Destroyer »Poison Season« / Review

Für Poison Season gilt beinahe alles, was auch für Kaputt galt, solange man Hornsby durch Springsteen ersetzt, beim aufgeknöpften Hemd auch noch die Ärmel hochkrempelt und statt eines Saxofons eine Armada von Saxofonen zum Einsatz bringt.

Dan Bejar ist nicht der erste Musiker, der mit seinem neunten Album den Durchbruch schaffte, aber er ist der erste, bei dem dieses neunte Durchbruchsalbum klang wie Bruce Hornsby. Seit Mitte der Neunzigerjahre hatte Bejar unter dem Decknamen Destroyer nach Wegen gesucht, die ihn ins Einzugsgebiet der Popmusik führen könnten, ohne ganz beim Popsong anzukommen. Er war Kanadas Antwort auf Jim O’Rourke, ein misstrauischer Klang- und Liederbastler, dessen Absichten im Umkehrschluss ebenfalls nicht zu trauen war. Man fühlte sich sonst schnell verarscht von Bejar.

Dann kam Kaputt und mit ihm die vielleicht größte Verarsche überhaupt. Bejar öffnete Destroyer für Softrock, Cocktail-Jazz und den Sound der New Romantics. Anfang 2011 schrieb er plötzlich Popsongs und leuchtete sie im bevorzugten Produktionsstil der frühen Achtzigerjahre aus. Kaputt war schwül und doch geschmackvoll. Es hatte vielleicht einen geöffneten Knopf zu viel am Hemd, aber das Jackett darüber saß tadellos. In den Anzug hinein erfand Bejar diverse Schwerenöterfiguren auf der falschen Seite der Dreißiger, gestandene Männer und Männerbehauptungen im Zwielicht ihrer Schöpferkraft. Älter und weiser als Father John Misty, jünger und weniger abgegessen als Leonard Cohen.

Viereinhalb Jahre später möchte sich Bejar für diesen Ausrutscher entschuldigen. In aktuellen Interviews spricht er über seine Abscheu für zeitgenössische Popmusik, den zugehörigen Produzentenkult und das postmoderne Schulterzucken, mit dem sich manche Kritiker auch Justin Bieber schönhören. Dabei klingt er ein bisschen nach angry old fart, aber man hört nichts davon auf Poison Season, seinem neuen Album, für das beinahe alles gilt, was auch für Kaputt galt, solange man Hornsby durch Springsteen ersetzt, beim aufgeknöpften Hemd auch noch die Ärmel hochkrempelt und statt eines Saxofons eine Armada von Saxofonen zum Einsatz bringt.

Mit dem Selbstbewusstsein einer Olympiastadionband jagen Bejar und seine Mitmusiker durch »Dream Lover«, den vielleicht besten Beitrag zur Springsteen-Fan-Fiction der letzten Jahre. Alles klingt voll und rund und nach geteilten Mikrofonen, eigentlich nicht wie Rockmusik, sondern wie ein Rockmusik-Musical. Dann aber ein Einzelspot auf Bejar, der Sänger sinkt auf die Knie, er singt von dort, wo es wehtut, in der Dunkelheit hinter ihm spielt nur noch ein Streichquartett. Poison Season lebt von diesen großen Inszenierungen neben den ganz großen Inszenierungen, es ist himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Eine Broadway-Platte also, die den Times Square sogar in drei Songtiteln trägt? Tschuldigung, Mr. Bejar, aber mehr Pop geht doch gar nicht.

Karten für Destroyer live gibt’s hier.

1 KOMMENTAR

  1. Leonard Cohen -abgegessen- ist das ein finde das unpassendste Adjektiv Contest ? Überhaupt wäre es schön wenn der Rezensent bei einer derart überragenden Platte irgendein persönliches Gefühl zu erkennen geben würde.S’is halt so arg kühl.

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