Ausstellung David Bowie: »Ein ewiges Rätsel«

David Bowie
David Bowie vor 41 Jahren   FOTO: Masayoshi Sukita / The David Bowie Archive

David Bowie, die Ausstellung, kommt ab Mai nach Berlin. Ihr Protagonist »war immer jemand, der sich von der Vergangenheit befreien wollte, um Platz zu machen für etwas Neues«, sagt Geoffrey Marsh, der für das Londoner Victoria and Albert Museum die Schau kuratierte, im Interview.

Das Treffen mit Geoffrey Marsh, dem Direktor der Abteilung Performance und Theater des V&A und Co-Kurator von David Bowie Is (so der Ausstellungstitel in London), findet im Café des alterwürdigen Museums statt. Marsh, dessen einzige Extravaganz eine schwarze Plastikperlenkette zu sein scheint, an der er seinen Mitarbeiterausweis trägt, entschuldigt sich im Vorfeld für seine Art, sehr schnell zu sprechen. Aber es gibt ja auch viel zu erzählen. Einmal ins Reden gekommen, führt er, der in den letzten Jahren zum Bowie-Experten geworden ist, das Interview praktisch allein.

Geoffrey Marsh, erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie David Bowie sahen oder hörten?

Ich erinnere mich sogar sehr genau. Ich bin 55 Jahre alt, als Ziggy Stardust 1972 erschien, ging ich also zur Schule. Wie die meisten Leute hatte ich bis dahin noch nichts von David Bowie gehört. Aber wenn ich ehrlich bin: Es war nicht so richtig meins. Nicht, dass ich es nicht besonders mochte. Ich machte mich nur gerade mit dem Werk der Beatles vertraut oder den damals aktuellen Emerson, Lake and Palmer.

Wann haben Sie erfahren, dass es zeitgleich zur Ausstellung mit The Next Day ein neues Album geben würde?

Wissen Sie, wir arbeiten jetzt seit zweieinhalb Jahren an David Bowie Is, und das ist ein bisschen so, wie wenn man verheiratet ist: Sie spüren, im Anderen etwas vor sich geht. Kurz vor Weihnachten war mir klar, dass etwas passieren würde. In der Nacht vor seinem 66. Geburtstag nahm ich mir vor, wach zu bleiben. Just an diesem Tag wurde dann seine Website überarbeitet. Und ich dachte: Ja, klar. Gegen halb zwei Uhr in der Nacht schlief ich dann doch ein und als ich ein paar Stunden später aufwachte, war die Ankündigung da.

Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Ursprünglich planten wir eine andere Schau über jemanden, von dem ich nicht sagen kann, wer es ist, denn wir wollen sie immer noch machen. Aus verschiedenen Gründen konnte sie aber damals nicht stattfinden. Also überlegten wir, wer als nächstes in Frage kommen könnte. In meiner Abteilung geht es ja nicht in erster Linie um Popmusik, sondern um Theater und Performance. Das Werk des betreffenden Künstlers muss also einen gewissen performativen Anteil haben. Auf unserer kurzen Liste befand sich selbstverständlich auch David Bowie. Diese Liste wird noch sehr viel kürzer, wenn man alle Leute streicht, die kein Archiv besitzen, bei deren Artefakten die Rechtslage ungeklärt ist oder die sich der Kommunikation verweigern.

Aber auch David Bowie hat ausdrücklich nicht mit Ihnen kooperiert, richtig?

Das stimmt. Alles, was er tat, war, uns sein Archiv zur Verfügung zu stellen. Wir durften leihen, was wir wollten, aber es gab keinerlei Kontakt zu ihm.

Wie muss man sich das David-Bowie-Archiv vorstellen? Er hat ja überall auf der Welt gelebt, und vor ein paar Jahren entschied er, alle seine Sachen nach New york zu schaffen. Er hat seine Archivarin Sandy Hershkowitz angestellt, die sich hauptamtlich darum kümmert, dass alles geordnet, katalogisiert und bewahrt wird. Die Sachen sind in einem fantastischen Zustand, die Professionalität, mit der sie konserviert werden, gleicht der, mit der wir hier im Museum arbeiten. Sandy hat sich in den letzten drei oder vier Jahren da durchgearbeitet, und ich glaube, jetzt hatte Bowie das Gefühl, einige dieser Dinge in einer Ausstellung zeigen zu wollen.

Wo befindet sich dieser Ort?

Ich darf nicht mehr sagen, als dass er sich in New York City befindet.

Nicht einmal, ob in Manhattan oder irgendwo in Brooklyn?

Nicht einmal das.

Es war Bowie selbst, der angefangen hat, Notizzettel mit Textzeilen, Fotos von sich und Storyboards seiner Videos zu sammeln. Glauben Sie, er wusste von Anfang an, dass es eines fernen Tages einmal ein enormes Interesse an all diesen Objekten geben würde?

Was ihn von vielen Leuten in der Welt des Pop unterscheidet, ist, dass er jeden Aspekt davon, wie er sich in der Öffentlichkeit präsentiert, selbst steuert. Er hat nicht einmal einen Manager. Bowie hat früh verstanden, wie wichtig es ist, die Kontrolle über alles zu behalten. Im Alter von 16 arbeitete er ein Jahr in einer Werbeagentur namens Nevin. Heute kann man seine Kreativität in einer Reihe von Berufen ausleben, aber Anfang der 60er war die Werbung eines von wenigen Feldern, das vage eine Art künstlerischen Ausdruck zuließ. Deswegen zog es ihn dorthin, genau wie Andy Warhol zur gleichen Zeit. Es war die Zeit nach dem Koreakrieg, in der ständig Bücher über Gehirnwäsche und Manipulation erschienen. Ich glaube, daher stammt seine Idee, dass man sein eigenes Schicksal steuern kann. Und das war es, was er von Anfang an tat. Allein der Umstand, dass er bis auf eine Ausnahme (Lodger) auf allen seinen Plattencovern zu sehen ist, spricht Bände darüber, wie er seine Identität von Anfang an aktiv formte. 

Das Archiv umfasst 75.000 Objekte. Wie entscheidet man sich da für ein paar Hundert, die es schließlich in die Ausstellung schaffen?

Es hilft, dass ich kein Fan bin und eine gewisse Distanz mitbringe. Da wir die Ausstellung in Themengebiete unterteilt haben, suchten wir in jeder Sektion passende Dinge – und zwar ohne alles Vorhandene durchzusehen. Meine Co-Kuratorin Victoria Broackes und ich waren zwar insgesamt fünf oder sechs Mal in New York, aber für eine komplette Bestandsaufnahme war einfach keine Zeit. Ich bin sicher, viele seiner Anhänger wird das empören: Da hat man einmal die Chance, durch David Bowies gesamtes Archiv zu stöbern und tut es nicht. Aber es ging einfach darum, auszuwählen. In der Kategorie Songwriting hatten wir also etwa 25 Blätter mit Songtexten. Manche von ihnen zeigten nur einzelne Zeilen, manche waren jeweils auf der Vorder- und Rückseite beschrieben – dadurch schieden viele schon von vornherein aus. Viel ist auch vom Glück bestimmt: Ein Künstler kam auf einer Party auf mich zu und sagte, er besitze das Original-Artwork des Hunky-Dory-Covers, ob wir es nicht für die Ausstellung gebrauchen könnten. Und dann kommt es eben auch auf den Standpunkt des Kurators an. Im Jahr 1967 lebte Bowie im Londoner Stadtteil Soho. Er wusste, was zu der Zeit in Manhattan vor sich ging, er hatte von Andy Warhol und der Factory gehört, aber er besaß nicht die Mittel, um in die USA zu reisen. Dann lernte er mit dem Tänzer, Pantomimen und Choreographen Lindsay Kemp einen echten Bohemien kennen. Kurz darauf traf er Hermione Farthingale, eine klassisch ausgebildete Tänzerin, die später seine Freundin werden sollte. Diese beiden vermittelten ihm das Wissen darüber, was Theater bedeutet. Er begriff sofort, dass es reicht, einen Raum zur Verfügung zu haben. Ab diesem Zeitpunkt wurde er für mich vom Performer zum Schauspieler, der all diese unterschiedlichen Rollen verkörperte.

Sie zeigen Kostüme aus den Phasen, in denen er Ziggy Stardust, Aladdin Sane und der Thin White Duke war. Welcher ist Ihr liebster Bowie-Charakter?

David Bowie selbst. Denn auch das ist eine seiner Rollen, und zwar diejenige, die er jetzt schon am längsten spielt. Die Person dahinter, die aber nicht in Erscheinung tritt, heißt David Jones. Es gibt da diesen Brief, in dem er erklärt, dass er seinen Namen von David Jones in David Bowie geändert habe. Dieses Dokument zeigen wir selbstverständlich, denn für mich markiert es diesen Wendepunkt.

Was ist der überraschendste Fund, den Sie in Vorbereitung auf David Bowie Is gemacht haben?

Das ist etwas, was mich eher amüsiert: »Space Oddity« gilt als Bowies Reaktion auf die Mondlandung. Allerdings schrieb er den Song Anfang 1969, genauer: am 13. Januar. Also zu einem Zeitpunkt, als die Mondlandung noch gar nicht stattgefunden hatte. Aber der Apollo 8 war es gelungen, den Mond zu umrunden, das war am Weihnachtsabend 1968. Keiner der Beteiligten hatte daran gedacht, dass man dabei ja auch die Erde würde sehen können und so gab es keine offizielle Erlaubnis, ein Foto von ihr anzufertigen – alle Bilder auf dem Film sollten dem Mond gewidmet sein. Ein Astronaut setzte sich über diese Anweisung hinweg und das so entstandene Bild landete am Anfang des Jahres 1969 auf dem Titelblatt der Times und des Time Magazine. Bis dahin dachte man, die Erde sei grün.

»Planet Earth is blue and there’s nothing I can do«.

Genau! Erst danach begann man, vom »blauen Planeten« zu sprechen.

Man muss annehmen, dass solche Missverständnisse öfter passieren ...

Und sie werden immer und immer wiederholt. Und weil Bowie sich nie äußert, werden sie nie aufgeklärt. Das ist ein Grund für seinen Erfolg: Er bleibt ein ewiges Rätsel.

Umso überraschender kam die Ankündigung, dass er nach zehn Jahren ein neues Album herausbringen würde.

Ich weiß, es klingt ziemlich nerdig. Aber laut einer Statistik hat er in den 32 Jahren zwischen 1972 und 2004, als er aufhörte zu touren, 1000 Konzerte gegeben. Das macht alle elf Tage ein Konzert. Er ist ein Workaholic. Die Vorstellung, dass er sich von heute auf morgen ausschließlich um seine Tochter kümmert, erscheint da recht abwegig. Ich glaube, er arbeitet die ganze Zeit.

Aber was denken Sie, tut er den ganzen Tag?

Er ist damit beschäftigt, David Bowie zu sein! Natürlich war da die Herzattacke. Aber wissen Sie, Marcel Duchamp hörte 1923 auf zu malen, weil er zu dem Schluss gekommen war, dass Schach die größere Kunstform ist. Er wurde darin sehr erfolgreich, 1933 vertrat er Frankreich sogar bei der Schach-Olympiade. Danach hat er nur noch ein einziges Kunstwerk geschaffen, das er vor der Öffentlichkeit verbarg. Ich bin sicher, Bowie kennt diese Geschichte. Und es entspricht ihm einfach nicht, das zu tun, was alle anderen auch tun.

Lassen Sie uns über die Kostüme sprechen, deren Präsentation ja besonders aufwendig ist.

Für uns arbeiten zwei Leute, die sich den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigen als dem Arrangieren von Kostümen. Es dauert einen Tag pro Outfit, weil die Kleiderpuppen mit Polstern an den Körperbau des Originalträgers – in diesem Fall Bowie – angepasst werden. In der Ausstellung werden insgesamt 16 seiner Kostüme zu sehen sein: die von Freddie Burretti designten Catsuits der Ziggy-Stardust-Zeit, die spektakulär ausladende Hose von Kansai Yamamoto, aber auch ein Anzug, den er als Teenager trug und den er mithilfe von Filzstiftlinien elaborierter aussehen lassen wollte. Was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie für sein Verständnis von Identität stehen. Bowie ist fasziniert von der Idee, dass jeder alles sein kann, was er will. Seine Botschaft seit den frühen 70ern war: »Schaut nicht mich an, schaut auf euch selbst! Ihr könnt alles sein, tragen und tun, was ihr wollt und jede beliebige Sexualität leben.« Man muss sich klarmachen, dass man damals noch dafür verprügelt werden konnte, wenn man mit Pornoheften erwischt wurde – oder ein Album von ihm besaß. Er aber sagte: »Wenn es gut läuft, hat jeder von uns ein paar Jahrzehnte auf dieser Erde, ich werde mich also nicht darum kümmern, was andere von mir denken. Und ihr solltet das auch nicht tun.« Darin besteht sein Glamour und das drückten auch seine wechselnden Charaktere – und damit seine Kostüme – aus. David Bowie war immer jemand, der sich von der Vergangenheit befreien wollte, um Platz zu machen für etwas Neues.

Die neue Single klingt doch aber einigermaßen nostalgisch.

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Er ist keine nostalgische Person, und genau das war auch der Grund, warum er Berlin als Thema von »Where Are We Now?« gewählt hat. Sicher schaut er zurück. Aber diese Welt, die er da besingt, gibt es so nicht mehr. Sie ist vom Winde verweht. Wenn man genau hinhört, sagt er: Unsere Erinnerungen halten uns zurück. Und er entledigt sich dieser Erinnerungen. Genau derselbe Gedanke liegt der Ausstellung zugrunde: Er will auch dieses Zeug aus dem Weg schaffen, um danach Platz zu haben für Neues. Und deshalb wird David Bowie Is auch keine reine Retrospektive sein. Der Mann ist schließlich am Leben und hat noch eine ganze Karriere vor sich.

Die Ausstellung wird unter dem Titel David Bowie wird mit rund 300 Objekten vom 20. Mai bis 10. August 2014 im Martin-Gropius-Bau, Berlin, zu sehen sein. Weitere Infos auf www.davidbowie-berlin.de.

Das Interview erschien ursprünglich in SPEX N°343. Die Ausgabe kann noch immer versandkostenfrei über unseren Online-Shop bezogen werden.

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