Bevor Lynch mit Blue Velvet einen ersten finanziellen Erfolg erlebt, erkennt er, „dass man mit gesundem Menschenverstand alle Effekte selbst herstellen kann“: Teile seines ersten Langfilms Eraserhead entstehen in seiner Garage, er baut Requisiten wie das Baby im Film selbst und hatte ursprünglich vor, sich alleine um die Maske von John Hurt in Der Elefantenmensch zu kümmern. Lynch ist „besessen von der Beschaffenheit der Dinge“, sagt er selbst und zerlegt auf der Suche nach Inspirationen für Oberflächenstrukturen schon mal eine Makrele in alle Einzelteile.

Nach dem überstürzten Ende der zweiten Twin-Peaks-Staffel geht es für Lynch finanziell erst einmal bergab – das Prequel Fire Walk With Me werde von Presse und Publikum schlecht aufgenommen, auch die nachfolgenden Filme floppen. Dass Lynch auch in dieser Phase die Ruhe in Person zu sein scheint, führt er auf das Meditieren zurück. Bevor er von seiner Schwester Mitte der Siebziger auf die Transzendentale Meditation gebracht wurde, habe er ein eher unbeständiges Leben geführt, erklärt er, Wut habe die Entfaltung seiner Kreativität enorm behindert. Das Meditieren macht ihn ruhiger gemacht und nimmt bis heute eine Last von ihm. Sie habe ihm außerdem die Fähigkeit gegeben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: „Dein Blick muss auf den Donut gerichtet sein, nicht auf das Loch in der Mitte.“

Die Interviews mit Familienmitgliedern, Weggefährten, Freunden und Exfrauen in Traumwelten zeichnen ein Ähnliches Bild: Lynch ist ein fröhlicher Typ, charmant, loyal, mit fragwürdigem Kleidungsstil.

Traumwelten liefert keine Entschlüsselung der Lynch’schen Filmmotive, aber einen guten Einblick in die Gedankenwelt und Arbeitsweisen des Regisseurs. Die bestehen oft aus Antagonismen: Außen und Innen, Licht und Schatten, heile Welt und menschliche Abgründe, Sittlichkeit und sexuelle Perversionen. Seine Regel, niemals über die eigenen Filme zu sprechen, bricht Lynch auch in Traumwelten nicht – seine Filme sollen eher erfahren und gefühlt als verstanden werden. Lynch arbeitet sehr intuitiv, der Zufall spielt eine große Rolle, Träume und Assoziationsketten liefern oft eine zündende Idee. Auch bei den Castings setzt Lynch auf seine Intuition und glaubt an das Talent von Nachwuchsschauspielern oder solchen, die ihre erfolgreichen Jahre im Filmbiz schon hinter sich haben.

Die vielen Interviews mit Familienmitgliedern, Weggefährten, Freunden und Exfrauen in Traumwelten zeichnen ein größtenteils ähnliches Bild: Lynch ist ein fröhlicher Typ, charmant, loyal, mit fragwürdigem Kleidungsstil (selbst angesprühte Sneakers, altmodische Anglerjacken, Khakihosen zum Sakko). Sheryl Lee alias Laura Palmer erinnert sich an die ersten Drehtage von Twin Peaks: „David hat eine so nette, warme Art, dass du dich in seiner Gegenwart augenblicklich beruhigst und entspannst. Er fragte mich, wie ich es fände, mit grauer Farbe angemalt und in Plastikfolie eingewickelt ins kalte Wasser gelegt zu werden. Ich sagte nur: ‚Kein Problem!‘“ Die teilweise sehr laudatiohaften Superlative der Biografin wären da gar nicht mehr nötig gewesen.

Liebe und Erotik sind wichtige Elemente in Lynchs Filmen, und Frauen scheinen eine seltsame Faszination auf ihn auszuüben. Sein Vater verliebe sich ständig, erklärt Tochter Jennifer Lynch, und er selbst sagt „Sex ist ein Mysterium“. Seinen Ehefrauen macht er aber unmissverständlich klar, dass das Filmemachen immer an erster Stelle für ihn stehen werde. Lynch bleibt bis heute ein Mann, der nach vier Ehen doch vor allem mit seiner Arbeit verheiratet ist.