Deerhoof – »Absolut unmöglich, eigentlich«

Erst kurz vor der Deadline wurde das neue Deerhoof-Album La Isla Bonita fertig. Mal wieder, wie Greg Saunier, Drummer und Kopf der Band, versichert. Für den Malefizkerl am Schlagzeug ist das Warten auf den magischen Knall, am Ende von immer endloser scheinenden Holzwegen, mittlerweile erprobte Praxis. Er beschreibt, wie erst Licht in das seetangartig dichte Ideengeflecht von Deerhoof vordringt, sobald ihnen das Kaltstellen nichtadaptiver Bruchstücke geglückt ist. Bruchstücke, die sich im traditionellen Schlussakt ihrer Arbeit, der Durchsicht und Verzahnung tausender asymmetrischer Geistesblitze, als widerspenstig erweisen und endlich den Blick freigeben sollen. Für SPEX.de traf Josa Mania-Schlegel den Deerhoof-Drummer beim Konzert in Leipzig.

Greg Saunier, nach dem sehr synthetischen Breakup Song 2012 dominieren das neue Album wieder klassische Riffs. Im Opener fordert Sängerin Satomo Matsuzaki »girls who play the bass guitar«. Als sich Deerhoof 1994 in San Francisco zusammenfanden, war Gitarrenmusik aber praktisch tot.  
Unsere Konstante hieß damals Kurt Cobain. Als er starb, starb auch Grunge. Computer- und Internetfirmen bauten Aufnahmestudios in Büros um. Die Clubs spielten jetzt belanglosen Dance, auch der Mainstream im Radio wurde ein anderer. Innerhalb eines Jahres befanden wir uns in einem anderen Universum – und das ohne eine gleichwertige Gegenbewegung. Wir waren völlig orientierungslos.

Haben Sie dann begonnen Dance zu hören?
Nein, denn Dance war weder ein Äquivalent, noch eine plausible Betaversion von Gitarrenmusik. Wir spielten weiter Gitarre und an dem Tag, an dem sich Kurt Cobain umbrachte, hielten wir unsere erste Probe ab. Dance war schließlich auch nur eine Blase, die nach drei Jahren explodierte, weil einige Leute zu heftig hinein gepustet hatten. Mittlerweile schwingt das Pendel zurück. Die Kids von heute fühlen sich wieder unserer Art von Musik verbunden.

Auch nur eine Blase, die bald wieder zerplatzt?
Sicher enthält auch die Struktur der Grungeblase die klare Information, irgendwann in einem lauten Knall über dem Pazifik zu zerplatzen. Das Gefühl, dass alles bald wieder vorbei sein könnte, schwingt mit. Aber heute in Leipzig zu spielen ist beruhigend, denn hier hat ja eine der größten Blasen aller Zeiten überlebt – Johann Sebastian Bach, seine Musik ist absolut unzerstörbar.

Vielleicht erwartet Gitarrenmusik eine ähnliche Lebensdauer wie Bachs Kantaten.
Im Gegensatz zu Bach müssen wir noch auf die erste Langzeitstudie warten. Aber es gibt gewisse Unterschiede zwischen Grunge und Bach. Die DNA von Menschen und Schweinen stimmt ja auch zu 90 Prozent überein, wir sehen trotzdem völlig unterschiedlich aus. Genau wie Cobain und Bach. Die sich zwar klanglich unterscheiden, aber andererseits sehr ähneln, weil sich beide der lebenslangen Produktion von Klängen verschrieben hatten.

Deerhoof produzieren seit mittlerweile 20 Jahren Musik.
Ich muss gestehen, niemand hat auf dieses Jubiläum hin gefiebert. Aber als Jugendlicher wusste ich genau: jede Band wird irgendwann lame und löst sich auf. Das wollte ich nicht. Um Routine zu vermeiden, ist es nötig, dich immer wieder neu zu betrachten. Aber nicht, wie die klassischen Beispiele von Andersdenkern und Neuerfindern. David Bowie, Igor Strawinsky, die planten ihre Verwandlungen höchst akribisch und machten sie zu einem Teil ihrer DNA. Bei uns läuft das eher unsystematisch ab.

Wie geht das, die unplanmäßige Verwandlung?
Bowie drückt ab und trifft. Wir legen den Pfeil erst mühsam in den Bogen und schießen versuchsweise auf etwas, das ein Ziel sein könnte. Dann holen wir unseren Pfeil zurück und gucken, wie weit daneben wir lagen. Und kein Boden ist fruchtbarer als der eines Fehlers, nirgends gedeiht Neues besser. Unser Antrieb, neue Wege einzuschlagen, ist immer ein vorausgegangener Misserfolg. Meistens in Form eines Songs, der nicht mehr gut klingt. Was aber die große Voraussetzung dafür ist, dass er beim Publikum ankommt. Es ist ein Fehler, Songs zu schreiben, die nicht von Herzen kommen. Du musst das Gericht erst hermetisch abriegeln, selbst davon kosten und es lecker finden, bevor du es der Öffentlichkeit servierst.

War es also ganz gut, dass die Öffentlichkeit euch anfangs ignorierte und somit Platz ließ, die eigene Rezeptur abzuschmecken, euch zunächst gegenseitig ihrer Qualität zu vergewissern? Heute singt ihr, anscheinend überzeugt: »We are just fine without your promises«.
Das gab uns sicher einen gewissen Vorsprung, definierte aber auch unser heutiges Leitmotiv des gebrochenen Versprechens. Stell dir vor: diese Typen, die sich gerade noch gegenseitig Rockbandlogos auf den Unterarm tätowierten, gingen plötzlich zu Dance ab. Wir hatten fest mit ihnen gerechnet, nun wollten sie uns doch nicht hören. Wir kamen uns damals vor wie das überflüssige Spandrel eines alten Triumphbogens, der auch noch im Begriff war einzustürzen. Das Versprechen, unsere Musik könnte erfolgreich sein, ist jedenfalls eingestürzt. Wir wurden zu isolierten Einsiedlern, die sich alle paar Tage aus ihrem Turm herausschlichen, eine Show für eine Handvoll Leute spielten, um sich anschließend wieder zu verkriechen. Wichtig war, dass wir trotzdem weiter zusammenhielten.

Wie hoch war überhaupt die Wahrscheinlichkeit, euch vier unter einem Hut zu halten?
Absolut unmöglich, eigentlich. Satomi wäre nie auf die Idee gekommen in einer Band zu spielen, ich dagegen wusste es schon mein ganzes Leben. Wir vier verfügen selten über eine gemeinsame Sprache. Folglich stehen sich unsere Ideen ständig gegenüber, manchmal im Weg und meistens widersprechen sie sich sogar. Auch für La Isla Bonita dachten wir, von einem gemeinsamen Grundgedanken überwältigt zu sein. Dieser wurde aber erst sichtbar, als wir begannen durch Klänge zu kommunizieren, die Demos probten und allmählich alle schlechten Ideen aussortierten. Im Vergleich zum fertigen Album klingen die Demos, als würden wir uns viele Stunden angeregt über einen Film unterhalten, hätten tatsächlich aber vier verschiedene gesehen.

Wie konnte sich da noch Harmonie einstellen?
Der Weg führt lange Zeit durchs Dunkle, aber in den letzten zwei Wochen klappt es immer. Dann kommt die magische Erleuchtung und die Instrumente klingen, wie sie klingen sollen. Auf Tour wird das Ziel dann wieder unsichtbarer, weil sich manche Ideen als unfertig herausstellen. Spätestens dann wird es Zeit für ein neues Album. Wir überarbeiten die vielen Details, legen sie aneinander und versuchen zu kapieren, welches große, alles vereinende Drehbuch wir diesmal meinen. Es ist aber wichtig, diese eine zündende Idee zu haben, die den Reisverschluss nach oben zieht und alle Partikel ein Ganzes werden lässt. So eine plötzliche Lösung fühlt sich an wie ein Sieg und blieb in 20 Jahren bisher nie aus.

Ist der Blick zurück auf 20 Jahre plötzliche Lösungen ein dankbarer oder eher ein verwunderter?
In 20 Jahre passen die verschiedensten Spielarten von Dankbarkeit, kontemplativer Selbstreflexion oder totaler Verwirrung. Ich unterscheide eher zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die Zukunft verwirrt mich, wenn ich hineinblicke sehe ich ein schwarzes Loch. Die Vergangenheit ist dagegen ein unglaubliches, sichtbar gewordenes Wunder. Aber nicht im religiösen Sinne. Es war nicht Gott, der sagte: dies geschieht. Das haben wir alles selbst gemacht. Und das ist eigentlich ziemlich unglaublich.

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