Der Ringer aus Hamburg: Das zentrale Problem

Der Ringer
Zwei von fünf kellnern im Moment der Aufnahme eigentlich gerade: Der Ringer   FOTO: Robin Hinsch

Am morgigen Freitag erscheint die Debüt-EP Das Königreich liegt unter uns der Gruppe Der Ringer auf dem neuen Hamburger Label Euphorie. Der Ringer, das sind Jannik Schneider, Jakob Hersch, David und Jonas Schachtschneider sowie Benito Pflüger. Ihren Ursprung hat die Band in der Produktion eines Schultheaterstücks, heute arbeiten drei Fünftel der Band in einer Bar in Hamburg – und zwei der drei haben zur Interview-Zeit eigentlich auch Schicht. Die Chefs sind irgendwo im Haus, also wird das Interview heimlich geführt. Mal im Keller, mal am Tresen. Mal mit allen Fünfen, mal nur mit zwei Mitgliedern der Band. Informationsaustausch mit bangen Blicken zur Tür. Ein Gespräch über die Generation Maybe, den Verlust von Identität und spaßige Melancholie – zu lesen nach dem Video zu »Ein Jahr mehr«, das SPEX erstmals zeigt.

Eure EP Das Königreich liegt unter uns ist nicht nur eure, sondern auch die erste Veröffentlichung des gerade aus der Taufe gehobenen Hamburger Labels Euphorie, in dessen Gründung auch die Band Trümmer involviert war. Wie habt ihr zusammengefunden?
JANNIK SCHNEIDER
: Vor ca. zwei Jahren schrieb uns Paul, der Sänger von Trümmer, an. Zu der Zeit arbeitete er für das Label ZickZack. Wir haben uns dann kurze Zeit später mit ihm getroffen, haben Demos aufgenommen, welche ZickZack vorgelegt wurden. Dann ist erstmal längere Zeit nichts passiert – bis Tammo Kasper und Henning Mues (die heute auch Euphorie betreiben) einen Großteil der geschäftlichen Verantwortung bei ZickZack übernahmen. Die kamen dann immer wieder auf unsere Konzerte und irgendwann stand die Entscheidung, eine erste EP zu machen. Wir befanden uns zu dem Zeitpunkt noch in einer musikalischen Findungsphase. Deshalb wollten wir noch kein ganzes Album aufnehmen.

Wie verliefen die Aufnahmen?
JS
: Aufgenommen haben wir mit Kristian Kühl, den wir über die Band Yesterday Shop kennen. Das war hier in Hamburg. Er hat uns tatkräftig unter die Arme gegriffen. Für uns stellte sich am Anfang der Aufnahmen erstmal die Frage, ob die Songs einen live and rough-Charakter oder dem Popappeal einer aufwendigeren, saubereren Produktion entsprechen sollten. Für uns hatten die Lieder schlussendlich zu viel Popappeal als das wir sie hätten live aufnehmen können. Also wurden die Instrumente separiert aufgenommen. Die gesamte soundliche Aufmachung der Stücke haben wir vor und während der Produktion friedlich ausdiskutiert. 

Mit den derzeitigen musikwirtschaftlichen Verflechtungen entsteht der Eindruck einer neuen Generation von Hamburger Bands, die sich klar gegen alte Imagestrukturen ihrer Heimatstadt zu positionieren scheint. Auch vielleicht mit dem Anspruch, dem verpönten Popbegriff im Sinne radiotauglicher Musik einen positiven Anstrich zu verpassen. Empfindet ihr eine Diskrepanz zwischen Hamburg und Popmusik? Seid ihr eine Hamburger Band?
JS: Nein, da kein Akkordeon auf unseren Aufnahmen.
JAKOB HERSCH: Die allseits bekannte Hafenromantik nervt uns schon ziemlich. Ausserdem empfinden wir nicht zwangsläufig diesen Lokalpatriotismus, den Städte wie Hamburg oder Berlin gerne vor sich her tragen.
JS: Trotzdem: Wir sind hier aufgewachsen und wurden von der lokalen Kultur geprägt. In diesem Sinne sind wir natürlich schon eine Hamburger Band. Die Lieder auf der EP sind allerdings trotz unserer Hamburger Sozialisierung schon auch Pop und so wollten wir es auch. Als wir bei Bookinganfragen über ZickZack mit Clubs in Verbindung traten, wurden wir teilweise mit der Begründung abgelehnt, wir wären zu eingängig. Man wünsche sich mehr »ZickZack-Verrücktheit«. Vielleicht sind wir dementsprechend Teil dieser neuen Generation. 

Was hat euch denn ansonsten musikalisch geprägt bevor ihr wusstet, was cool und was uncool war?
JH: Als wir angefangen haben selbst Musik zu machen, haben wir meiner Meinung nach alle sehr leichte Musik gehört. Bands wie The Whitest Boy Alive oder Modest Mouse waren eine Zeit lang mein persönliches Ultimo. Ansonsten aber auch viel Punk und Postrock.
JS: Tocotronic waren schon ein wichtiger Bestandteil meiner musikalischen Erziehung.

Im Lied »Kind deiner Zeit« beschwert ihr euch über die mediale Meinung, eure Generation sei die Generation Maybe. Dieser Begriff benennt eine vermeintliche Unentschlossenheit und Antriebslosigkeit. Findet ihr diese Generationsbeschreibung unzutreffend?
JH: Ich finde diese Meinung ätzend. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich meine Generation im Hedonismus ertränkt, nur auf Open Airs rumhängt und jede Verantwortung von sich weist. Ich kenne genug Leute, die irgendeinen Plan haben und jetzt nicht ständig nur saufen gehen. Manche haben auch den Plan, keinen Plan zu haben. Aber wenn das eine bewusste Sache ist, ist das auch in Ordnung. Man darf sich halt auch nicht unter Druck setzen lassen und sich innerhalb kürzester Zeit zum Fachidioten entwickeln. Ich finde es dennoch schwierig, das zentrale Problem unserer Zeit zu greifen.

Was für ein zentrales Problem?
JH: Die 68er hatten z.Bsp. ihre autoritären Eltern und die Hochschulpolitik, gegen die Sie sich wehren mussten. Was haben wir? Es gibt genug Sachen mit denen man sich beschäftigen könnte, über die man sich ärgern könnte oder die einen wütend machen, aber irgendwie springt kein Funke über. Es gibt kein zentrales Problem.

Ihr studiert, habt Arbeit, Wohnung und Essen im Kühlschrank. Für Andere die Attribute des wohlgenährten, deutschen Mittelstandes ohne Probleme. Trotzdem nutzt ihr bedeutungsschwere sprachliche Mittel. Worte wie »Trümmer« scheinen ausserdem bei nahezu jeder Band eures Umfeldes benutzt zu werden. Warum seid ihr »angewidert« und »resigniert«?
JS: Das ist ja der Titelsong unserer EP. Darin geht es um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, dass es heute keine richtige Identität unserer Generation gibt. Es gibt auch einfach zu viele Retro-Trends in der Musik. Man trampelt so lange auf der Vergangenheit rum, bis man nicht mehr differenzieren kann was gut und was schlecht ist. Für mich haben unsere Texte auch einfach eine schöne Melancholie. Über schlechte Sachen lässt sich leichter schreiben als über gute. Melancholie macht irgendwie einfach Spaß.
JH: Wir beschäftigen uns auch mit der Vergangenheit um zu sehen ob wir vielleicht Erfahrung aus unseren Wurzeln ziehen können. Da etwas zu finden.

Wo liegen denn eure Wurzeln und warum singt ihr nicht über die Zukunft?
JH
: Gute Frage.
DAVID SCHACHTSCHNEIDER: Bei der Band.
JH: Letztendlich geht es ja auch immer nur um den Ausdruck von Befindlichkeiten. Das sind eben die Dinge die mich persönlich beschäftigen und die muss ich für mich einfach weiter ergründen.

Habt ihr Weltschmerz?
JH: Weltschmerz beinhaltet meiner Meinung nach in erster Linie eine ungeheure Ladung Selbstmitleid. Bin ich selbstmitleidig? Nee. Obwohl es einfach ist selbstmitleidig zu sein.
JS: Aber wenn Weltschmerz Selbstmitleid bedeutet, finde ich das für uns nicht zutreffend, unpassend. Klingt zu tragisch, zu resignativ.
JH: Für mich ist das ein Wort für junge Leute, die ihr eigenes Elend um einen so großen Begriff erhöhen müssen. Das war immer irgendwie ein alberner Begriff für mich.

Den Titelsong der EP gibt es hier zu hören. Nachfolgend die kommenden Festivaltermine der Band. 

Der Ringer live
21.06. Köln – c/o pop in Köln
13.07. Berlin – Feel Festival
23.08. Wiesbaden – Folklore Festival

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