The Decemberists What A Terrible World, What A Beautiful World

Selbstreflexion, Holzhammer und ein fast verunglücktes Drama: die siebte Platte von Colin Meloys Decemberists.

Colin Meloy gehört zu den Songwritern, bei denen die Reflexion der eigenen Arbeit bereits Teil der Arbeit ist. Er hat immer schon Lieder geschrieben, die sich auch mit dem Schreiben von Liedern beschäftigen. Auf dem siebten Album seiner Band The Decemberists erreicht der 40-jährige Familienvater aus Portland trotzdem ganz neue Metaebenen. »The Singer Addresses His Audience« heißt der Auftakt von What A Terrible World, What A Beautiful World, und hey, er ist tatsächlich eine Publikumsansprache. »We did it all for you«, bauchpinselt Meloy, dann entschuldigt er sich für einen Deo-Werbesong, den es nie gegeben hat, und dann singt ein brüderlicher Chor die Chose brühwarm nach Hause.

Dieser drucksende, ulkige Ton ist bezeichnend für die erste Decemberists-Platte nach beinahe vierjähriger Abwesenheit. Altbekannte Themen und altbekannt theatralischer Folkrock müssen sich auf What A Terrible World, What A Beautiful World an eine neue Holzhämmerigkeit gewöhnen, mit der zum Beispiel das Irish-Folk-Wiegen- und/oder -Sauflied »Better Not Wake The Baby« übers Ziel hinausschießt. Im eigentlich sehr vergnüglichen »Anti Summersong« scheitert ein großes Call-and-Response-Finale, weil es nicht über seine eigene Albernheit hinwegkommt.

Bereits 2006 haben The Decemberists auf dem Album The Crane Wife einen »Summersong« veröffentlicht. Trotzdem hat What A Terrible World, What A Beautiful World eindeutigere Rückbezugs- und -versicherungsmomente. Gerade seine eleganten und geschmackvollen Lieder erinnern daran, dass die Band schon vor Jahren ähnliche Songs geschrieben hat, meistens mit mehr Esprit und erschütternderem Ausgang. Meloy lebte dann von seiner Klugheit und Belesenheit, er konnte klotzen im Stil eines großen Dramatikers, weil er die großen Dramatiker alle in- und auswendig kannte.

What A Terrible World, What A Beautiful World verunglückt ihm nicht völlig, aber es hat das Gefühl der sicheren Hand verloren. Die großen Momente fliegen auf dieser Platte niemandem zu, die Band treibt einen eher mit sanfter und manchmal auch gar nicht so sanfter Gewalt zu ihnen hin. Vielleicht findet sie ihre Fingerspitzen wieder, vielleicht kommt als nächstes aber auch The Decemberists: The Musical, The Decemberists: A Light Summernight’s Operetta oder The Decemberists On Ice.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.