Deradoorian – Vorsicht vor dem eigenen Wort / Feature & Tourpräsentation

Auf ihrem ersten SoloalbumThe Expanding Flower Planet setzt Deradoorian mit repetitiven Krautrock-Rhythmen einen Kontrapunkt zu den langsam mäandernden Melodien – der nächste Schritt zur Emanzipation von ihrer Band Dirty Projectors ist die Liveumsetzung im Alleingang. SPEX präsentiert.

Wenn man mit Angel Deradoorian über ihre Musik spricht, hört man zunächst einmal viel Stille. Nach jeder Frage lässt die 29-Jährige einige Sekunden verstreichen und antwortet schließlich sehr besonnen, beinahe zögerlich. Die Arbeit an ihrem Solodebüt The Expanding Flower Planet beschreibt sie als eine spirituell und intellektuell intensive Expedition, mit der sie sich emotional sowie musikalisch von ihrer Band Dirty Projectors emanzipieren musste. »Als ich Ende 2010 entschied, vor der Arbeit am letzten Projectors-Album Swing Lo Magellan auszusteigen, fühlte sich das komplett richtig an«, erklärt die ehemalige Bassistin und Co-Sängerin der Band. »Anschließend war es aber doch ein ziemlich brutaler Prozess, plötzlich alle kreativen Entscheidungen selbst treffen und herausfinden zu müssen, welche Musik ich überhaupt kreieren möchte.«

Dabei half Deradoorian ein körperlicher Zugang zur Musik, der sich vor allem in den repetitiven Krautrock-Rhythmen zeigt, auf denen die zehn Songs von The Expanding Flower Planet fußen, und die einen unruhigen Kontrapunkt zu den langsam mäandernden Melodien setzen. Doch obwohl Deradoorian ihre Grooves gerne als »badass« bezeichnet, geht es ihr bei Rhythmus vor allem um Gefühle. »Rhythmus«, sagt sie, »ist eine sehr besondere, eben physische Art von Emotion, die den ganzen Körper anspricht.« Auch den zweiten großen Einfluss des Albums, die asiatische Harmonik und Melodieführung, erklärt die Künstlerin aus Los Angeles auf einer physischen Ebene. »Obwohl ich armenische Wurzeln habe, habe ich diesen Teil der Welt musikalisch erst recht spät entdeckt«, so Deradoorian. »Aber diese Skalen und Harmonien bringen irgendetwas in meinem Körper zum Schwingen, sie gehen mir sehr nah. Mittlerweile komponiere ich nur noch ungern in Dur oder Moll, weil diese Tonlagen bei den Hörern mit sehr vorbestimmten Emotionen verknüpft sind.«

Obwohl der Gesang auf The Expanding Flower Planet im Zentrum der Kompositionen steht, sich immer wieder zu einem mehrstimmigen Chor oder einem enggeführten Clustersound aufschichten darf, gilt dies nicht in gleicher Weise für die Songtexte. Stattdessen schimmert erneut eine gewisse Vorsicht gegenüber den eigenen Worten durch, die sich auch im Gespräch zeigt. »Ich mag es nicht sonderlich, Texte zu schreiben«, sagt Deradoorian. »Vielleicht weil es sich egoistisch anfühlt. Deshalb singe ich beim Komponieren meistens erst mal Nonsens und ersetze den erst ganz am Ende durch die echten Lyrics.«

Ohnehin vertraut Deradoorian eher auf die Macht ihrer Musik, um ihre esoterisch angehauchte Botschaft von Selbstermächtigung und spiritueller Transformation zu vermitteln. Ihre erste Solo-EP Mind Raft, die 2009 fast zeitgleich mit Bitte Orca, dem Durchbruchsalbum der Dirty Projectors, erschienen war, beschrieb Deradoorian damals als Sammlung von Songs, zu denen man gut Drogen nehmen könne. Dieses Mal soll die Musik selbst für den Rausch sorgen. »Natürlich kann man das Album auch auf Drogen hören. Aber ich glaube fest daran, dass die Songs selbst die Fähigkeit haben, dich in einen höheren Geisteszustand zu versetzen.«

Dieser Text stammt aus der Printausgabe SPEX N° 363, die versandkostenfrei online bestellt werden kann.

SPEX präsentiert Deradoorian live
17.11. Jena – Glashaus
18.11. Hamburg – Hafenklang (mit Naytronix)
19.11. Berlin – Monarch (mit Naytronix)
20.11. Köln – Week-End Festival

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