Denn sie weiß, was sie tut?

t Seifenlauge zu illegalen Abtreibungen verhilft, wissen von ihren Diensten. Und ihre Freundin Lily (Ruth Sheen) weiß es. Sie bereichert sich an dem, was Vera anscheinend aus reiner Mitmenschlichkeit tut. Lily vermittelt den Kontakt konspirativ und kassiert dafür kleine Summen, von denen Vera Drake keinen Schimmer hat. Für die Frauen der Arbeiterklasse aber mögen die Geldbeträge hoch sein. Regisseur Mike Leigh (»All Or Nothing«) hat das Setting und den Plot seines bereits mehrfach ausgezeichneten Films, der den Namen der Protagonistin im Titel trägt, dazu genutzt, das Klassensystem, das heute unscheinbarer existiert, dem Publikum bewusst zu machen. 1950, könnte man zynisch sagen, war die Welt noch in Ordnung.
Einen Kinofilm so »real« wie möglich erscheinen zu lassen, macht nicht immer Sinn. In diesem Fall ergibt sich der Sinn aus den aktuellen Ordnungsfragen.

Na klar, die Welt hat sich weiterbewegt, würde Roland, Stephen Kings Held aus seinem »Der Dunkle Turm«-Zyklus sagen. Familien, Klassen, Geld gibt es aber immer noch. Bis zum Schluss erfahren wir nicht, warum Vera Drake zur Engelmacherin wurde. Wir können es aber anhand der patriarchalen Ordnung, der sie sich zu unterwerfen hat, ahnen. Es sind die Männer, die entscheiden, wann gefickt, gegessen und abgetrieben wird. Der Richter (Jim Broadbent) wird ebenso gnadenlos, im Sinne der Rechtsordnung, mit ihr Verfahren, wie Inspektor Webster (Peter Wight) zusätzlich ordentliche Moralvorstellungen und ordnungsgemäße ärztliche Behandlungen heraufbeschwört. Von der Polizistin (Helen Coker) ist keine Solidaritätsadresse zu erwarten. Im staatlich organisierten Ordnungssystem existieren weder sie noch Vera Drake als Frauen.

Es geht um Täter und Opfer. Es ist klar, wer die Rollen verteilt. Das traute Familienleben der Drakes wird gestört, weil auch Veras Sohn Sid (Daniel Mays) kein Verständnis zeigt, nachdem Veras Taten ans Licht gekommen sind. Zwar halten ihr Ehemann Stan (Phil Davis), Tochter Ethel (Alex Kelly) sowie der künftige Schwiegersohn Reg (Eddie Marson) weiter zu ihr. Doch in ihren Gesten und Worten halten sich Empathie und Hilflosigkeit die Waage. Da war Vera selbst schon einmal weiter. Sie hat gehandelt, um zu helfen. Und ob es sich um Selbstlosigkeit handelt oder nicht: Es ist furchtbar mitanzusehen, wie sie nach einer misslungenen Abtreibung enttarnt wird. Ihre Wehr- und Sprachlosigkeit werden durch eindrucksvolle Filmsprache drastisch zu einem laufenden Verfahren für die Zuschauer, das nach der Vorstellung moralische und politische Fragen und Antworten hoffentlich auf Dauer zur Disposition stellt. Genau wie das unverdrossene Pfeifen, mit dem sie die Verrichtung ihrer Putzarbeiten im Kreise der upper class zuvor begleitet hat.

Die übrigen Charaktere und jener Handlungsstrang, der ein Mädchen aus der upper class (Sally Hawkins) beim Weg zu einer legalen Abtreibung über die Zwischenstation der Praxis eines Psychiaters begleitet, sind keine Zufälle und machen Leighs Arbeit um diverse Formen des privaten Geheimwissens und öffentlicher Ordnung komplett. Er hat nicht geurteilt, sondern gefilmt. Und auf diese Weise hat er noch immer wirkmächtige, universelle Konflikte als Angebot zum Mitdenken auf die Leinwand gebracht.

Ein Beispiel aus einer der trübsten Szenen im real exitierenden D-Land 2005 mag etwas Licht werfen auf die angesprochenen Zusammenhänge: »Wo der Mensch sich nicht relativieren oder eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Betlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht« So plappert Joachim Meisner, Bischof von Köln, daher. Und so werden – unter anderem – Engel gemacht.

»Vera Drake – Frau und Mutter«, UK/FR 2003, 124 Min., R: Mike Leigh, D: Imelda Staunton, Phil Davis, Peter Wight, Adrian Scarborough u.a.

Kinostart: 03. Februar 2005

Vera Drake (Imelda Staunton) ist Engelmacherin in einem trüb in Szene gesetzten Nachkriegsengland. Die Engel, die sie macht, müssen geheim bleiben. Nur die Frauen, denen sie mit einer Art Seifenlauge zu illegalen Abtreibungen verhilft, wissen von ihren Diensten. Und ihre Freundin Lily (Ruth Sheen) weiß es. Sie bereichert sich an dem, was Vera anscheinend aus reiner Mitmenschlichkeit tut. Lily vermittelt den Kontakt konspirativ und kassiert dafür kleine Summen, von denen Vera Drake keinen Schimmer hat. Für die Frauen der Arbeiterklasse aber mögen die Geldbeträge hoch sein. Regisseur Mike Leigh (»All Or Nothing«) hat das Setting und den Plot seines bereits mehrfach ausgezeichneten Films, der den Namen der Protagonistin im Titel trägt, dazu genutzt, das Klassensystem, das heute unscheinbarer existiert, dem Publikum bewusst zu machen. 1950, könnte man zynisch sagen, war die Welt noch in Ordnung. nEinen Kinofilm so »real« wie möglich erscheinen zu lassen, macht nicht immer Sinn. In diesem Fall ergibt sich der Sinn aus den aktuellen Ordnungsfragen.nnNa klar, die Welt hat sich weiterbewegt, würde Roland, Stephen Kings Held aus seinem »Der Dunkle Turm«-Zyklus sagen. Familien, Klassen, Geld gibt es aber immer noch. Bis zum Schluss erfahren wir nicht, warum Vera Drake zur Engelmacherin wurde. Wir können es aber anhand der patriarchalen Ordnung, der sie sich zu unterwerfen hat, ahnen. Es sind die Männer, die entscheiden, wann gefickt, gegessen und abgetrieben wird. Der Richter (Jim Broadbent) wird ebenso gnadenlos, im Sinne der Rechtsordnung, mit ihr Verfahren, wie Inspektor Webster (Peter Wight) zusätzlich ordentliche Moralvorstellungen und ordnungsgemäße ärztliche Behandlungen heraufbeschwört. Von der Polizistin (Helen Coker) ist keine Solidaritätsadresse zu erwarten. Im staatlich organisierten Ordnungssystem existieren weder sie noch Vera Drake als Frauen. nnEs geht um Täter und Opfer. Es ist klar, wer die Rollen verteilt. Das traute Familienleben der Drakes wird gestört, weil auch Veras Sohn Sid (Daniel Mays) kein Verständnis zeigt, nachdem Veras Taten ans Licht gekommen sind. Zwar halten ihr Ehemann Stan (Phil Davis), Tochter Ethel (Alex Kelly) sowie der künftige Schwiegersohn Reg (Eddie Marson) weiter zu ihr. Doch in ihren Gesten und Worten halten sich Empathie und Hilflosigkeit die Waage. Da war Vera selbst schon einmal weiter. Sie hat gehandelt, um zu helfen. Und ob es sich um Selbstlosigkeit handelt oder nicht: Es ist furchtbar mitanzusehen, wie sie nach einer misslungenen Abtreibung enttarnt wird. Ihre Wehr- und Sprachlosigkeit werden durch eindrucksvolle Filmsprache drastisch zu einem laufenden Verfahren für die Zuschauer, das nach der Vorstellung moralische und politische Fragen und Antworten hoffentlich auf Dauer zur Disposition stellt. Genau wie das unverdrossene Pfeifen, mit dem sie die Verrichtung ihrer Putzarbeiten im Kreise der upper class zuvor begleitet hat.nnDie übrigen Charaktere und jener Handlungsstrang, der ein Mädchen aus der upper class (Sally Hawkins) beim Weg zu einer legalen Abtreibung über die Zwischenstation der Praxis eines Psychiaters begleitet, sind keine Zufälle und machen Leighs Arbeit um diverse Formen des privaten Geheimwissens und öffentlicher Ordnung komplett. Er hat nicht geurteilt, sondern gefilmt. Und auf diese Weise hat er noch immer wirkmächtige, universelle Konflikte als Angebot zum Mitdenken auf die Leinwand gebracht.nnEin Beispiel aus einer der trübsten Szenen im real exitierenden D-Land 2005 mag etwas Licht werfen auf die angesprochenen Zusammenhänge: »Wo der Mensch sich nicht relativieren oder eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Betlehem umbringen lässt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht« So plappert Joachim Meisner, Bischof von Köln, daher. Und so werden – unter anderem – Engel gemacht. nn»Vera Drake – Frau und Mutter«, UK/FR 2003, 124 Min., R: Mike Leigh, D: Imelda Staunton, Phil Davis, Peter Wight, Adrian Scarborough u.a.nnKinostart: 03. Februar 2005

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