Abriss einer Ära

Bernd Eichinger Nachruf Constantin FilmAm gestrigen Dienstag kam der Film in die Köpenicker Straße in Berlin-Kreuzberg. Vor einer Fabrik, direkt neben der Redaktion der Spex, wuchs ein Gerüst in die Höhe, Scheinwerfer strahlten ins Gebäude, ein Wagendorf aus Trailern und Catering-Bus entstand. Auf dem Drehplan: Die Fortsetzung der erfolgreichen Kinokomödie »Männerherzen« – business as usual also.

    Keine drei Stunden später kam die Mail mit einer Pressemitteilung, äußerst knapp: »Völlig unerwartet ist Bernd Eichinger am gestrigen Abend in Los Angeles verstorben, wie seine Familie heute mitteilt. Er erlag während eines Essens im Freundes- und Familienkreis einem Herzinfarkt. Die Familie bittet darum, ihre Privatsphäre zu respektieren.« Der Blick geht nach draußen, wie oft nach solchen Nachrichten. Die Scheinwerfer waren erloschen, die Trailern standen im Dunkeln, das Set war leer.

    Es spielt keine Rolle, dass »Männerherzen … und die ganz ganz große Liebe« keine Produktion von Bernd Eichinger war. Es ist so gut wie unmöglich, in Deutschland einen Film mit einem gewissen professionellen Standard zu machen, ohne dass daran jemand massgeblich beteiligt wäre, der irgendwann auch Eichingers Weg gekreuzt hat. Bernd Eichingers Tod ist das plötzliche Ende einer Ära, ein Schock. Zu behaupten, mit ihm immer einverstanden gewesen zu sein, wäre allerdings eine würdelose Heuchelei. Kamen die Vorlagen nun von Ralf König (»Der bewegte Mann«), Hera Lind (»Das Superweib«) oder Patrick Süßkind (»Das Parfüm«) – von Eichinger produzierte Bestsellerverfilmungen schienen oft von ihrem geradezu angstvollem Bemühen um Massenkompatibilität etwas gelähmt, neigten zur filmischen Illustration, statt zu filmischen Ideen. In der Isabel Allende-Adaption »Das Geisterhaus« sieht man einen Autounfall, bei dem einem der Opfer der Kopf abgetrennt wird: er flog in Zeitlupe einmal quer über die Leinwand, wie ein Fußball. Das elegische Drama rutschte für bizarre Sekunden ab in eine Horror-Komödie. Jahre später, auf einer Pressekonferenz zum nächsten gemeinsamen Film des »Geisterhaus«-Teams konnte ich fragen: »Warum haben Sie das gemacht?« Nicht der Regisseur Bille August, sondern sein Produzent ergriff das Mikrofon und antwortete: »Weil es genau so im Buch steht.«

    Auch sonst hat Eichinger viel Quatsch gemacht – und dazu zählen nicht seine fröhlich klamaukigen Teenie- oder Ballermannkomödien, sondern vor allem seine ambitionierten Ausflüge in die deutsche Geschichte. Zu »Der Untergang«, »Der Baader Meinhof Komplex« und dem Bushido-Vehikel »Zeiten ändern Dich« schrieb er auch die Drehbücher, die Filme gerieten zu mindestens ärgerlichen, pseudovoyeuristischen Event-Blasen. Seine finanziellen Erfolge gaben Eichinger jedoch Recht, in der Regel und innerhalb des von ihm bedienten Systems. Allein seine Ralf König-Verfilmung »Der bewegte Mann« (Regie: Sönke Wortmann) lockte 1994 über 6 Millionen Zuschauer an, über 80 Millionen sollen im deutschsprachigen Raum schon einmal einen Bernd Eichinger-Film gesehen haben – im Kino, wohlgemerkt.

    Bernd Eichinger war ein leidenschaftlicher, erfrischend unbescheidener, ungeheuer produktiver Kinoverrückter, der sich nicht nur traute, in einem Land, in dem nahezu jede geschlagene Filmklappe am Tropf der staatlichen Filmförderung hängt, vom ganz großen internationalen Kino zu träumen. Er hat diese Träume in den letzten 40 Jahren auch realisiert – von »Der Name der Rose« mit Sean Connery bis hin zu den Game-Adaptionen »Resident Evil« mit Milla Jovovich, deren vierter Teil im vergangen Herbst sogar als 3D-Film an den Start ging. Dafür wurde er von der Kulturkritik so selten gewürdigt, dass andere sich immer wieder genötigt fühlten, für ihn in die Bresche zu springen – wie etwa der Regisseur Oskar Roehler in einem bemerkenswerten Roundtable-Interview im Vorfeld der letztjährigen Berlinale, in dem er gegenüber den Vertretern der minimalistischen Berliner Schule Benjamin Heisenberg und Angela Shanelec Eichinger-Produktionen als großes Entertainment mit »400 Komparsen« verteidigte, an dem 90% jener Regisseure scheitern würden, die man immer »auf einen Sockel« hebt, nur weil sie »zwei Schauspieler am Tisch« gut inszenieren könnten.

    Viel ist nun von Bernd Eichingers »Größe« die Rede. Ihr letztendlicher Beweis steckt allerdings nicht nur in seinen »großen Erfolgen«, noch nicht einmal in dem Oscar, den er 2003 als Co-Produzent von Caroline Links »Nirgendwo in Afrika« erhielt. Es liegt in den Details, die sich in seiner Filmografie verstecken. Wer weiß schon, dass er 1974, als Absolvent des Regiestudium an der Hff München, seine erste Produktionsfirma nach Andrei Tarkovskys »Solaris« benannte, Produktionsleiter bei Alexander Kluges »Der starke Ferdinand« und Produzent von Roland Klick war? Es ist auch an der Zeit sich zu erinnern, dass Bernd Eichingers Bewerbungsfilm an der Hochschule den schönen Namen »Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues« trug. Dass er Lars von Triers Genie schon in seinem Debüt »Element of Crime« erkannt und immerhin versucht hat, den Dänen mit einem »enormen Mercedes« zu bestechen, um ihn für seine Neue Constantin unter Vertrag nehmen zu können (so erinnerte sich von Trier 1998 in der ersten Ausgabe der Filmzeitschrift Revolver). Unvergesslich bleiben auch »Der Zementgarten«, das inzestuöse Geschwisterdrama mit Charlotte Gainsbourg von Jane Birkins Bruder Andrew, das Eichinger mitproduzierte, und sein ebenso schräger, wie letzter Versuch, selbst Regie zu führen. »Der große Bagarozy«, eine Hommage an Maria Callas und seine Hauptdarstellerin, die großartige Corinna Harfouch (die einige Zeit auch Eichinges Lebensgefährtin war), scheiterte grandios – auch das muss man erstmal können.

    Ein so unbedingter Arbeiter im Dienste des Kinos, ein so zupackender Unterhalter wie Bernd Eichinger ist heutzutage eine Rarität. Sein Tod hinterlässt einen gigantischen Krater im deutschen Film. Eichinger starb am 24. Januar im Alter von 61 Jahren. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Freunden und Mitarbeitern. Constantin Film hat auf Facebook ein Kondolenzbuch hinterlegt.

Foto: © Constantin Film

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