„Den Klang ernst nehmen“ – Tony Cokes im Interview

Tony Cokes, "Evil.16 (Torture Musik)", 2011. Still, digital video, color, stereo, 16′27′′. Courtesy Tony Cokes; Greene Naftali Gallery, New York

Die Videos von Tony Cokes sind so simpel wie effektiv: Zitate aus akademischen und journalistischen Texten in farbiger Schrift vor farbigem Hintergrund oder Videofragmenten, dazu Musik zwischen IDM, Pop und Indie-Rock. Für die diesjährige Berlin Biennale verlegt der 62-jährige Künstler aus Richmond, Virginia, seine Videoinstallationen in den Clubkontext. SPEX hat darüber mit ihm ein Gespräch geführt.

Ihre Arbeiten kombinieren Text und Musik. In welchem Kontext steht beides zueinander?
Ich glaube, Musik funktioniert als Ergänzung, oder eher als Widerspruch oder Korrektiv zu den visuellen und diskursiven Modi, denen wir im Alltag begegnen. Ich arbeite oft auf eine produktive Spannung zwischen den verbalen oder visuellen und den klanglichen Teilen meiner Arbeit hin. In einem Video wie „Evil.16: Torture Music“ wollte ich zum Beispiel bekannte amerikanische oder britische Popmusik in einen extremen Kontext setzen, nämlich als Teil eines imperialistischen und rassistischen Regimes.

„Evil.16: Torture Music“ thematisiert die Nutzung von amerikanischer Popmusik bei der Folter politisch Gefangener im Nahen Osten. Der Kontrast zwischen Klang und Text ist extrem bedrückend.
Mich faszinierte, dass etwas, das in seinen normativen Kontexten als so harmlos oder befriedigend wahrgenommen wird, in anderen kulturellen oder politischen Umständen so radikal andere Effekte haben kann. Die Idee, dass Popmusik als Waffe benutzt werden könnte, klingt im ersten Moment absurd und lächerlich. Allerdings kann das Vergnügen in Kombination mit anderen Formen der „soften“ Brutalität schnell umschlagen. Ich glaube, dieses Thema zieht mich besonders an, weil es in meinen Werken oft darum geht, Dinge in einen anderen Kontext zu verlegen und dadurch unerwartete Resultate zu erreichen.

Sie planen, auf der kommenden Berlin Biennale ihre Installationen mit einem Club-Setting zu kombinieren. Wie kam es dazu?
Vor mehreren Jahren beschrieb einer meiner Kollegen, der Literaturtheorie in meinem Fachbereich unterrichtet, meine Arbeit als „einen Raum der Theorie, in dem man tanzen kann.“ Viele meiner Werke behandeln anekdotische, journalistische und popkulturelle Texte, aber die Gegenüberstellung von Tanz- und Popmusik und kritischen Texten ist zentral für meine Kunst. Meine Arbeit geht davon aus, dass Musik und Klang diskursive Formen sind. Ich, wie viele andere, glaube, dass aufgenommene Musik zugleich Literatur, Geschichte, Politik und Philosophie ist, eine Kunstform mit Möglichkeiten ad infinitum. Wenn man anfängt, Klang ernst zu nehmen, ihm erlaubt, die Hegemonie unserer scheinbar hauptsächlich visuellen und textbasierten Kultur in Frage zu stellen, erwachsen massive Möglichkeiten. Musik ist immer der zentrale Punkt meiner Praxis.

 

Wie wird Ihr Projekt bei der Berlin Biennale genau aussehen?
Von September bis November 2012 habe ich in Los Angeles eine Retrospektive mit Werken der letzten 15 Jahre gezeigt, unter anderem auch eine Loop-Installation in einem Café. Dort kam ich noch mehr als zuvor auf den Geschmack eines ungezwungenen Umfelds. In Berlin wollen wir nun das Traumszenario realisieren. Wir denken da an zwei verschiedene choreographische Performances, sowie drei oder vier Technopartys in circa drei Monaten, in denen am selben Ort eine Multikanalvideopräsentation stattfindet. Die Performances werden einige meiner Themen aufgreifen, aber nicht direkt Bilder oder Musik aus meiner Kunst zitieren.

Welche Musik wird dort gespielt?
Bei den Clubabenden sollen DJs und Produzenten aus dem Bereich des Minimal Techno dabei sein, vielleicht wird es auch Abstecher in andere Richtungen geben, UK Dubstep zum Beispiel – ein Genre, das für mich als Hörer in den letzten 12 Jahren sehr prägend war.

Welche anderen Musiker und Genres haben Sie in den letzten Jahrzehnten beeinflusst?
Wow, wo fange ich an? Zwischen 1997 und 2000 war ich Teil eines konzeptuellen Bandprojekts namens Swipe. In dieser Zeit fing ich an, viel kontemporäre Musik zu hören. Während dieser Recherche schrieb ich eine Reihe kurzer, kritischer Essays über den widersprüchlichen und wechselhaften Zustand von Popmusik im Kapitalismus, den Einfluss von Technologien und die Klänge und Konzepte, die mich faszinierten. Ein Großteil der Musik damals war deutsche elektronische Musik aus verschiedenen Genres: Post-Rock, Techno, Hamburger Schule, Indietronica.

Was wurde aus Swipe?
Meine Bandkollegen verloren das Interesse das Material, das wir entwickelten, zu veröffentlichen, das hat mich frustriert und ich entschied, das Projekt zu verlassen. Ich war aber auf den Geschmack gekommen, meinen Musikkonsum mithilfe von Archiv- und Abspielsoftware zu strukturieren. Über die nächsten vier Jahre machte ich eine Serie an Videos namens „Pop Manifestos.“ Zwischen 1998 und 2000 zeigte mir auch ein Freund, der Drehbuchautor und Regisseur Lars Hubrich, viel Musik, die mich stark beeinflusste. The Notwist waren eine große Inspiration und tauchen auch in meiner „Evil“-Videoserie auf. Deutsche Künstler wie Lali Puna, GAS, Blumfeld, Console, Mouse on Mars, Static, Thomas Brinkmann, Uwe Schmidt, Contriva, Tarwater, To Rococo Rot, Tobias Thomas, Oval, Pole… alle tauchen mehr als einmal in meiner Diskographie / Videoarbeit „1!“ von 2004.

Klingt nach einer interessanten Playlist!
Die Videoarbeit „1!“ stellt eine Liste dieser Alben einem Essay des Tontheoretikers und Philosophen Christoph Cox und einem Dokumentarfilm der U.S. Airforce über die Bedienung eines Filmprojektors gegenüber. Ich wollte so die Bewegung weg von analogen Modi der Produktion – nicht nur auf Musik bezogen – hin zum digitalen hybriden Raum verdeutlichen, in dem Verhaltensweisen, die früher als reiner Konsum angesehen wurden, anfingen, Informationen, Wert und Aufmerksamkeit zu produzieren.

Wollen Sie nicht auch selbst Musik bei den Events in Berlin auflegen?
Gute Frage! Manchmal treffe ich Menschen, die wegen meiner Video-Soundtracks annehmen, ich müsse ein großartiger DJ sein. Vielleicht haben sie Recht, aber ich habe zu viel Respekt vor der Kunst der Musikauswahl bei Partys. Freunde haben mir angeboten, mir über einen Nachmittag oder so zu zeigen, wie man ein „schlechter“ DJ sein kann, aber damit könnte ich nicht an die Öffentlichkeit gehen. Klingt nach einem Sommerprojekt, endlich dieses kreative Abenteuer zu beginnen. Irgendwann werde ich vielleicht fähig sein, den Noise auf meine eigene Art und Weise zu bringen, aber ich brauche mehr Übung, damit man es sich gut anhören kann.

Tony Cokes live
13.07., 03.08., 17.08. und 07.09.2018 Berlin – Zentrum für Kunst und Urbanistik

Die 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst findet vom 09.06. – 09.09.2018 in diversen Locations statt.

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