Dave Harrington Group »Become Alive« / Review

Der Nicolas-Jaar-Gefährte Dave Harrington hat einen jam-freudigen Männerbund um sich geschart und mit ihm ein wirklich gutes Progressive-Jazz-Album zusammengeschraubt.

Dave Harrington, das ist der Typ, der erst in Nicolas Jaars Live-Band spielte und später Darkside mit ihm gründete.  Die wurden 2013 ein großes Ding, so wie eigentlich alles, was Jaar zu jener Zeit trieb, ein großes Ding wurde. Harrington brachte mehr Struktur in Jaars reduzierte Electronica: Sie klang nun reicher, voller instrumentiert und blieb trotzdem so catchy und pointiert, wie man es von Jaars Debütalbum Space Is Only Noise gewohnt war.

Harrington ist nach eigener Aussage mit Jazz aufgewachsen, und Jazz scheint auch der Ausgangspunkt seiner eigenen musikalischen Ausflüge zu sein. Nachdem er 2014 erstmals eine EP unter eigenem Namen veröffentlicht hat – zwei auf 20 Minuten ausgedehnte  Tracks zwischen atmosphärischer Electronica, Feedbackgeräuschen und verhallten Jazz-Ansätzen –, bringt er jetzt sozusagen sein Debütalbum heraus.

Sozusagen, weil auf Become Alive ja die Dave Harrington Group spielt. Auf einem Promofoto sieht man eine Bande von zwölf Männern – allesamt aus dem Umfeld von Nicolas Jaars Label Other People – und ja, allesamt Männer, inklusive Jaar himself, Will Epstein und wie sie alle heißen. Scheint so, als sei man in deren Umfeld ähnlich männerbündisch unterwegs wie eine schlagende Verbindung in einem süddeutschen Studentenstädtchen. So rein demographisch betrachtet.

Manko an diesem Konzept: Es fehlt das Konzept.

Immerhin hat die Dave Harrington Group eine bessere Beschäftigung gefunden als literweise Bier in sich hineinzuschütten: gemeinsame Progressive-Electronica-Jazz-Jamsessions! Harrington hat die Aufnahmen dieser Sessions auseinandergenommen, neu zusammengesetzt und arrangiert. Das Resultat klingt in seinen besten Momenten wie eine völlig ausgeuferte Version von Darkside. Mal verhuschte, mal zielstrebige Synthesizerflächen, dezentes Bassgeplucker, durch den Raum hallende Gitarrenlicks, sanftes Schlagzeuggeklöppel, dazu ein heiseres Saxofon und noch einige Instrumente mehr. Bis der Proberaum eben voll ist.

Seit einer gefühlten Ewigkeit hat niemand mehr so weitläufige und energiegeladene Jams zu einem wirklich guten Album zusammengeschraubt. Manko an diesem Konzept: Es fehlt das Konzept. Manchmal wünscht man sich etwas von den klaren Strukturen zurück, die es bei Darkside immer gab und die deren Album so verdammt mitreißend machten. Hier heißt es stattdessen, um jetzt mal beim Jazz-Sprech zu bleiben: abtauchen und eingrooven – um am Ende von »All I Can Do«, dem kitschigsten aller Tracks,  ins Hier und Jetzt zurückgeworfen zu werden.

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