David Foster Wallace: „Infinite Jest“ – Mehr Buch geht nicht

David Foster Wallace nahm sich vor genau zehn Jahren das Leben. Als einer der wenigen vermochte der US-amerikanische Autor es, das Leben in seiner ganzen Peinlichkeit und Bandbreite in Worte zu bannen. Kaum jemand konnte seinen Roman Infinite Jest/Unendlicher Spaß lesen, ohne sich ertappt zu fühlen. Viele hatten Angst davor, das Leben noch realer zu sehen und zu lesen, als sie es Tag für Tag wahrnahmen, andere gingen in der Welt von Infinite Jest auf. Einer Welt der dauerhaften Unterhaltung, der kompromisslosen Kommerzkultur, eine Welt, in der die realen Emotionen von synthetischen ersetzt wurden, von Süchten und ziellosem Wettkampf. Infinite Jest ist im Jahr 2018 zeitgemäßer denn je. In SPEX No. 367 stellten wir dasselbe schon für das Jahr 2016 fest. Lesen Sie hier das komplette Feature aus dem Heft.

Bei Erscheinen im Februar 1996 wurde Infinite Jest als „American Grunge Novel“ und popkulturelles Ereignis gehypet. 20 Jahre später lässt sich sagen: David Foster Wallaces zeit- und zukunftsdiagnostischer Überroman hat mehr zu bieten als literarische Coolness. Was aber wurde aus den düsteren Aussichten des Schriftstellers, der vor acht Jahren Selbstmord beging?

Infinite Jest stellt Ansprüche. Man kann diesen Roman nicht mal schnell an zwei Wochenenden erledigen, um ihn dann als popkulturelles Statussymbol ins Bücherregal zu stellen. Die 1079 Seiten der englischsprachigen und die 1545 Seiten der deutschsprachigen1 Fassung brauchen Zeit.2 Extrem viel Zeit (für ein Buch). Lässt man sich aber auf den Roman ein, passiert es: Man vergisst Geburtstage. Merkt nicht, wie dem Handy der Saft ausgeht. Beginnt auf Tiefkühlkost umzustellen. Will nicht mal mehr zum Zigarettenholen aus der Wohnung. Denn alles, was am Leben interessant ist – nein, alles, was Leben ist, findet man in IJ. Nur besser. Tiefer. Größer. Düsterer. Wunderbarer. Unendlicher. Denn IJ macht süchtiger als jedes andere Buch. Aber irgendwann hat man es durch. Ist wieder draußen. Entschuldigt sich bei Muttern wegen des Geburtstags. Kauft auf dem Markt Gemüse ein. Irgendwann.3 Als anderer Mensch.4

Aus Infinite Jest, dem Film im Roman, kommt man hingegen nicht mehr raus. Dieser unendliche Spaß macht so süchtig, dass Bildschirmstarren zum alternativlosen Epizentrum der Lust wird. Bis man tot oder ein vegetable ist. Der Film ist also die perfekte

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1 Unendlicher Spaß, 2009 von Ulrich Blumenbach übersetzt

2 Hinzu kommen 388 Fußnoten, teils extrem ab-, aus- und/oder umherschweifend.

3 Obwohl: s. Fußnote 13.

4 Oder zumindest als ein anderer/anders Lesender

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