Der Pferdeflüsterer

In der Spex-Reihe »Gelungene Verpackung« erzählen wir die Geschichte eines Plattencovers, das sich aus der Flut der Veröffentlichungen abhebt.

Sebastien Tellier - Sexuality
»Die Rechte für das Bild des Frauenkörpers haben wir nicht geklärt, keine Ahnung, wem es gehört.« (Emmanuel Cossu)

(Abbildung: © Record Makers)

Für Sébastien Tellier, dessen schillernd-funkelndes, von Daft Punks de Homem-Christo liebevoll produziertes Synthiepopalbum »Sexuality« gerade erschienen ist, arbeitete Manu Cossu nicht zum ersten Mal. Er gestaltete bereits Telliers Compilation »Sessions« sowie die Single »La Ritournelle« und drehte das höchst elegante Video zu »Sexual Sportswear«, das bereits im letzten Jahr als Single ausgekoppelt wurde. Der dreißigjährige Cossu, geboren in Montpellier, studierte Bildende Kunst und später Visuelle Kommunikation an der ECV in Bordeaux. Er ist freischaffender Grafiker und lose mit der renommierten Werbeagentur H5 verbunden.

Emmanuel Cossu: »Ich lernte Sébastien vor zwei Jahren kennen. Ich war mit dem Grafiker seines Labels Record Makers befreundet. Dieser stellte mich dem Geschäftsführer Marc Teissier du Cros vor, der mich dann mit Sébastien bekannt machte. Ich begann die Arbeit an ›Sexuality‹ zusammen mit einem anderen Grafiker, Alex Cortez. Wir arbeiteten mit einer Illustration von Sigmund Freud und wollten sie in ein Gemälde umwandeln. Wir scheiterten grandios, die Vorlage führte einfach zu nichts, und nach monatelanger Arbeit hatten wir auf einmal nur noch zwei Tage Zeit. Ich nahm die Sache an mich, und abends – meine Freunde und ich waren schon ziemlich besoffen – klickten wir uns durch die Bildersuche bei Google. Der Suchbegriff lautete ›nude‹. Und irgendwann fanden wir dann das Motiv, das wir jetzt auf dem Cover sehen. Es muss aus den Siebzigern stammen, da bin ich mir ganz sicher. Es ging alles ganz schnell, der erste Entwurf an diesem Montagabend dauerte eine halbe Stunde, am Dienstag war das Cover fertig. Mich erinnern das Motiv und die Art, wie ich es auf dem Cover platziert habe, an einen Western bzw. an eine Landschaft, in der gut ein Western spielen könnte. Das war sogar mein erster Gedanke, als ich das Google-Image sah. Meine Freunde erinnerte es an Gemälde Dalís … Und natürlich dachte ich auch an Daft Punks Film ›Electroma‹, in dem die Kamera über eine Wüstenlandschaft fliegt, Linda Perhacs im Hintergrund singt, und man auf einmal über den Körper einer Frau fliegt und in ihrer Vagina landet. Für mich bedeutet das: Du kannst Sexualität überall finden. In der Natur oder in ganz alltäglichen Handlungen, zum Beispiel, wenn man sich die Zähne putzt. Ich finde solche Bilder sehr poetisch.

Sebastien Tellier - Sexuality
Auch das Cover der Single »Divine« greift das Motiv des auf dem nackten Frauenkörper reitenden Tellier auf – diesmal hält er ein Surfboard im Arm.

(Abbildung: © Record Makers)

    Das zweite tragende Element ist der Mann auf dem Pferd. Marc Teissier hatte immer wieder von der surrealen französischen Sex-komödie ›Calmos‹ von Betrand Blier aus dem Jahr 1976 erzählt. In diesem Film spricht eine Vagina zu einem Mann auf einem Pferd. Sie möchte ihn nicht einlassen, wie ein Türsteher, der einem den Diskobesuch verwehrt. Von Sébastien gab es das Foto auf dem Pferd, das ich immer schon genial fand. Es entstand am Comer See, am Lario, bei Dreharbeiten zu einem Film des französischen Allroundkünstlers Xavier Veilhan. Und da Sébastien besonders gegenüber Frauen sehr schüchtern ist, lassen wir ihn auf dem Bild von den Brüsten auf den Körper der Frau hinuntergucken, er geht nicht weiter, er traut sich nicht.

    Die Rechte für das Bild des Frauenkörpers haben wir nicht geklärt, keine Ahnung, wem es gehört. Mir gefällt die schlechte Auflösung, es sieht so aus, als hätte ich es aus einem Buch herauskopiert. Außerdem verstärkt es die Romantik. ›Sexuality‹ ist Sébastiens bislang romantischstes Album und ein sehr französisches dazu. Das Bild hat für mich einen ›french touch‹. Die Schrift färbte ich noch ein, um die elektronischen Elemente des Albums zu verstärken – ich dachte dabei an das Neonpink der Acid-House-Bewegung. Den Albumtitel schrieb ich mit der Hand aus. Besonders wichtig war mir noch der Rahmen: In Paris gibt es diesen Laden, Antiquités Drouot, der teure Antiquitäten und Kunst verkauft. Man bekommt dort Kataloge, in denen die Gegenstände, die zum Verkauf angeboten werden, abgebildet sind. Und das wertvollste Teil bekommt immer einen weißen Rahmen.«

Sébastien Tellier »Sexuality« (Record Makers / Al!ve), bereits erschienen

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