Seit über zwei Jahrzehnten irrt und wirrt Dan Bejar als Destroyer zwischen Melancholie und Romantik durch die Welt. Dass diese lichterloh brennt? Hat er immer geglaubt, wie er im SPEX-Gespräch sagt. Was dagegen hilft? Jedenfalls weder Ironie noch Zynismus. 

Häufig, wenn erwachsene Menschen etwas Spitzbubenhaftes an sich haben, stellt es sich schon bald als Arroganz heraus. Dan Bejar hat nichts Arrogantes an sich. „Chair or sofa?“, fragt der 47-Jährige höflich, setzt sich auf das, was übrig bleibt und wartet still. Wenn man ihn zitiert, kommt es vor, dass er über sich lacht, und wenn er lacht, dann mit aufblitzenden Augen in sich hinein. Zur wichtigsten W-Frage des journalistischen Vorspanns: Was wird getrunken? Nun, es ist 10 Uhr morgens, und es ist eine Kanne davon. Er sei kein Teetyp, erklärt Bejar später.

SPEX: Dan Bejar, das neue Destroyer-Album Have We Met wurde angekündigt als geplantes „Y2K-Album“, das dann doch keins wurde. Wie soll man das verstehen?

Dan Bejar: Dieser Ausdruck war vor etwa 20 Jahren mal populär, es ist die Kurzform für „Year 2000“. Keine Ahnung, was das künstlerisch oder kulturell bedeuten soll. Ich glaube, dass die Leute zu dieser Zeit versucht haben, einen bestimmten Arbeitsprozess oder Musikstil mit dem neuen Jahrtausend zu assoziieren, aber dann schnell gemerkt haben, dass der Begriff eigentlich für überhaupt nichts steht. Wir dachten also, eine „Y2K-Platte“ klingt nach etwas, das wir uns überhaupt nicht vorstellen können.

„Ich schreibe heute weniger, (…) dafür aber vitaler. Vielleicht ist das nur ein Euphemismus älterer Leute dafür, dass sie weniger arbeiten“, sagt Dan Bejar (Foto: Fabiola Carranza).

Also war das Konzept, etwas nicht Identifizierbares zu machen? Dem bis dato Ungehörten einen Namen zu geben?

Destroyer-Alben fangen immer mit irgendeinem Konzept an, das dann komplett verworfen wird, weil es sich als unsinnig oder uninteressant herausstellt. Während der Entstehung von Have We Met dachte ich viel an die Musik um die Jahrtausendwende, die zur damaligen Zeit für mich ein Mysterium war. Als ich in den späten Neunzigern angefangen habe, Musik zu machen, interessierte ich mich vor allem für ältere Musik, vorwiegend die aus den Siebzigern. Die damals aktuelle Musik war also nur der Sound irgendeines öffentlichen Raums, in dem ich umher schwebte, von dem ich aber nichts mitbekam. Es interessiert mich seit jeher, mir den Klang öffentlicher Räume zu erschließen, die ich vorher völlig ignoriert habe.

Have We Met klingt eher wie eine borstige, digitale Hommage an die Musik der Achtziger. 

Ja, John Collins (Bejars Destroyer-Kollege, Anm. d. Red.) und ich sind nun mal mit der Musik der Achtziger aufgewachsen, das hat uns geprägt. Aber ich wusste eigentlich nur, dass die Platte zum großen Teil an einem Computer entstehen würde. Sie besteht also hauptsächlich einfach aus dem, was ich mit computerbasierter Musik assoziiere. Die meisten Aufnahmen der Stimmen, die auf der Platte zu hören sind, sind noch die ersten Aufnahmen von meinem Küchentisch. Der Plan war eigentlich, sie neu einzusingen, sobald die Musik konkret geworden ist. Sie sind technisch schlecht, klingen irgendwie fake industrial, aber für mich klingen sie so am meisten nach mir selbst.

Die Musik von Destroyer umweht eine düstere, romantische Ironie. Auf dem neuen Album ist diese aber durchgängiger spürbar als auf den Vorgängern. Woran liegt das?

Ich mag diese Assoziationen. Manche der Platten sollen romantisch sein, aber nicht im traditionellen romantischen Sinn, der sich auf die Beziehung zweier Menschen zueinander begrenzt. Eine Schlacht zum Beispiel kann romantisch sein.

Wie das?

Kennen Sie diese alten Kriegsfilme, in denen die Welt in Flammen steht?

Ja. Romantische Flammen?

Nicht die Flammen sind romantisch, aber was immer sich vor diesen Flammen ereignet, erscheint besonders erhaben. Es steht etwas auf dem Spiel.

Fühlt sich so für Sie die gegenwärtige Situation der Welt an?

Ich glaube, aus diesem Gefühl heraus habe ich immer geschrieben. Damit meine ich nicht, dass ich ein Hellseher bin, denn die Welt scheint ja jetzt wirklich in so einem Zustand zu sein. Mein Standpunkt befand sich immer vor dem Hintergrund einer Welt in Gefahr, einer Welt, die gegen uns ist, die die kleinen Szenen im Vordergrund idealistisch erhöht. Es ist tatsächlich immer düster und romantisch und es ist ironisch, aber nicht im amerikanischen Sinne, also nicht sarkastisch oder zynisch. Eher in dem Sinn, dass zwei oder drei widersprüchliche Dinge gemeint sein können.

„Über etwas einen Witz zu machen heißt, sich mit etwas zu verbünden, in einer Art und Weise, die nicht sehr Gen-X und Slacker ist.“

Ist Humor essentiell, um dieser prekären Lage zu begegnen?

Ich frage mich, ob das ein generationeller Unterschied ist. Meine Generation ist vielleicht nicht ernster, aber abweisender. Über etwas einen Witz zu machen heißt, sich mit etwas zu verbünden, in einer Art und Weise, die nicht sehr Gen-X und Slacker ist. Vielleicht sind die jüngeren Generationen positiver. Was meine Musik angeht: Ich glaube nicht, dass ich nicht lustig bin. Ich bin nur einfach nicht sicher, ob Lustigkeit das ist, was mich an einem Song interessiert. Ich habe keine Ahnung, wie Humor musikalisch klingt.

Sie haben stattdessen den Sound von Destroyer mal als europäisch beschrieben. Wie klingt aus einem kanadischen Blickwinkel heraus europäische Musik?

2004 haben wir das Album Your Blues gemacht: Dieser computergenerierte Fake-Orchester-Sound ist das, was ich damals für europäischen Sound hielt. Ich war zu dieser Zeit besessen von Scott Walker. Seine Ästhetik ist eine Art Übertreibung des europäischen Modernismus mit einem romantischen Blick auf die Dinge, den ich liebe. Ich nannte unsere Platte damals auch „European Blues“, was ein komischer Ausdruck ist, weil der Blues eine typisch amerikanische Kunstform ist. Ich dachte an eine spezielle Art von Melancholie. Später habe ich herausgefunden, dass jemand von einer Plattenfirma diesen Ausdruck geklaut hat, um eine Platte von Leonard Cohen zu beschreiben.

Ein Kennzeichen von Blues-Musik ist ihr wörtliches Storytelling und damit die Illusion eines Songs, der fest in Raum und Zeit verankert ist. Der Titeltrack von Have We Met ist ein instrumentaler Ambient-Track, der genauso unbestimmt im Raum schwebt wie die elliptische Halbfrage, die ihn betitelt.

Ich wollte einen möglichst offenen Titel. Ich hatte plötzlich Angst, dass die Platte zu dicht sein könnte und ein klaustrophobisches Gefühl hervorrufen würde, also wollte ich diese Art Atempause einbauen. Have We Met ist mir irgendwie in den Sinn gekommen. Der Satz ist keine Frage. Er erschien mir als ein Satz, den ich ständig in Filmen, aber in meinem ganzen Leben noch nie in der Realität jemanden aussprechen gehört habe.

Man kann ihn auch als eine Definition von Liebe verstehen: Nicht die Interaktion zwischen zwei Menschen macht sie aus, sondern die innere Haltung der Einzelnen. Der Satz ist keine Frage, also wartet er auch nicht auf eine Antwort.

Ich glaube, das Gefühl, einsam durch die Welt zu irren, wird bei Destroyer oft romantisiert. Das ist wirklich kein lustiges Gefühl. Aber in der Kunst kann man unangenehme Dinge in romantische Posen kleiden, und diese Posen hinterfrage ich mehr und mehr. Der dritte Song auf dem Album, „It Doesn‘t Just Happen“, macht sich darüber ein bisschen lustig, indem er eine solche Pose glorifiziert.

Bietet sich fragmentarisches, enigmatisches Songwriting besonders gut dafür an?

Meine Songs sind keine Rätsel, ich mag Rätsel nicht. Das neue Album besteht aus einigen Songs, in denen ich Elemente verwendet habe, die nicht mit der Absicht geschrieben wurden, sie in Musik zu verarbeiten. Ich hatte das Gefühl, sie seien nicht musikalisch oder würden für eine andere Kunstform besser passen. Für den ersten Song habe ich sogar auf ein eigenes Notizbuch zurückgegriffen, das „Crimson Tide Notebook“, das voll von solchen Notizen ist. Früher habe ich wie wild geschrieben, ich hatte für jede Platte ein eigenes Notizbuch. Heute schreibe ich nicht mehr viel. Und wenn ich jetzt einmal eine Idee habe, fühlt es sich vitaler an. Vielleicht ist das nur ein Euphemismus älterer Leute dafür, dass sie weniger arbeiten.

Apropos andere Kunstform: In letzter Zeit haben Musiker_innen wie Radiohead oder PJ Harvey mehr oder weniger freiwillig den Prozess ihres Songwritings ein Stück weit offengelegt. Käme das für Destroyer infrage?

Ich glaube nicht, dass dadurch die Menschen stärker miteinbezogen werden. Ich selbst kann durch Songs ein paar Jahre zurückdenken und genau erkennen, wo ich im Leben stand, als ich sie schrieb. Ich bin Musikliebhaber, in diesem Sinne ein Dilettant, und durchlebe musikalische Phasen und Obsessionen in Bezug darauf, wie Dinge zu klingen haben. Aber erstens mag ich Mysterien. Zweitens glaube ich, dass das Mysterium in der Kunst selbst liegen muss. Man kann die Kunst nicht ihres Mysteriums berauben, indem man versucht, sie zu entschleiern, aber man kann sie auch nicht geheimnisvoller machen, indem man sie absichtlich verschleiert. Übrigens könnte ich mir nicht wie PJ Harvey mit ihrem The Hope Six Demolition Project ein Thema aussuchen und darüber schreiben, weil Songwriting bei mir viel unbewusster passiert. Ich suche mir die Wörter nicht aus, sondern die Wörter kommen zu mir.

Im Track „The Raven“ singen Sie: „Just look at the world around you / Actually no don‘t look“. „Foolssong“ endet mit einem Wirrwarr gesampelter Töne, die wie panisches Bienensummen klingen. Ist das Album eine Art apokalyptische Warnung?

Manche Dinge sind dazu verdammt, schiefzugehen. Auf gewisse Weise sind wir alle verdammt, und trotzdem müssen wir kämpfen. Wir stürzen uns in viele Erfahrungen, von denen wir wissen, dass sie uns in Tränen enden lassen werden. Dadurch gelangen wir manchmal an den Rand des Wahnsinns. Es gibt den Ausdruck der Donquichotterie, abgeleitet von Don Quijote, der dafür steht, Herausforderungen anzunehmen, von denen man weiß, dass man sie nicht meistern wird. Das hat viel mit dem Album zu tun. Das Ende von „Foolssong“ ist übrigens Johns Werk. Ich glaube, der Originalton ist ein kleiner Synthie-Schnipsel, den John mithilfe von Granularsynthese zu diesem Stanley-Kubrick-artigen Bienenschwarm gemacht hat.

Musikalisch klingt das alles sehr erhebend. „Cue Synthesizer“, der lyrisch vielleicht depressivste Song, ist ein funkiger Taumel mit schnalzendem Synthie und breitbeinigen Gitarrensoli. Eine sehr beiläufige Art, Gesellschaftskritik zu üben, oder?

Ich würde nichts wirklich Schreckliches schreiben, nur um etwas Schreckliches auszusagen. Es muss immer auch auf eine positive Weise rühren.

Destroyer
Have We Met
(Dead Oceans / Cargo)
Erscheint am 31.01.