Der mit Michael Cera auf Tour geht – ein paar Worte über Musik, Anti-Musik und Alden Penner

Mit Alden Penner, dem früheren Kopf der Unicorns, und Micheal Cera sind zwei Indie-Phänomene auf Tour. Wir haben Michael Cera getroffen und über Alden Penner geredet.

Alden Penner, Micheal Cera und der Rest der Band verlassen die Bühne. Das Konzert ist vorbei und wenn man ehrlich ist, dann war es eher grottig. Nun ist man aber unter Freunden nicht immer ganz ehrlich, sondern auch immer ein bisschen wohlwollend unehrlich und deshalb haben einfach alle so getan, als wäre es nicht ganz so grottig gewesen. War ja auch im Privatclub in Berlin-Kreuzberg und da ist es ja immer so familiär. Und dann war da ja auch noch Micheal Cera auf der Bühne – als Attraktion sozusagen. Der Anti-Celebrity, der in der Hauptstadt der Anti-Attitüde Anti-Folk macht. Da kann man doch nicht ganz ehrlich sein, oder?

Am Nachmittag erzählt Micheal Cera, wie er Alden Penner kennengelernt hat. »Alden war damals mein absoluter Lieblingskünstler. Ich war von Aldens Art Musik zu machen derart besessen, dass ich ihn unbedingt kennenlernen wollte.« Damals, das war vor acht Jahren. Cera war da gerade mal 19, aber durch die Serie Arrested Development sowie Filme wie die Teeniekomödie Superbad oder den Indiehit Juno längst zu einem Shootingstar der Filmszene geworden. Ein Jahr nach der MTV-Sensation Napoleon Dynamite, mit der Lo-Fi, Trash und nerdiness spätestens ihren Nischenstatus verloren, traf Cera mit seinen Rollen des schlaksigen Geeks genau den Nerv der Zeit und entwickelte sich langsam zu der Indie-Ikone, auf welche sich Hollywood- und Sundance-Publikum einigen konnten.

Alden Penner, genau wie Cera Kanadier, nur fünf Jahre älter, war zu diesem Zeitpunkt schon längst eine Indie-Ikone. Nach den Alt-Rock-Jahren mit The Unicorns, machte er gerade mit Arcade-Fire-Drummer Brendan Reed unter dem Namen Clues sehr anti-folkesken Indie und gehörte damit nicht nur für Landsmann Cera zu den hippsten Gruppen Kanadas. Die Gelegenheit für eine Kooperation der beiden ergab sich, als Cera mit  Paper Heart einen Sundance-Film par excellence drehte. »Meine damalige Freundin und ich schrieben auch den Soundtrack und ich fragte Alden, ob er ihn nicht produzieren wolle. An sich war die Musik nicht sonderlich gut, aber mit Alden zu arbeiten war dafür unglaublich. Er hat mir extrem viel über Musik beigebracht.«

Acht Jahre später entscheiden die beiden, gemeinsam auf Tour zu gehen. Diesmal war es Penner, der angefragte. Die Clues gibt es schon lange nicht mehr und Alden Penner arbeitet, von einer kurzen Reunion der Unicorns für eine Tour mit Arcade Fire und dem Nebenprojekt The Hidden Words abgesehen, meist nur noch an Solosachen. Die großen Indie- und Anti-Folk-Wellen sind vorüber und Penner, nun schon Anfang 30, wirkt etwas wie ein Indie-Held vergangener Tage. Der große Durchbruch blieb aus. Seiner Karriere würden neue Impulse gut tun. Warum nicht Micheal Cera fragen?

Denn dieser Cera ist längst eine etablierte Größe in Hollywood (auch wenn er mittlerweile in Brooklyn lebt). Er dreht Filme mit James Franco, spricht bei Late-Night-König Jimmy Fallon über Mario-Cart und spielt in New York Theater. Dabei hat ihn vor allem sein vermeintliches Randfiguren-Image so populär gemacht. »Who the f… is Micheal Cera?« ist ein Motiv, mit dem er regelmäßig kokettiert und welches ganz gut sein Auftreten in der Öffentlichkeit repräsentiert: Cera ist der Anti-Celebrity und damit der ideale Partner, um die Augen auf ein Indie-Projekt zu lenken.

Ob es sich also um einen Publicitygag für seinen Freund handelt? Micheal Cera versucht, einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken und lobt das musikalische Genie Penners in höchsten Tönen. Dennoch, die Hintergründe der Tour erzählen eine andere Geschichte: Penner habe ihn schon im letzten Jahr gebeten, mit ihm auf Tour zu gehen. Ein Theaterprojekt kam dazwischen. »Desto mehr freue ich mich, dass es nun geklappt hat. Alden hat die ganze Tour-Planung übernommen. Dann haben wir noch besprochen, dass wir Songs von ihm und mir spielen.« Auf Tour gehen sie als Alden Penner & Micheal Cera. Aber es ist wohl der Name Cera, der zieht. Gerade in Europa. Die Shows sind durchweg gut besucht.

Auf der Bühne kündigt Alden Penner das gemeinsame Programm als »Salad of music« an. Es ist seine einizige, wirkliche Moderation, den Rest übernimmt ein sehr charmanter Micheal Cera. Penner, der Leadsänger und Leadgitarrist steht ganz links außen. Cera, wenn nicht gerade am Orgellrondell, steht zentral, zig Smartphones schneiden das Happening mit, Fokus auf Cera. Wirklich viele Alden-Penner-Fans scheinen nicht im Publikum zu sein.

Und wie ist die Musik? 30, 40 Minuten lang krächzen die beiden auf der Bühne Falsett-Duette, die man auch Duelle nennen könnte und die es zum Teil selbst eingefleischten Anti-Folkern schwer machen, Genuss daran zu finden. Das Publikum tuschelt, lacht, redet, wenige hören wirklich zu. Eigentlich Höchststrafe. Dennoch: verklingt die Musik wird frenetisch applaudiert und gejohlt. Auch die auf der Bühne merken: da ist was faul. Naja, Cera macht souverän einen Witz. Alle lachen. Penner schaut peinlich berührt und lächelt mit. Weiter geht’s.

Dass Alden Penner wirklich ein brillanter Musiker ist, wird erst gegen Ende des Sets klar. Er spielt Schlagzeug, ganz hinten auf der Bühne versteckt. Cera trällert vorne gegen alle Harmoniegesetze fröhlich das schrille C und grinst in die Menge. Aber Penner drischt mit  Intensität und Manie auf das Schlagwerk ein, dass man nicht mehr weg blicken kann. Die Leute hören auf zu tuscheln. Cera blickt zurück, voller Anerkennung. Danach ist Penner wie verändert. Alles klingt souveräner, ehrlicher und weniger verkrampft. Sie spielen mit »Ledmonton« einen der brillantesten Songs der Clues, die Leute tanzen kurzzeitig. Es ist der beste Moment des Konzerts. Dann noch eine Zugabe, dann aus.

Auf die Frage, ob diese Kollaboration einmalig ist oder ob daraus mehr werden könnte, meint Cera wohl versehentlich lapidar: »Nein, ich glaube nicht. Den Großteil meiner Energie will ich einfach anderen Projekten widmen. Ich meine, vielleicht nehmen wir etwas auf oder so. Für uns einfach.« Im kommenden Jahr wird er in Sausage Party neben James Franco, Paul Rudd, Kirsten Wigg und Jonah Hill auf der Leinwand zu sehen sein. »Für mich war es einfach eine schöne Erfahrung, mit Alden zu spielen und mal auf Tour zu sein.«

Wie anders die Wahrnehmung für Penner gewesen sein dürfte, zeigt eine andere Anekdote, die Cera erzählt. Noch vor dem ersten Konzert in einem heruntergekommenen Inn im Londoner Umland wurde Penner von Bettwanzen befallen. »Das ist ja eine unglaublich nervige Situation. Bettwanzen. Alles wegwerfen oder verbrennen. Da stand die Tour zu Beginn schon auf der Kippe. Aber es war total beeindruckend, wie gelassen die anderen das handhabten. Ich bin nicht sicher, ob ich so cool reagiert hätte.« Auch wenn Cera damit eigentlich etwas anderes sagen will, es zeigt, für wen wie viel während dieser Tour auf dem Spiel steht und wie relevant sie für Penner ist.

1 KOMMENTAR

  1. Guter Konzertbericht, so ähnlich habe ich es auch empfunden. „Grottig“ finde ich allerdings etwas zu hart gewertet: Ceras Gesang traf fürwahr nie den richtigen Ton, doch hat Alden Penner musikalisches Können bewiesen. Schade, dass so viel palavert wurde im Publikum.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here