einige UK-Labels den Cassette Store Day ins Leben, der dank Amande Dagot und Anton Teichmann von den Berliner Labels Späti Palace und Mansions and Millions am 17. Oktober nun auch erstmals in Deutschland  stattfinden soll. Ein Blitzgespräch über die Kassette als relevantes Musikmedium.

Warum gibt es den Cassette Store Day?
Für die Initiatorin und Kissability-Labelbetreiberin Jen Long waren Tapes schon immer ein wichtiges Format für die Musikrezeption und -veröffentlichung. Der Cassette Store Day ist nun also der Tag, den dieser Tonträger verdient, alles dreht sich ums Band.

Was heißt das konkret?
Labels, die sonst nur digital, auf CD oder Vinyl veröffentlichen, sollen zu exklusiven Tape-Releases ermutigt werden. Das Anliegen ist vor allem, mehr Leute auf die vielen kleinen Tape-Labels in Deutschland aufmerksam zu machen. Vielleicht wird durch den Cassette Store Day auch mehr Menschen bewusst, dass die Kassette nicht zur ein lustiges Hipster-Gadget ist, sondern für viele, vor allem junge Bands, durchaus ein relevantes und sinnvolles Tonträgerformat.

Nachdem Burger Records in den Staaten die Idee adaptiert hat, sind Mansions and Millions und Späti Palace nun die ersten deutschen Labels, die das Konzept aufgreifen. Wie kam die Kooperation zustande und wie läuft die Zusammenarbeit mit den internationalen Labelkollegen? 
Wir waren vor ein paar Monaten in London und haben dort zufällig Jen Long kennengelernt. Als wir erfahren haben, dass sie den Cassette Store Day ins Leben gerufen hat, haben wir ihr erzählt, dass wir auch Labels betreiben, die unter anderem auf Tape veröffentlichen. Dann ging alles ganz schnell. Sie suchte Partner in Deutschland und wir hatten Lust.

Mansions and Millions und Späti Palace sind quasi das Label-Spiegelbild zur Tape-Community – man kennt und mag sich …
Späti Palace arbeitet ausschließlich mit Bands aus Berlin zusammen, die alle persönlich miteinander verbandelt sind und sich gegenseitig helfen. Es haben sich auch schon neue Bands durch dieses Netzwerk gegründet. Mansions and Millions bringt die Undergroundszenen in Montreal und Berlin zusammen. Auch da kennen sich alle Acts persönlich, sind miteinander befreundet und kollaborieren häufig.

Auch für Vinyl-Fans ist der Tonträger nicht nur Medium, sondern kulturelles Sinnbild. Trotzdem verbindet man mit der Kassette eine ganz spezielle Qualität von DIY. Welcher Spirit eint die Tape-Community im Unterschied zu Musikkonsumenten, die Platten, CDs oder gar digital rezipieren? 
Kassetten zu tauschen und Mixtapes zusammenzustellen hat eine lange Tradition. Zwar gibt es das alles auch digital, aber die Ursprünge liegen eben beim Tape und viele Leute schwören immer noch darauf. Das ist sicher eine Mischung aus Nostalgie und praktischem Nutzen. Es ist spannend zu erleben, wie eingefleischte Verfechter des Formats die Kassette am Leben gehalten haben. Ein großer Vorteil des Tapes ist ja, dass es Fans die Möglichkeit gibt, für wenig Geld Musik der Bands zu kaufen, die sie unterstützen wollen. Einerseits sind Tapes wertiger als ein auf Papier gedruckter Downloadcode und anderseits sind sie günstiger als ein T-Shirt oder eine Platte.

Hat die Kassette auch heute noch etwas Rebellisches wie beispielsweise zur Zeit der Riot-Grrrls-Bewegung in den frühen Neunzigerjahren, als sie Teil der Kommunikationsguerilla war, quasi das Tonträgeräquivalent zum Fanzine?
Es gibt zumindest immer noch viele Leute, die schmunzeln, wenn wir ihnen erzählen, dass wir auf Tape veröffentlichen. Vielleicht ist es heute rebellisch, den Leuten zu zeigen, dass dieses Format kein Witz ist. Das meinen wir ernst.

Es gibt ja nicht allzu viele Tape-Labels. Wie ist die Szene organisiert, kommt ihr euch in die Quere oder profitiert jeder vom Netzwerk?
Wir haben noch nie so etwas wie Konkurrenz verspürt. Die Szene ist unglaublich vielfältig, aber in einigen Genres, vor allem im Hardcorebereich, gibt es eine ziemlich gut vernetzte Community. Wir hoffen, dass sich dieses Miteinander durch den Cassette Store Day ausbauen lässt und die verschiedenen Sparten noch besser netzwerken. Inzwischen ist es so, dass große Labels die Musik auf Vinyl, CD und digital veröffentlichen und kleinere Labels die Tapes rausbringen, da besteht sozusagen Arbeitsteilung und man kommt sich nicht ins Gehege. So ist das beispielsweise bei Burger Records und Sub Pop oder DFA und 1080p.

Wer kann sich am Cassette Store Day beteiligen und in welcher Form?
Auf unserer Homepage findet man einen Label-Guide und ein Anmeldeformular, wo jeder Release gegen eine kleine Gebühr registriert werden kann. Zudem gibt es ein Formular für Läden, die teilnehmen wollen und auch für Events, die sich einklinken möchten. Es wäre super, wenn es am 17. Oktober in mehreren deutschen Städten besondere Veranstaltungen gäbe – seien es Konzerte, Partys oder Ausstellungen. Jeder kann mitgestalten.

M&M Tapes smallTapes von Mansions and Millions. Collage: Moritz Freudenberg

Ist der Cassette Store Day auch als kleiner Seitenhieb gegen den Record Store Day zu verstehen, der ja mehr und mehr in die Kritik gerät?
Wir verstehen uns nicht als Bash und auch nicht als direkte Konkurrenz zum Record Store Day. Die Struktur des Cassette Store Day ist anders, etwas dezentraler. Die Shops sollen möglichst direkt von den Labels bestellen. Die Auflagen sind bei Tapes auch deutlich geringer, wir hoffen also, dass die Kassetten nicht ewig in den Läden herumliegen. Das ist ja bei vielen 7-Inches anders, die man inzwischen in expliziten Record-Store-Day-Ramschkisten findet. Andererseits würden wir uns natürlich auch freuen, wenn sich die Tapes nicht sofort auf Ebay zu völlig überhöhten Preisen wiederfinden. Es geht weniger um den Verkauf als das Anliegen, mehr Menschen und Läden für die Kassette als Medium zu begeistern und darüber junge Bands zu unterstützen.

Wie ist Euer Standpunkt zur sogenannten Vinylstau-Debatte, wonach Reissues und Spezialeditionen namhafter Künstler die Presswerke verstopfen und den kleinen Vinyl-Labels das Leben schwer machen?
Wir sind ja selbst Betreiber kleiner Labels und sehen das äußerst kritisch. Es ist schon absurd, dass die Majors immer noch Neuauflagen von Fleetwood Macs Rumours oder ähnlichem raushauen und damit die Kapazitäten der Pressewerke ans Limit bringen. Damit wird genau jenen Labels Schaden zugefügt, die das Format am Leben gehalten haben. Wir müssen uns genau überlegen, ob es Sinn macht, einen Release auf Vinyl durchzuführen. Die Vorlaufzeiten sind absurd, dazu ist es recht teuer und damit für uns ein enormes finanzielles Risiko. Tapes sind für uns häufig die bessere Variante, sie sind schnell und preiswert herzustellen, so können wir ohne hohen finanziellen Aufwand Veröffentlichungen physisch anbieten. Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: Wir hoffen natürlich, dass der Cassette Store Day keine ähnlich negativen Auswirkungen hat wie sie gerade beim Record Store Day spürbar werden, die Dimensionen sind ohnehin nicht vergleichbar.

Burger Records formuliert ein klares Ziel: »Wir werden nicht müde, die Kassette im Gespräch zu halten, bis niemand mehr fragt, wer zur Hölle noch Tapes braucht.« Ist die Kassette der einzig wahre Tonträger der Zukunft?
Sagen wir es so: Die Kassette ist ein tolles Format unter vielen, das macht ja unsere Zeit aus. Wir glauben, dass Tapes eine Zukunft haben und für mehr Labels, Bands und Konsumenten interessant sein werden. Aber gleiches gilt sicher für digitale Formate und Vinyl. Tapes sind für uns trotzdem ganz besondere Objekte mit einer einzigartigen Aura. Hoffentlich empfinden das nach dem Cassette Store Day mehr Menschen ähnlich.

Cassette Store Day
17.10. diverse Locations
Empfehlung: Tape-Markt mit Screenings, Konzerten u.v.m. in Kooperation mit Shameless/Limitless, Flennen und Michael Aniser im ACUD, Berlin.
Alle weiteren Veranstaltungen, teilnehmenden Shops und Infos gibt es hier.

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