Dean Blunt Black Metal

Nichts Unerwartetes: Auf Black Metal macht Dean Blunt dort weiter, wo er mit The Redeemer aufgehört hat

So dunkel wie möglich blieben die Konzert-Venues, die Dean Blunt auf seiner Mini-Europa-Tournee im Herbst 2013 bespielte. Besucher erinnern sich an Lichtverbot samt einem nur schemenhaft erkennbaren Dean Blunt mit Cowboyhut auf der Bühne. Einige seiner äußerst effektiven Songskizzen wurden mit ausufernden Gitarrensoli verwoben und gestreckt (was sich schrecklich liest, aber sensationell gut anhörte), zudem gab es einen weiblichen Gesangspart – und am Ende einige Verwirrung darüber, was nun tatsächlich »live« gespielt war oder »aus der Dose« kam. Eine Frage, die Performance-Theoretiker nur langweilen kann, mit der Popmusikhörer sich aber immer wieder gerne beschäftigen.

Performance-technisch verhielt es sich zuvor bei Blunts Hype-Williams-Konzerten nicht anders, nur dass dort dichter Nebel und Stroboskopblitze als zentrale Mittel der Inszenierung fungierten. Der Sinn und Zweck des Einsatzes dieser Mittel blieb allerdings bis auf Weiteres unklar. Es ließ sich festhalten: In dem Maße, in dem Dean Blunts Musik auf The Redeemer (mit seinem Beziehungskisten-Chamber-Pop eines der nachhaltigsten Alben des Jahres 2013 und in SPEX N° 344 als Album der Ausgabe gewürdigt) und The Narcissist II (quasi die Horrorfilmversion desselben Beziehungsdramas) immer zugänglicher wurde, gestaltete sich die Inszenierung immer enigmatischer – auch hinsichtlich der Tonträger: Beide Alben verzichten auf Nennung des Interpreten und des Albumtitels.

Diese eigentümliche Diskrepanz treibt Blunt mit Black Metal noch weiter auf die Spitze. Wer nach all den Synthesen unterschiedlichster Stile und Genre-Elemente, wie wir sie von Blunts Soloalben, seinen Kollaborationen oder den Hype-Williams-Platten mit Inga Copeland kennen, nun die Appropriation eines Sounds erwartet, den man so gar nicht mit Blunt in Verbindung bringt, liegt falsch: Mit Black Metal macht der Brite aus dem Londoner Stadtteil Hackney nämlich schön da weiter, wo er mit The Redeemer aufgehört hat. Immer noch sind es äußerst effektive, den Songstrukturen von Popsongs angepasste Loops und Hooks, die in gut zwei Minuten ihre Ästhetik ausformuliert haben und dann von der nächsten, zündenden Idee abgelöst werden. Die basiert mal auf eingängigen Melodien, mal auf komplexen, fast dysfunktionalen Beats, mal auf geschmackssicher geschnittenen Samples (unter anderem von The Pastels), mal auf dem Einsatz unerwarteter Instrumente (Country-Gitarre, Saxofon, Dudelsack) und meist auf einer merkwürdigen Dramaturgie aus Höhepunkten, tiefen Löchern und Abzweigungen.

Was neu ist an Black Metal: Das Sound-Design wird diesmal getragen von klirrenden Indiegitarren (à la Cocteau Twins zur Zeit von Heaven Or Las Vegas) und krispen, aber unfunky eingesetzten Achtziger-Drum-Sounds. In der Albummitte stehen zwei ungewohnt lange Stücke, mit denen Blunt kompositorische Skills demonstriert: in »Forever« schält sich aus dem Songformat ein Morricone-Epos mit zahlreichen harmonischen Layern; in »X« beziehen Drone, Duettgesang und Drum-Pattern zusammen eine prog-musikalische Wohngemeinschaft. So wenig Black Metal hier einen Sound bezeichnet, so wenig tun es selbstverständlich die einzelnen Titel: Hinter »50 Cent«, »Heavy«, »Punk« oder »Country« verbergen sich Indiepop, Softpop, Reggae und elektronischer Free Jazz.

Black Metal ist dabei nur der musikalische Teil eines größeren, gesamtkunstwerklichen Zusammenhangs, zu dem ein gleichnamiges Buch gehören soll sowie zwei Performances in Londons Cafe Oto (»Free Jazz«) und im ICA (»Urban«). Blunt will das Gesamtpaket als konzeptionelle Black-Music-Trilogie verstanden wissen. Inwieweit sich seine Arbeit tatsächlich als solche, als Meta-Musik oder als provokantes Jonglieren mit Signifikanten lesen lässt, wird sich zeigen – Rezeption in progress.

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