Der alte Mann und die Mär

In unserer Reihe »Bilder, die die Welt bewegten« stellen wir jede Ausgabe eine Filmszene – und den dazugehörigen Film – vor. Vom Detail zum Allgemeinen, vom Augenblick zum Werk, dazu die Bilder als Sequenz. Diese Folge: Bruce Webers Film über die Jazzlegende Chet Baker, »Let’s Get Lost«, der in England vor kurzem auf DVD erschienen ist. Am Mittwoch, 10. September zeigt Spex »Let’s Get Lost« um 20 Uhr in Kooperation mit dem Arsenal Kino / Freunde der deutschen Kinemathek.

Lets Get Lost Bruce Weber
Chet Baker, am Strand liegend, wirkt uralt.

(Stills: © Metrodome)

Am Strand von Santa Monica. Das Meer rauscht. Spielende Kinder kreischen im Hintergrund. Chet Baker liegt mit einer jungen Frau zärtlich im Sand. Er wirkt uralt. Aus dem Off hebt seine weiche, jungenhafte, etwas feminine Stimme an: »1968. Das ist wirklich lange her.« – »Fast zwanzig Jahre«, bemerkt die Interviewerin. Schnitt. Baker sitzt in einem weißen Rollkragenpullover auf dem Boden: »Ich arbeitete damals im Trident, einem Club in Sausalito, und zog mich danach immer in dieses Hotel im Filmbezirk zurück. Eines Tages ging ich rein und bemerkte einen Kerl, den ich schon mal in dem Connections-Apartment gesehen hatte. Ich hatte das Gefühl, dass er mich abziehen will. Also steckte ich meine Hand in die Tasche, als hätte ich eine Waffe. Er ließ mich weiter die Treppe hochgehen. Am nächsten Tag jedoch hatte er fünf Jungs dabei.« – »Und die haben dir deine Zähne ausgeschlagen«, ergänzt die Interviewerin. »Well, einer fragte mich nach der Uhrzeit. Bevor ich wusste, wie mir geschah, lag ich am Boden. Ich rannte, kämpfte, dann rannte ich wieder. Ich sprang sogar in ein Auto, aber sie schleiften mich wieder raus. Und dann vertrieben zwei ältere Schwarze, die aussahen wie Detectives, die Männer. Die beiden brachten mich ins Hospital.« – »Musstest du dir dann dein Gebiss neu verdrahten lassen?« – »Mein Gebiss war so stark zerstört, dass es das Beste war, alle Zähne zu entfernen. Sie waren ohnehin nicht in einem guten Zustand. Es dauerte ein halbes Jahr, bis ich mich entschieden hatte, trotz der Zahnprothese weiter Trompete zu spielen.«

    Die traumhaft-poetische Schwarzweiß-Romanze »Let’s Get Lost« von Bruce Weber aus dem Jahr 1988 begleitet den damaligen Mittfünfziger Chet Baker durch sein finales Jahr in Europa und den USA. Ästhetisierte Inszenierungen des späten, von Heroinsucht gezeichneten Baker wechseln mit Zeitdokumenten und Interviewsituationen. Freilich will Weber die Jazzlegende nicht entschlüsseln, er zeigt ihn als sphinxhaften Vagabunden, um den sich unzählige Mythen ranken – teils von Baker selbst verbreitet. So bleibt offen, ob sein Gebiss wirklich Opfer eines Überfalls wurde, ob es einfach über die Jahre verrottete oder ob er sich die Schlägerei gar selbst eingebrockt hatte.

Lets Get Lost Bruce Weber
Notiz, Notiz, Trompete, Zigarette, Trompete.

(Stills: © Metrodome)

    So wenig Bruce Webers nun in England auf DVD neu erschienener Film zur Mythenklärung beitragen will, so sehr ist er doch eine Hommage an einen begnadeten Junkie, der nach einem Blitzstart nach ganz oben in den frühen Fünfzigern vom rebellischen, androgynen James Dean des Jazz zum frühvergreisten Bukowski-Verschnitt mutierte. Stets umgeben von attraktiven Frauen, manövriert sich Baker auf panisch-manipulativer Suche nach dem nächsten Fix zunehmend an den Rand der Verwahrlosung. Part of the game: Heroin haben fast alle der Jazz-Größen gespritzt, mit denen Baker gespielt hat – darunter Charlie »Bird« Parker, Gerry Mulligan, Miles Davis und Stan Getz. Die Boulevardpresse stürzte sich auf die wilden Geschichten von Gefängnisaufenthalten in Italien und den USA, die mit dem illegalen Rausch einhergingen. Und schon bald zogen die neuen Ikonen des Rock an ihm vorbei, Baker verschwand aus der medialen Wahrnehmung. Die Magie seines Trompetenspiels allerdings blieb die Jahrzehnte hindurch unverwechselbar, und seine Stimme, zunehmend in Lebenserfahrung getränkt, schimmerte in immer tieferem Blue – unzählige, mal brillante, mal unfokussierte Aufnahmen dokumentieren das Auf und Ab Bakers, der Soundtrack zu Webers Film gehört zu den Höhepunkten seines Schaffens.

    Bruce Weber, schon vor der Fertigstellung von »Let’s Get Lost« kometenhaft zu einem weltbekannten Mode- und Aktfotograf aufgestiegen, scheint vom Musiker Chet Baker genauso gebannt wie der Fotograf William Claxton, der Baker dreißig Jahre zuvor als bildschönen Jüngling in berühmten Schwarzweiß fotografien bannte. Doch Weber scheint auch besessen von den Widersprüchen, vom Vater Chet Baker, der die Kinder, die er mit verschiedenen Frauen hat, so selten besucht, dass man sich wundert, dass er sich vor der Kamera an ihre Namen erinnert. Das Träumerische des Films gelingt durch Inszenierung – indem Weber sorgfältig soziale Settings arrangiert, in die er anschließend Baker platziert: Es gibt gecastet wirkende Party-Happenings voller attraktiver Körper, ausgelassener Stimmung, erotischer Spannung. Weber präsentiert hier bereits, als Backdrop für den ehemaligen Posterboy Baker, sein Arsenal amerikanischer Typen, das zwei Jahre später auch sein »Being Boring«-Video für die Pet Shop Boys unvergesslich machen sollte. Unter anderem zu sehen, in jugendlicher Makellosigkeit: Tony Ward, Lisa Marie, Chris Isaak. Die Gruppierungen haben jedoch keinen anderen Sinn, als Baker zur Geltung zu bringen. Er sticht immer noch heraus. Bei nächtlichen Autoscooter-Runden zwischen flirtenden Pärchen, die begeistert »Chet! Chet!« rufen; in ausgelassener Runde im Club – Augenblicke lang scheint Baker, die Legende, zutiefst irritiert ob des traumhaften Interesses, das ihm hier von den bestens gelaunten charmanten Jungen und Mädchen, die Bruce Weber ihm zur Seite gestellt hat, entgegenschlägt. Es ist die Skepsis eines Mannes, der am eigenen Leib erfahren hat, was ein Zuviel an körperlicher Schönheit in einem Menschen anrichten kann.

Lets Get Lost Bruce Weber
Die fröhlichen Momente trösten über die dunklen hinweg. »Let’s Get Lost« zeigt ein früh gealtertes Genie.

(Stills: © Metrodome)

    Im Mai 1988, noch während des Filmschnitts, stürzte Baker in Amsterdam im Heroinrausch aus dem Fenster eines Hotels und brach sich das Genick. So zumindest die offizielle Version, die sich – wie so viele Geschichten aus seinem Leben – einmal mehr gegen Konkurrenzmythen behaupten muss. So heißt es über seinen Tod mal, es sei Mord oder Selbstmord gewesen, oder, er habe versucht, an der Regenrinne in sein wegen unbezahlter Rechnungen gekündigtes Zimmer im zweiten Stock zu klettern, um seine Trompete zu retten.

    »Let’s Get Lost« zeigt ein früh gealtertes Genie, einen Mann, der zwischen Verantwortungslosigkeit und kindlicher Leichtigkeit und Sanftheit oszilliert, der mit Trompete und Stimme tiefe musikalische Wahrheit produziert. Klar ist, dass auch das Wahre mit der Zeit verblasst. Wahr ist, dass jeder, der den Zug der Zeit verpasst, nicht von dieser Welt ist und ihn darum niemand klar erfasst. Chet Baker bleibt auch für Nachgeborene ein lyrisches Rätsel.

»Let’s Get Lost« USA 1988, Regie: Bruce Weber Mit Chet Baker, William Claxon, Ruth Young u.a., 120 Min., Englisch, DVD (Metrodome) UK-Import, erhältlich z.B. über videodrom.com oder Amazon

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