Dead Can Dance Anastasis

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Dead Can Dance
Anastasis Pias / Rough Trade

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Platoniker sind Welthasser. Sie glauben an die alleinige Bedeutung des Ewigen, Unveränderlichen, Wahren, Großen, Absoluten. Das mit Materie beschmutzte, schattenhafte Einzelding sei nichts, die dahinterliegende Idee alles. Wolle man den Zugang zu idealen Formen, dann müsse man die durch die Schlacken des Kreatürlichen beschmutzte Empirie gen himmlischen Logos überschreiten. Die 1981 gegründete Ethno-Wave-Band Dead Can Dance funktioniert ähnlich: Es geht ihrer gravitätisch schreitenden, sinfonischen Melancholie nicht um individuellen Schmerz, sondern um dessen überpersönliche Idee. Nie sieht man also den kleinen Jungen, der weint, weil das Lieblingstier tot oder die beste Freundin unbekannt verzogen ist, sondern immer nur den aristokratischen Denkerdandy, der bei Kerzenschein im nebelumwallten Schlossturm über in Gazellenleder gebundenen Folianten sitzt und zum langsamen Verrinnen des Sandes im tundenglas über die Endlichkeit alles Irdischen meditiert. So ist das mit den Gothics: Nie sagen sie »Menno, ich krieg mein Bier nicht auf!« oder »Mein Patschuli ist alle«, dafür ständig deepes »Ich leide unter der unerträglichen Oberflächlichkeit der Welt«-Zeug. Dabei sieht gerade der auf den Gipfeln des Erhabenen die wirkliche Welt Überfliegende nur Oberflächen.

   Gleichwohl sind Dead Can Dance nicht nur toll, sondern auch musikhistorisch wichtig. Spätestens seit dem Einsatz mittelalterlicher Instrumente auf ihrem dritten Album Within The Realm Of A Dying Sun (1987) machte das Duo aus Brendan Perry und Lisa Gerrard Weltmusik avant la lettre. Daneben inspirierten sie den Neoklassik-Aufschwung, und mit Gerrards glossolalisch-sinntransgredierendem Altgesang erfand man das Heavenly-Voices-Genre, das freilich zügig zum Sammelbecken für gefühligversäuselten Ethnokitsch mutierte. Nachdem sich das musizierende Liebespaar Anfang der 90er-Jahre trennte, schlief man ab 1998 auch in getrennten Klangbetten: Die Band löste sich auf. Gerrard trällerte sich solo in unendliche, oft unendlich langweilige Weiten der Schwerelosigkeit, Perry entdeckte auf seine alten Tage das Rocken, und das hat ja noch keinem gutgetan.

   Nun machen die beiden etwas, womit wir alle nicht rechnen konnten: ihr bis dato bestes Album. Statisch und dynamisch zugleich wälzen sich kräftige Streicher, fast schon wagnernde Dissonanzbläser sowie ein ungeheuer körperliches Schlagwerk einen reinigenden Pilgerweg entlang. Der Seelenaufschwung wird gebremst durch eine Erdenschwere, die man zuletzt ganz am Beginn ihrer Laufbahn hörte. Gerrards Klosterschwesterchoräle gleichen dem durch tiefe Nachtschwärze brechenden Mondstrahl, Perrys Trauerrednerbariton brummt wie gehabt voller nachrufhafter Versöhnlichkeit. Um die Welt, in der wir leben, mit ihren Supermärkten, Like-Buttons und Aufreißlaschen, geht es natürlich wieder mal nicht, dafür um Wiedergeburt, Erinnerung, den Weltgeist – die platonischen big issues eben. Das ist halt der Deal. Man hat sich aber noch nie so gern auf ihn eingelassen wie bei Anastasis.

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Dead Can Dance live BEREITS KOMPLETT AUSVERKAUFT
01.10. Frankfurt — Alte Oper
03.10. Berlin — Tempodrom
05.10. Hamburg — CCH
07.10. München — Philharmonie
08.10. Köln — Philharmonie

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