Der Sound der Mitte

Die Spex-Reihe »Musik im …« widmet sich in jeder Ausgabe einer Situation, in der Musik außerhalb ihres ursprünglichen Kontextes eine neue Bedeutungsebene erhält. In den USA wird heute ein neuer Präsident gewählt. Oskar Piegsa verfoglte für Spex den Wahlkampf und den damit einhergehenden Einsatz von Musik. Der wahre Gewinner heißt: John Mellencamp.

John Mellencamp

John Mellencamp mit Wahlklampfe

22. April 2008, etwa 22 Uhr Ostküstenzeit: Eben hat Hillary Clinton ihren Wahlsieg in Pennsylvania verkündet. Noch einmal hat sie ihr politisches Überleben gesichert – und das Andauern der Vorwahlen ihrer Partei. Aus den Boxen schallt »Our Country« von John Mellencamp. Wenig später tritt ihr Parteikollege und Gegenspieler Barack Obama auf – zu den Klängen desselben Liedes. Und noch bevor er seinen Wählern und Unterstützern dankt, weist Obama auf einen Ehrengast hin: Es ist John Mellencamp.

    Egal, wie die Präsidentschaftswahl am 4. November ausgehen wird, Mellencamp ist ein Sieger des amerikanischen Wahljahres. Dass es seine Single nur ins untere Drittel der Top 100 schaffte, verkennt ihren wahren Wert. Denn mit »Our Country« ist dem Mann mit der Westerngitarre der perfekte Song für den amerikanischen Wahlkampf gelungen. Musikalisch ist das Stück eingängig. Und lyrisch, je nachdem, wie genau man hinhört, eine vorsichtige Bush-Kritik oder eine inbrünstige Liebeserklärung an die USA. Bei Wahlkampfreden den richtigen Ton zu treffen, bedeutet eben auch, die richtige Musik fürs Rahmenprogramm auszuwählen. Für einen Auftritt vor Hispanics im südtexanischen San Antonio buchte Hillary Clinton als Einheizer die Latino-Rocker La Mafia. Und bei einem Auftritt vor der weißen Mittelschicht in Philadelphia ließ sie die Greater Kensington String Band antreten, einen der Spielmannszüge, für die die Stadt bekannt ist.

Patriotismus zum Mitklatschen, Mitsingen und Dahinterstehen: John Mellencamps Song »Our Country« bringt alle Lager zusammen, auch wie hier beim American Football.

VIDEO: John Mellencamp – Our Country

    Während Musik, derlei eingesetzt, vom Verständnis für die regionalen Kulturen zeugt, ist es keine leichte Aufgabe, einen Song auszuwählen, der den landesweiten Einsatz verträgt. Clinton hatte diese Aufgabe im Juni 2007 an ihre Wähler deligiert, die im Internet über ihren Wahlkampfsong abstimmen konnten. Aus einer Vorauswahl mit programmatischen Countrypop-Titeln wie »Ready To Run« von den Dixie Chicks und »Rock This Country« von Shania Twain siegte schließlich »You And I« von Celine Dion. Das sei eine Katastrophe, befand die Kolumnistin Rosa Brooks der LA Times: Der Song sei nicht nur »Fahrstuhlmusik«, sondern peinlicherweise auch als Werbesong für die Fluglinie Air Canada in Auftrag gegeben worden. Brooks sollte recht behalten: Wie bei der Titanic im gleichnamigen James-Cameron-Film wurde auch der Untergang der eigentlich unsinkbaren Hillary Clinton zu den Klängen von Celine Dion eingeleitet. Wenige Wochen nach Beginn der Vorwahlen im Januar 2008 waren die Werte der einstigen Favoritin so weit runtergerockt, dass sie sich als Underdog neu zu vermarkten versuchte. Als Soundtrack zum erhofften Comeback wählte sie die Filmmelodie von »Rocky«. Doch das erwies sich abermals als schlechtes Omen: Trotz ihres Sieges in Pennsylvania unterlag Hillary Clinton in den Vorwahlen der Demokraten – so wie Rocky im entscheidenden Boxkampf.

    Barack Obama hatte es nur scheinbar leichter. Zwar nahm Will.i.am von den Black Eyed Peas für ihn den »Yes We Can«-Song auf, der fortan vor Obama-Reden dudelte. Andere Unterstützersongs erwiesen sich aber als problematischer. Die unaufgefordert abgegebene R&B-Liebeserklärung des »Obama Girl« wurde ein Hit auf YouTube, sorgte beim Kandidaten aber für Befremden. Ebenso der gerappte Wahlaufruf von LudacrisPolitics (Obama Is Here)«), der jeder politischen Etikette entbehrt. Um eine soundästhetische Differenz zu seinen Gegnern braucht Obama sich aber ohne hin nicht zu bemühen. Für die jungen, urbanen und schwarzen Wähler ist der Republikaner und Beach-Boys-Fan John McCain garantiert keine Alternative. Und die Green Party, die als Vizekandidatin eine in der South Bronx aufgewach sene Hiphop-Intellektuelle nominierte, ist viel zu klein, um eine ernst zu nehmende Gefahr darzustellen.

VIDEO: Ludacris – Politics (Obama Is Here)

    Die von Obama und McCain vereinnahmte Musik, wie auch die restliche politische Ansprache, zielt nicht ohne Grund auf die strategisch wichtigen Wähler in der politischen und geografischen Mitte Amerikas. Deshalb ist John Mellencamp die erste Wahl für ihren Soundtrack. Dass John Mc-Cain »Our Country« nicht mehr spielt, hat indes nur einen Grund: Mellencamp bat ihn dringlich, dies zu unterlassen. Ähnlich negative Erfahrungen musste McCain mit den ebenfalls mit Obama sympathisierenden Mitgliedern der Bands Heart und Van Halen machen.

    In Hinsicht auf die Nutzungsrechte von Musikstücken bei der Bundestagswahl 2009 heißt es bei der GEMA, politische und kommerzielle Veranstaltungen würden nicht unter schieden. »Wer als Veranstalter unser Repertoire bezahlt, darf daraus auch frei aussuchen«, sagt GEMA-Sprecher Florian Jackwerth. Deshalb durfte die CDU im letzten Wahlkampf auch »Angie« von den Rolling Stones einsetzen. Angesichts der Herzschmerz-Lyrics bewies Angela Merkel damit zwar das musikalische Gespür einer Hillary Clinton – geschadet hat ihr das aber nicht.

Die US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen finden am heutigen 04. November statt. Gibt es noch weitere, im Laufe des Wahlkampfes eingesetzte Musikstücke? Ergänzungen der Liste nehmen wir in den Kommentaren entgegen.

1 KOMMENTAR

  1. […] Ist die Wehleidigkeit des besagten Songs anders zu bewerten, als jene ablehnungswürdiger studentischer Singer-Songwriter und Indietypen? Oder kann man auch Country guten Gewissens ablehnen, weil der Modernisierungsverliererhabitus sich politisch stets auf die unangenehmste mögliche Form Bahn bricht (Stichwort: Glenn Beck, Sarah Palin, Christine O’Donnel)? Letzteres ist wohl zu verneinen, wenn wir an den Obama-Unterstützer John Mellencamp denken. […]

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