David Lynch „Traumwelten“ / Review

Seit Jahrzehnten versuchen David Lynch-Fans, seine Filme zu enträtseln. Die jetzt auf Deutsch bei Heyne erschienene umfangreiche (Auto-)Biografie Traumwelten hilft – zum Glück – nicht dabei, lässt aber ein paar Einblicke in das Umfeld des Regisseurs und in seinen Kopf zu.

Als David Lynch 1967 sein zweites Kunststudium an den Nagel hängt, beendet er den Brief an die Pennsylvania Academy Of Fine Arts mit der Ankündigung „P.S.: Ich werde stattdessen Filme machen.“ Zu diesem Zeitpunkt ist Lynch 21 Jahre alt, wird bald zum ersten Mal Vater, liebt Francis Bacon, hat keinen Job und kann nur davon träumen, mit seiner Kunst einmal Geld zu verdienen. Bis heute ist das Thema Finanzierung ein schwieriges Unterfangen, das zeigt das gerade erschienene Buch Traumwelten (im Original: Room To Dream).

Für die Mischung aus Biografie und Autobiografie hat sich Lynch mit einer engen Freundin, der Künstlerin und Autorin Kristine McKenna zusammengetan. Sie hat den Job der Biografin und damit eine außenstehende Perspektive übernommen, was im Satz des Buchs mit sachlich-serifenloser Schrift gekennzeichnet ist. Lynch legt zu jedem Kapitel seine eigenen Erinnerungen vor. „Als wir uns vor einigen Jahren dazu entschlossen, gemeinsam Traumwelten zu schreiben, wollten wir zwei Dinge erreichen. Das erste Ziel war, so dicht wie möglich an eine definitive Biografie heranzukommen; das bedeutete, dass alle Fakten, Personen und Daten korrekt wiedergegeben werden mussten und es sich um verlässliche Informanten handelte. Zweitens wollten wir, dass die Stimme der Person, um die es geht, eine besondere Rolle in der Erzählung spielt“, schreiben die beiden im Vorwort, und hier liegt das Problem: Der angekündigte Dialog zwischen Lynch und McKenna gleicht eher einem doppelten Monolog. Meist stehen beide Ausführungen hintereinander, ohne aufeinander Bezug zu nehmen, der Lesefluss wird unterbrochen, weil man in der Zeit immer wieder zurückspringen muss. Manches wird dadurch redundant. Sicher, die Ausführungen und O-Töne von Lynchs Weggefährten möchte man nicht missen, ebenso wenig wie die trocken erzählten Anekdoten des Regisseurs selbst, der sich auf gewohnt lapidare Art jeder Einordnung verweigert. Insgesamt hätte eine Straffung und inhaltliche Zusammenfassung dem Buch aber sicher nicht geschadet.

„Dein Blick muss auf den Donut gerichtet sein, nicht auf das Loch in der Mitte.“

Wie um einen Gegenentwurf zur nichtlinearen Erzählweise seiner Filme zu setzen, hält sich das Buch strikt an die Chronologie von Lynchs Leben. Wir erfahren, dass er den wichtigsten Teil seiner Kindheit von 1955 bis 1960 in Boise, Idaho verbrachte und die Optik der Kleinstadt zu dieser Zeit – genauer „der chromglänzende Optimismus der Fünfzigerjahre“ – für seine Arbeit stilbildend werden soll. Auch für seinen späteren Tüftlergeist und sein Improvisationstalent am Filmset wird früh der Grundstein gelegt: Familie Lynch ist sehr erfinderisch, ständig wird irgendetwas gebaut oder gebastelt, und die Eltern ermutigen den jungen David, sich mit dem Zeichnen zu befassen. Überhaupt verlebt Lynch eine glückliche Kindheit, auch wenn sein Elternhaus ihn manchmal langweilt: Donald und Edwyna Lynch sind strenge Presbytarier und David lehnt ihre Spießigkeit zunehmend ab, bleibt aber immer in engem Kontakt mit seinen Eltern, die ihn auch unterstützen, als er mit 15 beginnt, sich für die Malerei zu interessieren. Als ihm ein Schulfreund in der neunten Klasse erzählt, dass sein Vater Maler ist – nicht etwa Anstreicher, sondern Kunstmaler – „explodierte eine Bombe in meinem Kopf“. Es ist dieses Leben, das er selbst anstrebt: Sich tagelang im Atelier einschließen, mit Ölfarbe den Fußboden ruinieren, Zigaretten rauchen. Auch wenn das Filmemachen bald an erste Stelle rückt, arbeitet Lynch parallel immer an Gemälden – manchmal noch nach einem langen Tag am Filmset – und stellt ab 1967 regelmäßig aus.

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