Der Ruf nach mehr Diversität ist nichts als weißes neoliberales Geschwafel – und verhindert eine echte Auseinandersetzung mit problematischen Strukturen. Was es wirklich braucht, ist eine Dekolonisierung des Denkens.

Eine Frau fährt mit ihrem Kind von Hamburg nach Oberbayern, um Verwandte zu besuchen. Als sie eine Kirche im Wallfahrtsort Altötting besichtigen, werden sie Zeuginnen von Vandalismus mit islamistischen Parolen. In dem kleinen konservativen Städtchen, das kurz vor lokalen Wahlen steht, sind die vermeintlich Schuldigen schnell gefunden: „Das waren bestimmt Ausländer!”, heißt es. Die Feindlichkeit gegenüber Nicht-Weißen nimmt in der Folge weiter zu. Die Frau aus Hamburg weiß jedoch, dass diese Anschuldigungen nicht stimmen. Sie geht dem Fall nach – und kommt dabei einem noch größeren Verbrechen auf die Spur.

Klingt wie ein gewöhnlicher Krimi in deutschen Gefilden. Eigentlich. Ist es aber nicht. Denn die Hauptfiguren Fatou und ihre Tochter Yesim sind Schwarz. Die Geschichte um die beiden herum hat auch nicht eine Charlotte Link oder Nele Neuhaus geschrieben, sondern die Schwarze Schriftstellerin Noah Sow. Die Schwarze Madonna ist ein „afrodeutscher Heimatkrimi”, ein Roman, in dem Schwarze Menschen endlich so repräsentiert werden, dass sie zum einen im Mittelpunkt der Handlung stehen und zum anderen nicht in rassistischen Stereotypen dargestellt werden.

Für Sow ist die Kriminalliteratur in Europa reine Fantasy. Sie spiegelt nämlich alles mögliche wider, nur nicht die Realität: Fast alle Protagonist_innen und Figuren sind weiß, gesellschaftliche Differenzen werden solange vereinfacht, bis sie sich behaglich in die Weltsicht ihres weißen Publikums einfügen. Schwarze oder PoC in Deutschland sind bestenfalls unterrepräsentiert, im schlimmsten Fall wird ihre Existenz gänzlich verschleiert. Sie werden unsichtbar gemacht, eine Enträumlichung, die dann zu altbekannten Fragen wie „Woher kommst du? Also, ich meine wirklich?” und ähnlichen Äußerungen führt. Mit dieser Praxis will Sow brechen. Ihr Ziel: Marginalisierte Gruppen sollen endlich auch mal Cosy-Krimis lesen können, in denen sie sich wiederfinden. Und wie alle anderen dadurch eine Ruhepause vom Alltag bekommen.

Diversität markiert bestimmte Gruppen immer als „anders“, da sie immer von einer Norm ausgeht (Collage: SPEX).

Die Schwarze Madonna ist Sows erster Kriminalroman. Publiziert hat sie ihn im Selbstverlag. Denn Literaturagenturen sahen in der Geschichte zwar Potenzial und fanden den Entwurf toll, konnten sich allerdings einige (sinnfreie) Anmerkungen und Fragen nicht verkneifen: „Warum müssen die Protagonist_innen immer ‚black music‘ im Auto hören?”, „Warum muss das Schwarzsein denn überhaupt thematisiert werden?” (Erinnern wir uns an dieser Stelle kurz an das Stichwort Fantasy, an das die Agenturen bei dieser Frage wohl auch dachten), oder am besten: „Es sind nicht genügend deutsche Figuren im Buch.”

Eine kleine Notiz dazu: Die Figuren sind fast alle deutsch, nur eben nicht weiß. Was zeigt, dass Deutschsein von den meisten weißen Menschen hierzulande immer noch mit Weißsein gleichgesetzt wird. Schwarz und deutsch gelten als Oxymoron. Und genau diese falsche Annahme führt Sow in ihrem Buch immer wieder auf so provokative wie lustige Weise vor. 

Bemerkungen wie diese verraten viel über die Ansichten und Einstellungen vieler Mitarbeiter_innen in deutschen Verlagshäusern. Gerechtfertigt werden sie mit der altbekannten Begründung, Bücher wie Die Schwarze Madonna würden die Zielgruppe des Verlags, ergo weiße Angehörige der Mittelschicht, nicht ansprechen. Aber sicher, natürlich wolle man „ein bisschen was Anderes”. Man will doch auch das allzu weiße und sich oftmals thematisch wiederholende Literaturangebot der Belletristik auffrischen, klar. Aber bitte nicht zu viel. Schließlich könne man die Leser_innen ja nicht überrumpeln. Aber Vielfalt ist schon wichtig, auf jeden Fall! Was uns zu der aktuellen Lieblingsphrase in der Debatte um Repräsentation führt: Mehr diversity

Ja, diversity. Manche beginnen zu würgen, wenn sie den Begriff nur hören, andere finden es „super toll, dass es sowas gibt!“ Diversität – oder viel hipper mit dem englischen Äquivalent diversity bezeichnet ist ein Konzept, mit dem sich beispielsweise Unternehmen nach außen hin brüsten, um solidarisch und „offen” zu wirken. Um was es dabei konkret geht? Ganz einfach, um alles: die Bürobelegschaft, der Seriencast, die Gesichter in der Werbung. Sie alle sollen diverser werden. Ein willkommener Nebeneffekt: Das geht alles nur bis zu einem gewissen Punkt. Die Chefetagen und andere Machtpositionen in den Unternehmen bleiben überwiegend weiß und männlich. 

Diversity bringt keinen Wandel, keinen Umbruch, keinen Neuaufbau

Das liegt daran, dass das Konzept der Diversität von eben diesen größtenteils weißen, heterosexuellen Männern des Mittelstandes entwickelt wurde. Weil selbst ihnen irgendwann mal aufgefallen ist, dass in ihren Unternehmen nahezu keine Schwarzen Menschen, Menschen of Color, nicht-weißen, nicht-cis-männlichen Personen und Menschen mit Behinderung anzutreffen sind.

Ein sanfter Veränderungsprozess, der von genau den Personen begleitet wird, die die Chefetagen besetzen? Ein bisschen „Buntheit” hier, ein bisschen Abwechslung dort? Das reicht doch, ist eine gute Sache. Und lässt sich obendrein noch wunderbar vermarkten, heute, wo die Konsument_innen ja Wert auf solche Dinge legen.

Aber wie bitte soll sich so etwas ändern? Was es braucht, ist eben nicht noch mehr diversity. Sondern vielmehr ein Wandel im System. Eine Veränderung, die die bestehenden kolonialen, cis-sexistischen, heteronormativen, kapitalistischen Strukturen aufbricht. 

All das tut diversity nicht. Sie bringt keinen Wandel, keinen Umbruch, keinen Neuaufbau. Nicht für PoC, nicht für Schwarze Menschen, nicht für queere und nicht für trans Personen. Der Begriff, mit dem sich viele Unternehmen rühmen, die sich als liberal einordnen, ist eigentlich Bullshit. Nichts anderes als weißes neoliberales Geschwafel.

„Hmm, starten wir doch mal eine Kampagne, um ein, zwei, okay, vielleicht auch drei (aber das reicht dann auch!) Menschen zu haben, die nicht so sind wie wir (also weiß, cis-männlich, und able-bodied).” Oder mit den Worten eines fiktiven SPD-Politikers in Sows Roman: „Es sind sogar ein paar Muslime dabei.” Ja, genau, neoliberales Geschwafel.

Und gleich das nächste Problem: Diversität markiert bestimmte Gruppen immer als „anders“, egal ob positiv oder negativ, da sie immer von einer Norm ausgeht. Ein Verhalten, das von der indischen Literaturwissenschaftlerin und postkolonialen Theoretikerin Gayatri C. Spivak als othering beschrieben wird: Man definiert sich selbst durch die Abgrenzung und Distanzierung von anderen Gruppen. Diese „Norm” ist neben dem Aspekt der cis-Männlichkeit zuerst einmal weiß. Sie bringt eine vermeintlich neutrale Position mit sich, vor der diejenigen als „divers“ gelten, die davon abweichen. Der angeblich neutrale Blick ist also der Blick weißer Männer.

Besonders deutlich zeigt sich das im akademischen Betrieb. Theorien und Studien des Postkolonialismus wurden lange Zeit nur dann gehört, wenn sie von Weißen stammten. Mit Theoretiker_innen wie Gayatri C. Spivak, Frantz Fanon oder Edward W. Said wurden zwar auch nicht-weiße Stimmen laut, die eine andere Perspektive schufen. Doch bis heute gilt der eurozentrische Blick als objektiv, allgemeingültig und richtig. Literatur von Schwarzen Menschen oder PoC hingegen wird als zu emotional und subjektiv abgestempelt. Ihre Stimmen werden nicht ernst genommen oder gleich ganz ignoriert. Was nichts anderes ist als silencing.

„The master’s tool will never dismantle the master’s house”, schrieb Audre Lorde

Die hoch angepriesene diversity ist in Wahrheit also nichts als eine leere Phrase. Sie wird als Konzept adaptiert, weil es gerade alle so machen. Weil sie eben nützlich ist, um das eigene Image aufzupolieren. Schwarze Menschen, PoC und andere marginalisierte Personen werden nur zum Zweck des Selbstmarketings eingestellt und gefördert, nicht etwa aus der Einsicht, dass verschiedene Blickwinkel wichtig und relevant für gesellschaftliche Gerechtigkeit sind. Warum ernsthaft mit Rassismus auseinandersetzen? Es reicht doch, einfach mal „bunt” (noch so ein Wort, bei dem man würgen muss) in die Beschreibung des Arbeitsklimas zu setzen, auf Werbeplakate zu klatschen und fertig. Gleich ein ganz anderes Bild! Denken alle. Und es wirkt. 

Dass es überhaupt nichts bringt, eine Schwarze Person einzustellen, um der weißen Dominanz ein Ende zu setzen? Vor allem nicht der Schwarzen Person selbst, die dann alleine im Unternehmen ist und als Token eingesetzt wird? Ja auch egal. Diversity klingt doch so viel netter und höflicher. 

Die bayerisch-katholischen Nachbar_innen von Fatou und Yesim aus Die Schwarze Madonna würden jetzt entgegnen: „Aber ich versteh nicht, warum das jetzt schlecht sein soll. Eine Schwarze Person ist doch besser als keine!” Und ja, natürlich gibt es Menschen, die damit umgehen können und sich nicht daran stören, als einzige nicht-weiße Person in einem Unternehmen zu arbeiten. Aber eben längst nicht alle. 

Die berühmten Worte der US-amerikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde erklären es am besten: „The master’s tool will never dismantle the master’s house.” Diversity ist in diesem Fall the master’s tool, weil sie von (weißen) Personen in Machtpositionen entwickelt wurde. Um die bestehenden Strukturen aufzubrechen und grundlegend zu ändern, ist diversity also nutzlos. Sie ist ein Feigenblatt. Um the master’s house und mit ihm diskriminierende Strukturen zu zerlegen, braucht es stattdessen eine Dekolonisierung des Denkens. „Decolonize!” statt „Diversify”

Dass Literatur von Schwarzen Autor_innen oder Autor_innen of Color immer noch auf mangelndes Interesse bei Verlagen stößt, liegt an nichts anderem als der immer noch vorhandenen kolonialen Denkweise der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft, die am Gewohnten festhält und Schwarzsein mit Fremdsein gleichsetzt. Wenn diese Denkweise weiterhin besteht und nicht aktiv daran gearbeitet wird, auch das Denken zu dekolonialisieren, dann wird sich daran auch so schnell nichts ändern. 

Literatur von BPoC wird auch in der Schule nicht als Lehrmaterial benutzt, obwohl es sie natürlich gibt. Sie ist aber unsichtbar. Statt Theodor Storms Schimmelreiter, das oft Pflichtlektüre in der neunten Klasse ist und in dem es um einen eingeheirateten adligen Schnösel geht, könnten beispielsweise Texte der Schwarzen deutschen Dichterin May Ayim gelesen werden. Die setzt sich in ihren Gedichten und Essays mit dem Schwarz- und Deutschsein auseinander, spricht für Schwarze Menschen und konfrontiert weiße Leser_innen schonungslos mit ihren rassistischen Denkweisen. Ein Thema von ungebrochener Aktualität, das eine kritische Auseinandersetzung mit dem Kapitel Kolonialismus nach sich ziehen muss, da Ayims Gedichte ohne diesen historischen Kontext nicht interpretiert werden können.

Wer dekolonisieren will, muss den deutschen Kolonialismus aufarbeiten – und sich selbst in die Verantwortung ziehen

Doch das ist schon das nächste Problem. Deutschland scheut eine ernsthafte und tiefgehende Auseinandersetzung mit seiner eigenen Kolonialzeit – nicht nur in den Lehrplänen. Die 35 Jahre, in denen Menschen in deutschen Kolonien brutal gefoltert und umgebracht, in denen Völkermorde an der Schwarzen Bevölkerung in afrikanischen Ländern verübt wurden, waren – so die dominierende Meinung – im Vergleich mit anderen Kolonialmächten „einfach zu kurz”. Kolonialismus und insbesondere das deutsche koloniale Projekt findet im Geschichtsunterricht viel zu wenig Raum. Dabei sollte gerade in der Schule ein Bewusstsein für diese Zeit geschaffen werden, schließlich wirkt sie bis heute nach. Wie soll man Dekolonisierungsarbeit leisten, ohne den deutschen Kolonialismus aufzuarbeiten und ohne sich selbst in die Verantwortung zu ziehen?

Auf keinen Fall, indem man versucht, die Fassade des liberalen, umsichtigen und fehlerfreien Menschen aufrechtzuerhalten. Pater Simone, der Pfarrer der Altöttinger Kapelle in Die Schwarze Madonna, und sein SPD-Kumpel sind die Personifizierung dieser Haltung. Sobald etwas Kritik laut wird, kontern sie mit: „Ich bin doch kein …” Ja, ja, wissen wir. 

Dekolonisierung ist eine Chance. Wenn kolonisierter Verstand derjenige ist, der die Menschen schweigen ließ, dann bedeutet eine Dekolonisierung des Denkens das Gegenteil: das Hörbarmachen. Und dieses Hörbarmachen ist eine unendliche Quelle von Kreativität für alle Bereiche.

Es ist wichtig, diese Arbeit nicht nur als gute und notwendige Sache zu verkaufen, wenn man als weißer Dozent an der Universität beispielsweise Texte von üblen Rassisten wie Kant oder Voltaire kritisch betrachtet. Der zentrale Punkt ist vielmehr die Selbstreflexion. Es hilft nichts, nur darüber zu reden. Weiße Menschen müssen sich endlich als Teil eines Systems begreifen, das weiße Strukturen aufrechterhält und das das bis heute andauernde Leiden und die systematische strukturelle Unterdrückung der Schwarzen und indigenen Bevölkerung, ihre Geschichten und Berichte leugnet.

Im Gegensatz zu diversity ist Dekolonisierung kein vermarktbares, finanziell profitables Reformprogramm mit ganz viel Rücksichtnahme auf weiße Empfindlichkeiten. Bei der Dekolonisierung des Denkens geht es darum, sich als weiße Person die eigene soziale und wirtschaftliche Macht einzugestehen, sie abzugeben und Privilegien aufzugeben.

Der Ruf nach mehr Diversität steht dieser Entwicklung im Weg. Diversity ist ein Schutzschild, das vor der Konfrontation und Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Rassismus bewahrt und ablenkt. Es ist an der Zeit, dieses Schutzschild endlich abzulegen.