Ab heute bringt der Brite Deptford Goth seinen melancholischen Pop-Minimalismus auf Tour. Ein Porträt.

Britisches Understatement soll man nicht unterschätzen. Wenn ein Musiker von sich sagt, er sei rein zufällig zu seinem Debütalbum gekommen, mag das so klingen, als habe er das eine oder andere der Gunst des Schicksals zu verdanken. Es kann aber, ähnlich wie bei James Blake, ebenso gut eine vornehm-zurückhaltende Weise sein, drohendes Selbstlob für den wohlverdienten, hart erarbeiteten Erfolg zu umschiffen.

Bei Daniel Woolhouse alias Deptford Goth hingegen könnte es mit dem Zufall sogar stimmen. Der Kunsthochschulabsolvent aus Südlondon erweckt nicht gerade den Eindruck eines zielstrebigen Karriereplaners. Bis vor Kurzem half er zum Broterwerb als Lehrer in einer Grundschule aus, Musik war für ihn bloßes Hobby – mit Gitarre, Vierspurgerät und Computer: »Ich habe immer Musik gemacht, aber ich hatte bisher nicht so richtig viel fertig geschrieben.«

Immerhin hatte er eine Myspace-Seite, auf der er einen Song einstellte. Und der gefiel Milo Cordell vom Londoner Label Merok Records – eine Adresse, bei der unter anderem schon Teengirl Fantasy und Blondes erschienen – so gut, dass er Woolhouse um weitere Songs bat. Aus denen wurde eine erste EP, dann kam man auf ein Album zu sprechen. »Da habe ich beschlossen, dies könnte eine Weile ein Job für mich sein.« Star werden taugt heutzutage ohnehin nur noch sehr eingeschränkt als Berufsziel, da fährt man als Musiker mit bodenständigem Pragmatismus allemal besser.

Auch wenn der Name Deptford Goth an blassgeschminktes Finsterheimertum denken lässt: Woolhouses Songs tun das nicht. Was der Schlafzimmerproduzent im Alleingang für sein Debütalbum Life After Defo zusammengetragen hat, mag verhalten-melancholisch daherkommen und ein wenig nach den abgezogenen Erinnerungshallräumen des Hypnagogic Pop klingen. Eine gewisse Nähe zu James Blakes von Dubstep inspiriertem Pop ist ebenfalls in diesen luftigen Arrangements zu spüren. Überhaupt scheint Reduktion seit dem überwältigenden Erfolg von The xx eine der Zauberformeln im britischen Pop geworden zu sein.

Die richtige Balance zwischen zu viel und zu wenig zu finden, gehört für Woolhouse denn auch zu den wichtigsten Aufgaben beim Komponieren: »Am Anfang waren meine Songs sehr schlicht, dann habe ich jede Menge dazugepackt und anschließend wieder abgetragen. Dabei ist mir aufgefallen: Wenn man durch diese Phasen des Hinzufügens und Reduzierens geht, behält man am Ende ein kleines Überbleibsel von jedem Stadium, das man durchlaufen hat.« Es geht Woolhouse beim Arrangieren mithin weniger um das Herumprobieren, vielmehr ist es das Anhäufen von Spuren, das den Produktionsprozess interessant macht.

Der Name Deptford Goth wirkt übrigens nicht nur auf deutsche Leser etwas eigenartig, wie Woolhouse versichert. Fragen zu dessen Etymologie muss er daher ziemlich häufig beantworten. Zunächst war es einfach nur ein Name, zusammengesetzt aus der Bezeichnung eines Londoner Stadtteils und der Kurzform von »Gothic«. Woolhouse schrieb diese Kombination – zufällig – hin, sie gefiel ihm, und als er seinem Projekt einen Namen geben musste, nahm er halt diese zwei Ausdrücke. »Die Wörter sind interessant nebeneinander, es ist einfach eine gute Buchstabenfolge.« Für den Albumtitel gilt Ähnliches: Life After Defo spielt mit der Homophonie mit »Life After Death« – »defo« ist eine Kurzform von »definite«, will sagen: endgültig. Wer weiß, am Ende steckt wohl doch ein bisschen Goth in Woolhouses Projekt – aber eben mit einer gehörigen Portion britischer Ironie.

Jetzt weiter auf SPEX.de: »Lessons«, den neuen Song von SOHN, hören oder das Debütmixtape der RnB-Sängerin Kelela.

Deptford Goth live
10.10. Berlin – Berghain Kantine
11.10. Leipzig – UT Connewitz
13.10. Hamburg – Uebel & Gefährlich
26.10. München – Ritournelle @ Münchner Kammerspiele