David Toop Lost Shadows: In Defence Of The Soul. Yanomami Shamanism, Songs, Ritual, 1978

Schwer ertragbare Eindringlichkeit: David Toops ekstatisches Reissue stachelt den Ehrgeiz der Fantasie an.

Schamanismus ruft bei mir immer Abwehrreflexe hervor. Vielleicht, weil die Menschen, die sich in meiner Gegenwart als praktizierende Schamanen zu erkennen geben, in der Regel Esoterikspinner sind. Dabei ist Magie im Grunde ein Alltagsphänomen. Worte werden oft genug als Zauberformel eingesetzt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Wenn man etwa eine Rezension wie diese hier schreibt, will man mit seinen Worten den fraglichen Gegenstand auch mit bestimmten Qualitäten aufladen, erklärt ihn wahlweise zum Meisterwerk oder zu großem Mist – ganz so, wie jemand Warzen bespricht, auf dass sie sich in Wohlgefallen auflösen mögen.

Auf dem hier besprochenen Tondokument Lost Shadows von David Toop geht es sehr konkret um Magie, genauer: um die schamanistischen Rituale der Yanomami. Toop reiste 1978 mit einer kleinen Gruppe ins Amazonasgebiet in Venezuela, um dort Heil- und Regengesänge und die Chants von Schamanen aufzuzeichnen. Komfortabel war das Unternehmen nicht, wie aus einem umfangreichen Begleittext hervorgeht. Die Reise hat sich aber allemal gelohnt. Lost Shadows wurde 1980 – in deutlich kürzerer Form – auf Toops eigenem Label Quartz Publications in einer einmaligen 500er-Auflage veröffentlicht, andere Aufnahmen landeten auf Compilations. Mit diesem Reissue erscheint nun die mit Abstand umfangreichste Edition der Aufnahmen.

Was man hört, könnte man mit ein paar analytischen Hinweisen auf die Art der Darbietung elegant als ethnografisches Dokument abtun: Die Musik der Yanomami beschränkt sich auf monotonen Sprechgesang, entgrenzte, mitunter animalische Schreie und gelegentliche klatschende Schläge auf Körperteile. Eine solche Beschreibung würde den Aufnahmen David Toops allerdings kaum gerecht. Zurück also zur Magie. Die aufgezeichneten Rituale haben, besonders in ihren mutmaßlichen Ekstasemomenten, eine schwer zu ertragende Eindringlichkeit, die einen zwar nicht miterleben lässt, was Toop hören und sehen konnte – die begleitenden Fotos zeigen nackte Männer in unterschiedlichen Posen –, die aber umso mehr den Ehrgeiz der Fantasie anstachelt, Bilder zu finden für das, was die in Trance versetzten Schamanen erlebt haben könnten, für die anderen Realitäten, zu denen sie sich, wie es heißt, Zugang verschaffen. Man kann sich mit Psychoanalyseroutinen behelfen und die Musik als Ansprache an das Unbewusste verstehen, doch was hilft das? Lost Shadows ist zu fremdartig, um sich einfach so decodieren zu lassen. Es ist ein einzigartiges Dokument. Und ja, das war eine Beschwörung.

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