Inhaltlich korrespondieren Bowies Urthemen – Isolation, Angst vor Wahnsinn, Tod, Einsamkeit, Science-Fiction – bestens mit der politischen Weltlage. Musikalisch trifft Jazz aus der Rock-Perspektive auf elektronische Texturen und wummernde Bässe. Bislang gab es kein so homogenes, in sich geschlossenes Album wie Blackstar.

Keine Angst, wir kommen nicht schon wieder mit dem alten Treppenwitz, nach dem das jeweils aktuelle Bowie-Album stets das beste seit Scary Monsters (1981) sei. Trotzdem müssen wir einen Moment zurück in die Achtziger: Drei Jahre nach Scary Monsters erschien Let’s Dance, ein Album, das Bowie später als Fluch und Segen gleichermaßen bezeichnete. Segen, weil es seine Karriere dauerhaft auf eine solide wirtschaftliche Basis stellte, nachdem sein Ex-Manager Tony DeFries ihn jahrelang abgezockt hatte. Fluch, weil Bowie anschließend, berauscht vom kommerziellen Erfolg, seinen künstlerischen Kompass verlor. Womit wir zu Blackstar kommen, seinem insgesamt 25. Album.

Bereits 1993 veröffentlichte der gelernte Saxofonist Bowie im Ringen um die Rückerlangung seiner künstlerischen Radikalität ein überwiegend bläserbasiertes Album, dessen Grundkoordinaten nicht so viel anders waren als jetzt die von Blackstar: Jazz aus der Rock-Perspektive trifft auf elektronische Texturen und wummernde Bässe. Der hervorstechende Instrumentalist war damals der legendäre Trompeter Lester Bowie. Der andere Bowie sprach von einer Hommage an Little Richard und John Coltrane, aber leider klang Black Tie, White Noise eher nach einer weißen Plastikversion von Cocktail- und Lounge-Jazz.

»Der Ton ist spöttisch, das Saxofon weint – ohne Drama geht es nicht.«

Dass der 49-Jährige Berklee-Absolvent und Saxofonist Donny McCaslin nun auf dem letzten Blackstar-Stück »I Can’t Give Everything Away« ganz ähnlich klingt wie seinerzeit Lester Bowie, legt nahe, dass David Bowie seinen konzeptuellen Grundgedanken von damals wieder aufgenommen hat, allerdings mit glücklicherer Hand: Im insgesamt als exzessiv zu bezeichnenden Einsatz von Saxofonen jeglicher Couleur verbunden mit einem gewissen Crossoveransatz erschöpfen sich die Parallelen zwischen beiden Alben. Tatsächlich erweist sich der Verzicht auf Bowies seit 20 Jahren im Wesentlichen unveränderte Kernband als einer der großen Trümpfe eines durchgehend großartigen Albums. McCaslin, übrigens eine Empfehlung der Bandleaderin Maria Schneider – mit deren Orchester hatte Bowie 2014 das für Blackstar neu instrumentierte »Sue (Or In A Season Of Crime)« eingespielt –, vitalisiert dieses Album gemeinsam mit seiner Band auf bestechende Weise. Insbesondere McCaslins unermüdlichen Schlagzeuger Mark Guiliana muss man hier hervorheben, Breakbeats dieser Art kriegen selbst Radiohead nur am Computer hin.

Über allem thront der aus ursprünglich zwei separaten Elementen geformte Titelsong. Bowies Urthemen – Isolation, Angst vor Wahnsinn, Tod, Einsamkeit, Science-Fiction – korrespondieren bestens mit der politischen Weltlage. Hat man das etwas verworrene Blackstar-Zeichensystem einmal durchdrungen, verdichtet sich der Track zu einem Kommentar auf diese Geschehnisse. »In the villa of Ormen / Stands a solitary candle«, singt Bowie. Ormen bedeutet auf Norwegisch Schlange, mit der »einsamen Kerze« sei der IS gemeint, wie McCaslin zu Protokoll gab.

Richtig gelesen: Sämtliche Depeschen wurden erneut von den beteiligten Musikern sowie dem abermals verantwortlichen Produzenten Tony Visconti verlesen. Bowie selbst wird auch dieses Mal weder Interviews noch Konzerte geben, ließ aber ausrichten, alles, was er zu sagen habe, sei auf dieser Platte. Er kann sich also einen Moment zurücklehnen, und tatsächlich: »Look out here, I’m in heaven«, heißt es in »Lazarus«. Der Ton ist freilich spöttisch, das Saxofon weint – ohne Drama geht es nicht. Entgegen der überall beschriebenen Fokussierung auf Jazz als musikalisches Hauptstilmittel erinnert »Lazarus« mit seinen Flanger-getriebenen Bassmelodien und den akustischen Gitarren durchaus auch an The Cure der Seventeen-Seconds-Phase.

»Vermutlich hat er erkannt: Wirklich zurück zu dem, was ihm wichtig ist, kann er nur, wenn er sich der Öffentlichkeit komplett entzieht.«

Interessant ist Bowies Spiel mit den Stimmen, etwa in »Girl Loves Me«: In der wunderschön hingetupften Strophe klingt er wie jener Jungspund, der einst aus der Vorstadt nach London kam und dort in einer Werbeagentur jobbte. »Where the fuck did monday go?«, das dürfte er sich damals bisweilen gefragt haben. Im erhabenen arabesken Refrain klingt die Stimme dann alt, weise, staatstragend. Das spontan im Studio entstandene »Dollar Days« ist klassischer Bowie at his best, mit Streichern, Piano und James Murphy an den Bongos, »I Can’t Give Everything Away« schließlich das ganz große Epos zum Schluss: ein Song, der wie ein Fazit klingt, ein Abschluss. Und in gewisser Weise ist er das. Bowie sind in den letzten 20 Jahren einige wunderschöne Songs und Momente gelungen, aber kein so homogenes, in sich geschlossenes Album wie Blackstar.

Vermutlich hat er erkannt: Wirklich zurück zu dem, was ihm wichtig ist, kann er nur, wenn er sich der Öffentlichkeit komplett entzieht. Und so kann man sich den Privatier David Bowie gut vorstellen, wie er jetzt mit Frau Iman und Tochter Alexandria in Manhattan sitzt und für einen Moment einmal wirklich angekommen ist.