Des Teufels neue Kleider: SPEX präsentiert Zeal And Ardor

Foto: William Minke

Manuel Gagneux, der Mann hinter Zeal And Ardor, meint es teuflisch ernst. Im New Yorker Exil versuchte er sich jahrelang daran, Spirituals mit Metal-Riffs zu kreuzen. Klingt nicht unproblematisch. Klingt trotzdem so verboten gut wie böse. Der Beelzebub mit Blues kommt jetzt auf Tour.

Sind Sie bibelfest? Altenglisch auf der Höhe? Dann wissen Sie, was Zeal And Ardor bedeutet: Eifer und Inbrunst. Manuel Gagneux, der Mann hinter den intensivsten 28 Minuten Musik, die ich seit Jahren gehört habe, ist Schweizer mit schwarzer US-Mutter, ein daywalker – seine Definition gemischtfarbiger Eltern. Geboren und aufgewachsen in Basel, hat er in New York ein zutiefst theoretisches Projekt exorziert: die Anfänge afroamerikanischer Musik mit seiner Besessenheit für Black Metal zusammenbringen. Manchmal neben-, meist aber miteinander. Eine im wörtlichen Sinne unerhörte Musik, die neben inbrünstigem Spaß auch Geschichtslektionen bietet.

Ein Thema: Robert Smalls, ein Sklave, der im Sezessionskrieg ein Südstaaten-Schiff kaperte und in die Nordstaaten über- führte. Später saß er jahrelang im US-Repräsentantenhaus und musste bis zu seinem Lebensende 1915 zusehen, wie es schiefging mit der Verfassung, zumindest für Menschen seiner Hautfarbe. Smalls ist vollflächig auf dem Cover von Zeal And Ardors Album Devil Is Fine zu sehen, allerdings ein wenig satanisch auffrisiert. Gagneux hat sein Luziferzeichen fett drübergesetzt, das er echten Fans auch zum Branden anbietet. Genau: Er drückt einem ein glühend heißes, handgroßes Eisen auf die Haut. Hat bisher noch keiner gewollt. Aber es geht ja auch erst los.

Theoretisch ist die Sache mindestens schwierig. Eine – sagt man das noch? – postmoderne Verbindung aus Sklavengesängen, also Musik, die aus „echtem“ Leid geboren wurde, und Black Metal, diesem Blair-Witch-Fantasy-Film verwirrter Wohlstandskinder, deren einziger Leidenshintergrund die halbjährige Dunkelheit in Skandinavien ist. Das ist deutlich gewagter als Volkslied-Metal (Heino) oder Esokitsch-Gregorianik (Enigma). Für Gagneux aber logisch, weil „das Christentum sowohl den afrikanischen Sklaven als auch den Norwegern aufgezwungen wurde“, wie er erklärt. Historisch gewagte Behauptung. Aber musikalisch stimmig, allein schon wegen der Energie, die beide Bestandteile teilen und wegen der mich diese 28 Minuten auch beim x-ten Mal noch in Flammen stehen lassen wie seit Slayers Reign In Blood und den Finnen Impaled Nazarene nicht mehr. Ein junger, abgebrannter, halbschwarzer Hobbysatanist verschmilzt in Harlem mit seinem Laptop Metal-Gitarre und Baumwollfeldgesänge – ohne sie zu sampeln. Den Blues singt, nein, schreit er selbst ein. Mit literweise Kaffee, Zigaretten und schlechten Mikrofonen, wie er erzählt, weil er ein bescheidener dude ist. Die Wahrheit: Der Mann singt Spirituals. Ohne Wenn und Aber. Und dann kommt die Gitarre. Besser gesagt: der Sturm. Für alle, die sich mit Black Metal nicht so auskennen: Am popkulturell bekanntesten hat das Peter Jackson im letzten Teil von Herr der Ringe umgesetzt, als die Armee der Untoten auf Seite der Guten über die Orks herfällt. Wie eine tödliche Naturgewalt, die Pest als Nagelbombenhurrikan. Dabei ist Devil Is Fine absolut nicht homogen, eher ein Strauß aus sechs unterschiedlich schillernden bösen Blumen mit skurrilem Kraut in Form einer Spieluhrminiatur und einem Muezzin-Breakbeat, die dem Gesamtbild eine verrückte Tarantino-Note geben. Klar: Zappa und Mr. Bungle gehören zu Gagneux’ Pantheon. In dessen historischer Mitte stehen Iron Maiden, da war er 16 und kaufte sich sofort eine Gitarre („eine böse mit Ecken und Zacken“), um das nachzuspielen.

„Satanische Gospelgesänge bringen mich zum kichern.” – Manuel Gagneux

Im Gegensatz zu Burzum und Darkthrone, den „bösen Bösen“, wie er sie hochachtungsvoll nennt, ist Gagneux aber nicht nur keine Band, sondern vor allem kein asozialer Menschenfeind. Ein niedlicher, leicht bekifft rüberkommender Schweizer, der sich auch in Björk, Portishead, Aphex Twin und Squarepusher einfühlen kann. Humor ist allgegenwärtig, aber, wie es sich gehört, oberflächlich nicht zu hören. „Satanistische Gospelgesänge bringen mich zum Kichern“, sagt er. „Man kann es aber auch super ernst nehmen, das ist alles gut recherchiert.“ Zwei Jahre Schrei-, Dresch- und Bastelarbeit waren das.

Meine musikhistorische Assoziation: Eartha Kitt. Zwei Generationen nach Smalls. Trotzdem war ihr Vater noch in den Baumwollfeldern und musste die Tochter mit acht Jahren zur Tante nach New York geben. Dort begann sie zu tanzen und zu singen und schaffte es mit 15 in ein Ensemble, mit dem sie nach dem Ende des Kriegs um die Welt tourte. Anfang der Fünfziger wurde sie von Orson Welles fürs Theater verpflichtet und machte erste Plattenaufnahmen. 1956 erschien ihr Meisterwerk That Bad Eartha mit dem unfassbaren Stück „I Want To Be Evil“ samt der Textzeile: „Like something that seeks it’s level / I want to go to the devil.“

Damals war Eartha Kitt 28 Jahre alt, so wie Manuel Gagneux heute. Geschenkt. Auch wenn er vor der Schweizer Armee nach New York desertierte, um Live- und Studiotechnik zu lernen und bei einem befreundeten Jazz-Musiker für Abmischdienstleistungen im eher nicht so poshen Harlem umsonst zu hausen – Gagneux’ Geschichte ist keine von echter Armut und Unterdrückung. Sondern von inszenierter, künstlerischer. In die schwarze Historie hat er sich erst in New York eingelesen und dann versucht, „diesen gutturalen Schmerz, diese Wut und Energie“ aus sich selbst herauszuholen. Die ersten Shows spielte er allein mit Gitarre und Laptop, Bandcamp finanzierte ein vegetatives Überleben. Bei Reflection Records war Devil Is Fine dann aber schnell ausverkauft und das Ein-Mann-Label überfordert. Nach der Veröffentlichung im letzten Sommer erscheint das Album jetzt nochmals, und Gagneux geht mit fünf befreundeten Musikern auf Tour – Höhepunkt wird Ende August das Festival Psycho Las Vegas sein, mit den Melvins, Swans, Carcass und Mulatu Astatke ein perfektes Umfeld.

Dem Teufel geht’s gut. Es bleibt spannend, wie ein gestern noch humorsatanischer Autist mit Applaus und Bandleben umgeht, was daraus für eine zweite Zeal-And-Ardor-Platte entsteht und wie der inbrünstige daywalker noch so abgeht. Nach dem Brandeisen habe ich ihn leider nicht gefragt. Und auch nicht danach, was ihm Luzifer wirklich bedeutet. So viel wie Eartha Kitt, schätze ich.

Dieser Text erschien zuerst in SPEX No. 373, die weiterhin versandkostenfrei im Onlineshop erhältlich ist.

SPEX präsentiert Zeal And Ardor
19.09. Köln – Club Bahnhof Ehrenfeld
20.09. Berlin – Musik & Frieden
21.09. Hamburg – Reeperbahn Festival
22.09. Frankfurt – Das Bett

Wir verlosen pro Stadt 1×2 Tickets. Einfach eine Mail an gewinnen@spex.de schicken, Stichwort: Satan. Namen und Wunschstadt nicht vergessen!

 

 

 

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