David Lynch: »Wir leben in einer gefährlichen Welt«

David Lynch

Am Montag veröffentlichte David Lynch den gemeinsamen Song »I'm Waiting Here« mit Lykke Li und kündigte ein neues Soloalbum namens The Big Dream für Juli an. Die kommende Musik beschrieb er dabei selbst als »Modern Blues«. Bereits sein letztes und offiziell erstes Soloalbum bekam bei seiner Veröffentlichung im letzten Jahr allerhand Aufmerksamkeit. Der Berliner Musiker und Autor Frank Behnke, der Lynch bei den Dreharbeiten zu seinem Klassiker Blue Velvet assistierte und Ralf Krämer gingen damals der Frage nach, wie es zur Crazy Clown Time kam?  Mit dem Künstler unterhielten sie sich dafür über Elvis, elektrische Gitarren, amerikanische Barbecues, Lana Del Rey und, natürlich, den Blues.

David, deine Leidenschaft für die Musik soll vor 55 Jahren begonnen haben, als Elvis Presley in der Ed Sullivan Show auftrat. Du warst zehn Jahre alt und hast diese TV-Sendung verpasst – warst aber tief beeindruckt davon, welche Wirkung der Auftritt auf eure Nachbarn hatte.
Ja, wie Millionen andere auch habe ich einen lebensverändernden Elektroschock bekommen, als ich zum ersten Mal Elvis Presley hörte. Auch der Rock’n’Roll sollte fortan nie wieder der sein, der er zuvor gewesen war.

Als du diese Ed Sullivan Show verpasst hast, hast du also weniger den Rock’n’Roll selbst entdeckt, sondern die Macht, die Kunst im Allgemeinen und eine Performance im Speziellen auf Menschen ausüben kann?
Ganz genau.

Würdest du dein Album Crazy Clown Time als dein Solodebüt bezeichnen, als einen Neuanfang als Musiker?
Alles, was ich bisher gemacht habe, auch die Musik, steht für sich selbst. Also haben auch diese neuen Songs einen eigenen Stellenwert. Aber sie resultieren vermutlich auch aus dem, was vor ihnen kam.

In der Tat klingen zum Beispiel die Industrial-Beats im Song »She Rise Up« wie Soundeffekte aus Eraserhead oder Lost Highway. Hast du ein eigenes Soundarchiv, aus dem du dich immer wieder bedienst?
Ich bin mir nicht sicher, was ihr meint. Vielleicht kommen euch auch einige Gitarrensounds bekannt vor. Aber bedenkt: Viele Menschen benutzen die elektrische Gitarre. Sie ist schließlich die allerschönste Erfindung der Weltgeschichte!

Du selbst bist bisher weniger als Gitarrist aufgefallen, sondern hast in deinen bisherigen Musikproduktionen eher Bass oder auch mal die Trompete gespielt. Es fällt schwer, sich David Lynch als Instrumentalisten vorzustellen, der sich der Musik völlig hingibt. Du wirkst in der Regel ja eher zurückhaltend und kontrolliert.
Es geht um beides. Man muss sich gehen lassen können. Die meisten dieser neuen Songs entstanden beim Jammen. Das Jammen ist die freie Form, in der Dinge entstehen, und vor allem eröffnet sie einen Raum für wirklich großartige Fehler. Aus dieser Art, sich gehen zu lassen, kann pures Gold entstehen. und wenn man im Jam auf Gold gestoßen ist, beginnt die Phase der Kontrolle. Man baut aus all den verschiedenen Komponenten etwas, das sich von Anfang bis Ende gut anfühlt.

Jammst du mit einer Band oder alleine für dich?
Ich bin allein mit meinem Gefährten, dem Arrangeur Big Dean Hurley. und meistens fange ich an mit der Gitarre, den Beats und Drums, und dann bringen wir das Ding in Fahrt.

Zu welchem Zeitpunkt entstehen die Texte?
Manchmal sind sie schon fertig, oder sie kommen später hinzu, mal so, mal so.

In Blue Velvet hast du die Bedeutung von Roy Orbisons Song »In Dreams« auf den Kopf gestellt, er wurde dort zur Obsession für den von Dennis Hopper gespielten Psychopathen Frank Booth. Du gewinnst dort auch den Lyrics durch das Aufbrechen ihres ursprünglichen Kontextes unvermutete Seiten ab. War das eine Initialzündung für dich, auch selbst Songtexte zu schreiben?
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich für Blue Velvet bereits eigene Songs geschrieben, sie waren schon fertig. Von mir sind die Lyrics zu »Mysteries of Love«, Angelo Badalamenti schrieb die Musik dazu. Aber ich erinnere mich, wie ich In Dreams damals hörte: Der Song passte einfach auf allen ebenen zu diesem Film, wenn auch auf eine Art und Weise, die für Roy Orbison zunächst nicht gerade erfreulich war. Aber später hatte ich das Vergnügen, Roy zu begegnen, und er erzählte mir, dass er beim zweiten Anschauen von Blue Velvet doch die Wirkung seines Songs in dem Film zu schätzen gelernt habe.

Lyrics bedeuten eben jedem etwas anderes. Was bedeuten sie dir?
Für mich muss es zwischen dem Text und der Musik einfach funken, es muss sich richtig anfühlen. Ich sehe die meisten dieser Songs als kleine Geschichten, mit Charakteren, die aus der Musik hervorgehen.

Also basiert dein Album auf derselben Art, die Welt zu sehen, wie deine Filme – du hattest kein besonderes musikalisches Konzept, sondern diesmal sind statt bewegter Bilder einfach Songs entstanden?
Exakt. Vielleicht gibt es ein paar andere Charaktere, das Album spielt in anderen Gegenden, aber es entstammt derselben Welt wie meine Filme.

Man könnte diese Welt »lynchesk« nennen, so wie es die »kafkaeske Welt« gibt. Der Titel deines Instrumentals »The Night Bell with Lightning« geht sogar auf eine Zeile von Franz Kafka zurück. Besteht innerhalb so einer hermetischen Ästhetik nicht auch die Gefahr, manchmal in die Fallen der eigenen Klischees zu tappen?
Eine Gefahr? Es ist auch gefährlich, auf die Straße zu gehen. Wir leben in einer gefährlichen Welt. Man hofft einfach auf Ideen, und darauf, dass man sich in einige dieser Ideen verliebt. Manche ähneln früheren Ideen, manche nicht. Wenn man sich verliebt, verliebt man sich eben; das ist das, was einen antreibt, Ideen zu realisieren. Wenn man anfängt, sich auf intellektuelle Weise Gedanken über Klischeefallen zu machen, wird man paralysiert und kann überhaupt nicht mehr arbeiten.

Was bringt dich dazu, vor allem deine Stimme in deinen Songs oft bis zur Unkenntlichkeit zu manipulieren?
Mir geht es wie vielen anderen Menschen auch: Ich mag den Klang meiner normalen Stimme einfach nicht. Und ich sehe die Stimme als ein Instrument. Sie ist wie eine Gitarre oder ein Schlagzeug oder eine Trompete, deren Sounds verändern wir ja auch ganz selbstverständlich. Und heutzutage kann man die Stimme eben auf Millionen unterschiedliche Arten manipulieren. Aber die Idee ist nicht, das einfach zu tun, weil es technisch möglich ist, sondern um die Stimme mit der Musik zu verschmelzen, um ihr den passenden Charakter für ihr Umfeld zu geben. Wir schrauben einfach so lange daran herum, bis es sich richtig anfühlt.

Der Titel des Albums Crazy Clown Time ist ein typischer David-Lynch-Titel. In deinem Buch Catching the Big Fish benutzt du die Phrase »Suffocating rubber clown suit of negativity«. Geht Crazy Clown Time darauf zurück?
Auch hier gilt: Beides ist Teil derselben Welt. Das Wort »Clown« ist irgendwie unglaublich, es ist wunderschön. Es ist eines dieser Worte, die verschiedene Bedeutungen haben. Auf gewisse Weise ist es mit dieser Phrase, die ihr zitiert, verbunden, aber »Crazy Clown Time« ist auch einfach etwas, das ich in einer Liste notiert habe. Es beschreibt ein Phänomen der Zeit, in der wir leben. »Crazy Clown Time« bringt unsere Zeit auf den Punkt.

In der Popkultur wimmelt es geradezu von Clowns. Um das Rap-Duo Insane Clown Posse gibt es einen riesigen Fankult, der Joker mit seinem Clownsgesicht hat in The Dark Knight Batman die Show gestohlen. Und wo wir von unheimlichen Clowns reden, dürfen wir auch Ronald McDonald nicht vergessen.
Es gibt creepy clowns, happy clowns, crazy clowns – viele verschiedene Clowntypen. Der auf meinem Album hat allerdings mehr mit einem Barbecue zu tun, mit Jungs und Mädchen und ganz viel Bier.

Das Barbecue scheint eines der Leitmotive der David-Lynch-Welt zu sein. In »Thank You Judge«, einem Song des Albums BlueBob, das du 2001 mit John Neff veröffentlicht hast, wird bei einer Scheidung alles Mögliche der Frau zugesprochen, nicht nur der Fernseher, sondern sogar der Barbecue-Grill. Und auf deinem neuen Album personifizierst du das Barbecue und nennst es deinen »Freund«.
Ja, das Barbecue ist ein uramerikanisches Phänomen. Es ist mittlerweile auch andernorts bekannt, aber es wird vor allem in den USA praktiziert, und dort vor allem im Garten. Es ist ja kein einfacher Grill. Man räuchert da in einer heißen Box Hotdogs oder Hamburger oder was auch immer. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dabei Bier getrunken. Das Barbecue hat in den USA eine lange Tradition, aber richtig populär wurde es erst in den fünfziger Jahren, also etwa zur selben Zeit wie Elvis Presley.

Bist du selbst ein Meister am Barbecue-Smoker?
Nein, ich mache keine Barbecues.

Aber du nimmst gerne an welchen Teil?
Ja, das würde ich gerne.

Du hast in dem Interviewbuch Lynch über Lynch davon gesprochen, wie wichtig es sei, »sein Fenster einen Spalt weit offen« zu halten, auch wenn man älter als 30 ist. Nimmst du dementsprechend immer noch am aktuellen Musikgeschehen teil? Hast du zum Beispiel von Lana Del Rey gehört?
Warum Lana Del Rey? Seltsam, ich werde zurzeit immer wieder auf sie angesprochen!

Sie hat in den vergangenen Monaten viel Aufsehen mit ein paar Songs und ihrem Aussehen erregt und erwähnt dich und vor allem deinen Film Fire Walk with Me als Inspirationsquelle.
Ich verstehe. Ich mag Lana Del Rey. Und ich mag auch Lykke Li und The Kills, und Kitty Daisy & Lewis und Gary Clark Jr. aus Austin, Texas.

Fühlst du dich von diesen Sängern und Bands musikalisch beeinflusst?
Das sind einfach Gruppen, die ich mag, auch wenn sie sehr unterschiedliche Musik spielen. Als ich zum Beispiel zum ersten Mal Gary Clark Jr. hörte … Er versteht sich total auf elektrischen Blues. Dieser Chicago-Electric-Blues-Sound von John Lee Hooker hat eine enorme Wirkung auf mich.

David …
Und Jimi Hendrix an der Gitarre, er hat den Geist des Rock’n’Roll in eine andere Dimension katapultiert. Ich mag die Idee, dass eine Gitarre von einem halb kaputten Motor angetrieben wird.

Wie …?
Ich mag die benzinbetriebene Gitarre, ihr wisst schon, die mit Feuer und Rauch. I like music that comes out of a smoke stuck industry, I like music which got some great great power that moves the soul!

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