Deerhunter »Fading Frontiers« / Review

Deerhunter haben ihre Seelen doch nicht um der Musik willen verkauft, der ganz große Wunderwurf bleibt damit eben aus.

Bradford Cox ist ein liebenswerter Weirdo. Mit seiner Band Deerhunter tritt er gerne mit Blut besprenkelt oder in hübschen Strandkleidchen auf. Jeans und T-Shirt spiegelten nun mal nicht das orgasmische Gefühl wider, das er während seiner Konzerte empfindet, sagt Cox. Auf dem neuen Album Fading Frontiers hat der blutbesprenkelte Mensch im Strandkleid nun den perfekten Ratschlag für alle anderen liebenswerten Weirdos dieser Welt parat: »You should take your handicaps / Channel them and beat them back / Till they become your strength«, heißt es im Opener »All The Same«. Und weil es so schön passt, schickt Cox gleich das Anschauungsbeispiel eines Familienvaters hinterher, »Who got bored / Changed his sex and had no more / No more wife, no more kids.«

Ein großes Thema des Albums ist die Heimatlosigkeit, das Gefühl, zu driften, nirgendwo richtig hinzugehören. Das lyrische Ich will in Ruhe gelassen werden, macht sich rar, sucht nach einem Zuhause und ahnt doch, dass die Suche erfolglos bleiben wird. Und die globale Entgrenzung des 21. Jahrhunderts macht das Heimweh nicht weniger drängend. Wenn Cox dann mantraartig wiederholt, er lebe sein Leben, klingt das trotzig. Aber wenn es auch suboptimal läuft, dieses eigene Leben, immerhin ist es die selbstgekochte Suppe, in der man schwimmt und manchmal untergeht.

Fading Frontiers knüpft musikalisch eher an das vorletzte Album Halcyon Digest an, auch wenn Monomania keineswegs aus der Reihe tanzte. Die neuen Songs kommen trotz ratloser Texte freundlicher daher, legen mehr Wert auf Melodie und Textur, es wurde wieder viel mit Synthesizern und Orgeln gearbeitet. »Breaker«, das erste Gesangsduo von Cox und Gitarrist Lockett Pundt, ist eine regelrechte Pop-Hymne, die Pundt mit wabernder Flangergitarre unterlegt. Ein funkiger Trip, leicht wie Popcorn und definitiv tanzbar, ist die erste Singleauskopplung »Snakeskin«, das zugehörige Video mit Hunden, Schlangen und einem irre aussehenden Cox ist passenderweise ebenso rauschhaft. Nicht auf dem neuen Album zu finden ist ein Song, der im Entferntesten an die Energie von »Helicopter« erinnert, dem bekanntesten Lied der Band. Dessen diabolische Schönheit war nicht von dieser Welt, und Cox sang darin auch noch davon, dass der Teufel ihn holen käme. Nach Fading Frontiers kann man feststellen: Deerhunter haben ihre Seelen doch nicht um der Musik willen verkauft, der ganz große Wunderwurf bleibt damit eben aus.

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