Unsere Debattenkultur leidet. Aber wir müssen nicht mehr miteinander reden. Sondern anders. Was es braucht, sind neue Begriffe, um die Verhältnisse treffender kritisieren zu können.

Um es mit der gebotenen Sachlichkeit zu sagen: Die Welt brennt. Politikern wird in den Kopf geschossen, weil es ihnen nicht egal ist, dass Menschen im Meer ersaufen. Das Wohnen in deutschen Großstädten können sich bald nur noch jene leisten, die wirklich zum Leben in jenen beitragen, wie Hedgefondmanager_innen etwa. Die Volksparteien sind keine mehr und politische Akteure denken laut darüber nach, das „Soziale mit dem Nationalen“ zu verbinden. Alles wirkt fragil, bis auf Donald Trumps Umfragewerte. Ach ja, und obendrauf brennt die Welt wortwörtlich. 

Wer spricht, der definiert (Illustration: SPEX).

Manche Probleme sind neu, andere gab es schon immer, nur vielleicht in vertrauterer Form. Was aber vieles eint: Wie über die Dinge gesprochen wird. Unsere Diskurskultur leidet. An der Quantität der Dialoge liegt es nicht. Wir reden miteinander – auf Familienfesten, bei Twitter, bei Hart aber fair. Austausch und Meinung gibt es vielleicht mehr als je zuvor. Unsere Diskussionen haben vielmehr ein Qualitätsproblem. Wir müssen nicht mehr miteinander reden, nein. Sondern anders. Und wir müssen auch ganz bestimmt nicht mehr mit Rechten reden, wie Bundespräsident a.D. Joachim Gauck kürzlich als letzter in einer Reihe von, genau, alten weißen Männern, nahelegte. 

„Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, hat Rosa Luxemburg dazu einmal gesagt. Was aber wenn das Denken der anderen darin besteht, selbst Freiheit abzusprechen? Nur weil etwa eine Partei demokratisch gewählt wurde, ist sie in ihren Werten und Strukturen noch lange nicht demokratisch. Und der Dialog ist eben ein fundamentales Werkzeug der Demokratie. Zum guten Dialog gehört auch die Fähigkeit zu erkennen, wann selbiger müßig ist. So blieb der AfD-Abgeordnete Ralph Müller bei einer Schweigeminute im bayerischen Landtag anlässlich des Mordes an dem hessischen CDU-Politiker Walter Lübcke sitzen. Sein Parteikollege MdB Martin Hohmann sagte dazu: „Der Massenzustrom nach der illegalen Grenzöffnung mit seinen vielen Morden und Vergewaltigungen ist ein notwendiges Glied in der Ursachenkette, die zum Tod von Walter Lübcke führte.“ Nein, derlei gefährlichem Unsinn ist auf faktischer und moralischer Ebene nicht mehr beizukommen. 

Das blinde Einfordern von mehr Austausch ist wertlos, häufig inhaltsleer und folgt gerne einem eitlen Impuls. Sich in der Mitte zu treffen, sich die Hände zu reichen oder aufeinander zuzugehen, geht schnell von Hand und Mund. Und lässt vor allem eine gut aussehen: die um vermeintlich weise Ausgewogenheit bemühte Person selbst. Eine solche Forderung wird ausnahmslos aus einer privilegierten Position heraus gestellt. Und zielt meist darauf ab, diese zu schützen. Schlechte Gesprächspartner_innen sorgen sich um ihre soziale Stellung und darum, wie der Dialog diese beeinflussen könnte. Nicht um den Dialog selbst.

Der gute Diskurs ist immer um seinen eigenen Fortbestand bemüht. Es gibt diesen Moment in Mad Men, den sicher jede_r schon einmal bei sich selbst beobachtet hat: Peggy Olson (Elisabeth Moss) führt eine, hitzige, politische Diskussion mit ihrem Freund. Die beiden gehen ohne ein Wort der Einigung und wütend auseinander. Am nächsten Morgen findet sich Peggy im Büro beim gleichen Thema wieder. Sie ertappt sich selbst dabei, einzelne Standpunkte ihres Freundes zu übernehmen. Der gute Dialog hat keine Sieger. Denn dies würde bedeuten, er wäre beendet. 

Der schlechte Diskurs will sich hingegen selbst abschaffen. Womit der schlechte Diskurs inhärent konservativ ist. Nicht wertkonservativ, sondern strukturbewahrend. Das gesellschaftliche Oben und Unten kann nur im Austausch verändert werden. Der gute Diskurs stellt immer eine intellektuelle Umverteilung da. Machtvolle Diskussionsteilnehmer_innen können, sofern ihnen ihre Positionen wichtig sind, nur verlieren. Und das müssen sie auch.

Unser Vokabular ist die Abbildung unserer Lebensrealität. Das Wort „Fremdschämen” kam analog zum Reality-TV auf. Die Seherfahrung von Formaten wie Frauentausch war mit vorhandenen Mitteln nur umständlich und mit viel Zeitaufwand zu beschreiben, der neue Begriff schaffte Abhilfe. Unser Vokabular kann aber nicht nur reaktionär auf sich verändernde Realitäten wirken, sondern auch progressiv. Nämlich als Problembenennung, die Missstände aufdeckt, diese kenntlich macht und somit ermöglicht sie zu bekämpfen. Die Begriffe „Mansplaining” und „Gaslighting” waren beispielsweise Quantensprünge für den Feminismus. 

Das Prinzip des Gaslighting ist schon lange in Gesellschaft und Pop-Kultur präsent, hat es seinen Namen doch von Patrick Hamiltons Theaterstück Gaslight aus dem Jahr 1938. Die Aufnahme in unseren Sprachgebrauch war aber ein langer Weg durch akademische und kulturelle Institutionen. Mansplaining hingegen wurde erst 2014 erstmals von der US-amerikanischen Autorin Rebecca Solnit geprägt. In ihrem Essay Men Explain Things To Me beschrieb sie, wie ein Mann ihr den Inhalt eines Buches zu erklären versuchte, das sie selbst geschrieben hatte. 

Mit neuen Begriffen wird treffsichere Kritik möglich. Die Machtstrukturen verändern sich, weil die im Begriff zusammengefasste Problematisierung den Rechtfertigungsdruck erhöht. 

Versuchen wir also, unserer Diskurskultur etwas näherzukommen und die Strategien zu benennen, die es sich zum Ziel machen, den Meinungsaustausch zugunsten von Status und bestehenden Verhältnissen zu beenden.

VOKABULARDOMINANZ

Beginnen wir mit dem Naheliegendsten, dem Versuch, die alte gegen die neue Sprache zu verteidigen. Ganz gleich, ob sich Jens Spahn vor lauter Anglizismen in Berlin nicht mehr wohlfühlt oder die FAZ fordert, man möge bitte wieder öfter „Gruppengespräch“ sagen statt „Meeting“. Der Sprache wohnt stets ihre Herrschaftsstruktur inne. Wer spricht, der definiert. Auf einer alten Sprache zu beharren, ist ein Selektionsverfahren. Das war schon bei Luther so. Und auch heute fußt jedes Vorstellungsgespräch auf einer Erwartungshaltung hinsichtlich bestimmter sprachlicher Umgangsformen. Je mehr diese erfüllt werden, desto größer sind die Chancen auf eine Eingliederung in das System, also den Job. 

Umgekehrt ist die Ausbildung von neuen Umgangsformen und Vokabeln immer eine Herausforderung der Deutungshoheit. Begriffe werden selten ersetzt, sondern existieren meist nebeneinander. Das amerikanische „sophisticated“ und seine deutsche Übersetzung „belesen“, finden parallel Anwendung im deutschsprachigen Raum. Die versnobte (huch, noch ein Anglizismus) Konnotation des deutschen Begriffs fehlt dem amerikanischen Pendant zum Beispiel, was eine facettenreichere Nutzung ermöglicht. 

Wer Angst vor neuen Worten hat, sorgt sich letztlich um seine VOKABULARDOMINANZ. Nicht zufällig zielt einer der beliebtesten Vorwürfe gegen die LGBTQ-Community auf ihr ach so kompliziertes Vokabular. Die Überforderung und die damit einhergehende Beschwerde darüber, dass die Welt zu kompliziert geworden sei, wird als erstes auf die Sprache selbst projiziert. Diese diffuse Angst wird dann in der Regel unter dem Begriff der „Political Correctness“ versammelt, der in Kreisen der strukturkonservativen Rechten für so ziemlich jeden Bammel vor Machtverlust gut ist. Sowohl für das Unbehagen darüber, nicht mehr alles unsanktioniert sagen zu dürfen, als auch die Unlust, Minderheiten ihre selbst gewählten Beschreibungen zuzugestehen. Diese Ängste kann man natürlich nur dann haben, wenn man sich in den bestehenden Begrifflichkeiten bereits repräsentiert fühlt, man sich also in einer privilegierten Position befindet. 

HIERARCHIEGEBAREN

Was zu einer weiteren Strategie führt, die ebenfalls um Status kämpft. Der Verweis auf Titel und Rang. Anstatt argumentativ auf die Demonstranten_innen der
Fridays-for-FutureProteste einzugehen, wurde ihnen vielerorts das Recht auf Austausch schlicht entzogen. Angeführt wurde dies von Christian Lindner, der sagte, man solle diese Dinge, „den Profis überlassen“. Für Lindner ist sind Profis dabei so etwas wie Fahrlehrer_innen, die ihren Kunden_innen sagen, sie sollten erstmal fahren lernen. Vorher bräuchten sie gar nicht wiederzukommen. Neoliberalismus ist, was Anzug trägt.

Dieses HIERARCHIEGEBAREN offenbarte auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, als er Greta Thunberg auf Twitter vorwarf, sie verliere „kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie“. Ein Politiker wirft also einer Aktivistin vor, dass sie keine Politikerin ist. Der Generalsekretär der größten deutschen Volkspartei wirft einer 16-Jährigen vor, dass ihr auf Aufmerksamkeit und Empörung ausgelegter Protest kein von Lobbyist_innen gegengelesenes 42-Punkte-Programm ist. Auch im Hinweis, dass die protestierenden Schüler_innen bitte ihrer Schulpflicht nachzukommen hätten, steckt ein Beharren auf Hierarchie, ein Verweis auf festgelegte Rollen. Als Schüler_innen, als Protestierende, als Jugendliche. Egal, welches Label im Vordergrund steht, es ist immer minderwertig – weswegen man sich argumentativ nicht mit ihnen auseinandersetzen muss. 

An dieser Stelle wird auch die Hilflosigkeit der CDU und anderer politischer Kräfte im Umgang mit dem berühmten Video des Youtubers Rezo ein Stück weit nachvollziehbar. Das Video war alles andere als unantastbar. Aber eine sachliche Reaktion bekam die CDU nicht zustande. Was blieb, war die Verwunderung darüber, dass jemand mit blauen Haaren aus diesem Internetz tatsächlich politische Gedanken hat. Wie soll man darauf reagieren? Würde man diesen Teenagern mit ihren idealistischen Vorstellungen erklären, wie man selbst die Welt sieht, würde das etwas Ungeheuerliches bedeuten: Man träfe sie auf Augenhöhe. 

Da aber im strukturkonservativen Denken alles ein Nullsummenspiel ist, kann man keine Macht teilen, ohne sie zu verlieren. Den Jugendlichen wird eine autonome inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswelt nicht zugetraut.   

Die defensiven Impulse des Hierarchiegebarens sind aber nicht nur auf Altersunterschiede begrenzt. Hans-Georg Maaßen kommentierte zuletzt auf Twitter einen Artikel des Spiegel: „Die Behauptung des Spiegelredakteurs ‚Behörden verharmlosen die Gefahr des Rechtsextremismus‘ ist falsch. Das Gegenteil ist richtig. Den Redakteur habe ich nie als Sicherheitsexperten kennengelernt. Zuerst informieren, dann schreiben!“ Auch hier wird bloß die Position innerhalb der politischen Machtökonomie angegriffen, nicht die inhaltliche. 

BENENNUNGSSCHEU

Selbstredend ist die Macht des Vokabulars auch am rechten Rand ein Instrument. Der konservative US-Politiker Dick Cheney macht aus Folter enhanced interrogation tactics, Geflüchtete werden bei Markus Söder konsequent zu „Asyltouristen“ und klar, die Bundesrepublik ist ja eh schon längst „linksgrün versifft”. Problematisch wird dies insbesondere, wenn diese Begriffe von journalistischen Organen nicht mehr hinterfragt oder gar unkritisch übernommen werden. Und sich damit der gesamte Diskurs ungesund weit nach rechts verlagert. Der fast schon reflexartige Verweis auf die RAF-Morde im Fall Lübcke zeigt etwa, als wie wenig systemisch Terror von Rechts empfunden wird. Seit 1990 gab es in Deutschland laut Zahlen des Bundeskriminalamts 169 Morde mit eindeutig rechtsextremem Hintergrund. Im gleichen Zeitraum gab es sechs Morde, die erwiesenermaßen linksextrem motiviert waren. 

Sprache ist einer der Gründe, warum viele im öffentlichen Diskurs Beate Zschäpe überspringen und direkt bei Gudrun Ensslin landen. Denn es herrscht eine BENENNUNGSSCHEU. Es gibt ja kaum rechte Gewalt in Deutschland. Natürlich nicht. Zumindest nicht, wenn man Nazis verlässlich als zuwanderungskritische, traditionsbewusste, nationalromantische Einzeltäter_innen bezeichnet. Dieselbe Trennlinie verläuft zwischen den Religionen: Muslimische Terroristen_innen nennt man: richtig, Terrorist_innen. Fundamentale Christen aber, die gewaltsam ihr „Abendland“ verteidigen, sind verwirrte, psychisch kranke Individuen. Zur guten Sprache und zum guten Austausch gehört es, die Dinge zu benennen. Weil eben sehr wohl sein kann, was nicht sein darf.

Dabei ist der Nationalsozialismus eine eigene Subkategorie des Ein- und Ausgliederns von Beschreibungen und Prämissen. Es scheint vielen unmöglich, Nationalsozialismus und Neonazis zusammen zu denken. Dick Cheneys Tochter Liz warf der US-Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez kürzlich Antisemitismus vor. Ocasio-Cortez hatte die Auffanglager an der amerikanisch-mexikanischen Grenze als Konzentrationslager bezeichnet. Eine Vokabel, die der Faktenlage durchaus entspricht. Kleinkinder werden dort von ihren Eltern getrennt, Platz gibt es so wenig wie Zahnbürsten oder ausreichend Wasser. Immer wieder sterben in den Lagern Menschen, oft Kinder. Doch im Denken von Cheney ist es unmöglich, dass es vor 1933 und nach 1945 irgendwo auf der Welt Konzentrationslager gegeben haben könnte.

SACHLICHKEITSTHEATRALIK

In der direkten Benennung von Problemen steckt natürlich eine Gefahr. Dass nämlich etwas ins Zentrum rückt, was man ja um jeden Preis vermeiden soll: Gefühle. Man kennt das vom Esstisch von früher, als Papa keinen Bock mehr auf das Gezeter hatte und auf den Tisch haute: Nicht in dem Ton, mein Kind! Statt über den Umstand selbst zu reden, wird die Art des Vortrags disqualifiziert. Sie wissen schon: Frauen sind in Diskussionen hysterisch und so. Sachlichkeit wird zur Grundvoraussetzung für die Diskussionsteilhabe erhoben. Gleichzeitig aber wird diese Regel im Bezug auf den eigenen Standpunkt heuchlerisch untergraben. Rationalität verkommt zu SACHLICHKEITSTHEATRALIK.

In Umweltfragen hat der Vorwurf der Überreaktion Tradition. Die Anti-Atomkraft-Bewegung bekam diesen Stempel verpasst und heutigen Versuche, den Klimawandel einzudämmen, werden als emotionalisierte Panikmache abgetan. Mit klassischem whataboutism (eine weitere Taktik zum Abmoderieren des Diskurses) werden beispielsweise die Grünen mit der AfD gleichgesetzt. Machen ja beide auf Gefühlsebene Stimmung. Das Thema ist dabei genauso egal wie die faktische Lage oder das kommunizierte Problem. 

In der politischen Arena wird Nüchternheit gefordert, Sachlichkeit, bürokratische Kälte. Nur ist diese meist kaum mehr als eine bühnenhafte, theatralische Verkörperung von stoischem Beamt_innentum. „Die Union muss sich gegen die politische Hysterie stemmen“, gab Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer der Welt zu Protokoll. „Politik ist doch mehr als null oder eins. Die einen tun so, als würde Deutschland morgen wegen des Klimawandels untergehen, die anderen beschwören den Untergang des Abendlandes.“ Das hat eine groteske Komik. Das Nullsummendenken ist in Kretschmers Analogie strukturgebend. Gleichzeitig präsentiert sich Kretschmer aber als großer Denker im politischen Gewand. Und die selbst propagierte Komplexität der Sachlage ist ironischerweise alles andere als komplex oder klug gedacht. Sie verliert sich eben in Sachlichkeitstheatralik.

Es geht nicht darum, jede Ratio über Bord zu werfen. Der Fall Lübcke zum Beispiel wurde in der Presse mit gewinnbringender Sachlichkeit verhandelt. Ohne Schnellschüsse und mit faktischer Klarheit wurde berichtet, ehe mit zunehmender Gewissheit um die politischen Hintergründe langsam eine emotionale Qualität Einzug in die Berichterstattung hielt. Das Gegeneinander-Ausspielen von Rationalität und Emotionalität aber erfüllt nicht selten den Zweck, Diskussionspartner_innen zu diskreditieren. Ihnen die Glaubwürdigkeit zu entziehen, weil der Vortrag nicht durchweg abgeklärt ist. Sondern Bedauern, Sorge oder echte Anteilnahme enthält.

RELATIVIERUNGSDYSTOPIE

Es war während der republikanischen Vorwahlen 2016. Der texanische Senator Ted Cruz wurde zum Stand der Gleichberechtigung in den USA befragt. Schon mit der Frage unzufrieden, antwortete Cruz, wenn es den Frauen in Amerika nicht gefalle, sollten sie doch nach Nigeria gehen. Damit war die Diskussion für ihn beendet. Diese Strategie der RELATIVIERUNGSDYSTOPIE ist erschreckend weit verbreitet. Anstatt die Problematisierung anzunehmen (was ja der Job von Politiker_innen ist), wird sie bequem diskreditiert. Auf der Grundlage, dass es woanders vermutlich noch ärgere Probleme gibt. 

In dieser Relativierungspraxis drücken sich erneut Status und Privilegien aus. Und ein verletzter Stolz, ein unerfüllter Anspruch auf Dankbarkeit. Dann geh doch nach drüben, hieß es früher in der DDR. Siehst du nicht, wie gut es dir geht? Der bloße Diskurs wird als Affront und als hinderlich gewertet. Nicht als produktiv und demokratisch.

In mehreren afrikanischen Ländern sterben jährlich abertausende Kinder. Nach dieser Logik macht es deswegen keinen Sinn, hier und jetzt über Kinderarmut in Deutschland zu reden. Korruption ist in Deutschland nicht auf dem gleichen Level wie andernorts, sicher. Gut, dann müssen ja nicht über Plagiate in Doktorarbeiten diskutieren. Ein kalkulierter oder denkfauler Zynismus spricht aus diesen Abkanzelungen. Statt einen produktiven Standard zu definieren, wartet man ab, bis sich der jeweilige Missstand auf irgendeine Art als bedeutsam erweist. Bis das passiert ist, ist es meist aber schon zu spät. Und was in der Meisterschaft der Probleme die Tabellenführung übernimmt, ist genauso wenig absolut wie alles andere. Warum sollen wir jetzt über Wohnungsnot oder Kitaplätze reden, wenn die Merkel doch die Grenzen geöffnet hat? 

Verweise wie diese sind nichts anderes als ein weiterer Versuch, den Zugang zu einer argumentative Ebene der Debatte zu verbauen – oder diese schnellstmöglich zu verlassen. Partizipation wird nur vorgegaukelt. Mit demokratischer Geste vielleicht, aber ohne echtes Interesse am Austausch.

Rebecca Solnit, die Erfinderin des Begriffs Mansplaining, hat ihren in diesem Frühjahr veröffentlichten, aktuellen Essayband Call Them By Their True Names genannt. Die Dinge beim Namen nennen. Das ist Pflicht und Aufgabe für alle, denen der gute Diskurs etwas wert ist.