Das Wunder von New York

Spex #318 ist ab dem 19. Dezember am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Editorial Bahnhofsuhr
What time is love in den Zeiten der Cholera?

(Foto: © SPEX)

Liebe Leserinnen und Leser,

wir erleben in diesen Monaten: die Welt im Umbruch. Musik wird wieder politischer. Kunst reflektiert Kunst. Sprache erfindet Sprache, Märkte stellen Märkte infrage. Überall fi nden sich Zeichen global wie regional sich neu formierender Gegenkulturen, die Wohlstandsverteilung, Urheberrecht, digitale Evolution, Geschlechterkonzepte und Eskapismus, also den Rückzug ins Private oder Romantische, diskutieren. Wir erleben: hoch spannende Gegenwart!

    Spex hat sich in den vergangenen zwei Jahren neu aufgestellt. Oft wird uns die Frage gestellt, nach welchen Kriterien wir Themen ins Heft nehmen – und warum andere gar nicht behandelt werden. Die Antwort fällt leicht: Ins Heft kommt, was über sich selbst hinaus weist. Von unseren Autoren verlangen wir, der Komplexität der Ereignisse Rechnung zu tragen, die kulturellen Phänomene interdisziplinär zusammenzudenken, in einfacher, aber nie unterkomplexer Sprache Zusammenhänge zu erklären. Spex als Erkenntnisschnittstelle.

    In den knapp zwei Monaten, die uns Ausgabe für Ausgabe für die Fertigstellung eines Heftes gegeben sind, verdichten sich Beobachtungen, Gedankenstränge, der Blick auf Details und Versuche ganzheitlicher Erkenntnisfindung zu thematischen Gemengelagen. Inhaltliche Überschneidungen werden erkennbar, Querverweise tauchen auf, Verknüpfungen bieten sich an – in der Addition der Artikel, die von Autoren geschrieben wurden, die von den Parallelen zu den Aussagen der Artikel ihrer Kollegen de facto nichts wissen konnten. Eine Spex, die in Druck geht, ist somit zugleich die Vielzahl von Autorenstimmen wie auch die äußerst faszinierende Verwandtschaft von Positionen.

Spex #318

Spex #318, ab dem 19. Dezember am Kiosk.

    In unserer Titelgeschichte über Antony Hegarty, den Sänger von Antony And The Johnsons, zeichnet Jens Balzer ab Seite 44 den Werdegang der vielleicht prägnantesten Pop-Stimme unserer Tage nach. Hegartys Musik steht, wie so vieles, über das in Spex berichtet wird, für eine unbedingt zu verteidigende Selbstbestimmungsfreiheit, nicht zuletzt in Fragen sexueller und geschlechtlicher Identität – Wolfgang Tillmans fotografierte Hegarty in London. Thomas Schönberger beschreibt in seinem Stück über den Fotografen Alvin Baltrop ab Seite 110 eine ähnliche Geschichte, zeitversetzt um knappe zwanzig Jahre zurück ins New York der Siebziger. Ralf Krämers kenntnisreiches Porträt von Gus Van Sant beleuchtet ab Seite 118 ebenfalls ein historisches Fragment der Schwulenbewegung anlässlich des Starts seines neuen Films »Milk«. Zufall oder Signal unserer Zeit?

    Viele Texte in Spex sind durchdrungen von der Frage nach den Produktionsbedingungen von Kunst in den Zeiten zunehmenden Verwertungsdrucks und des Wohls und der Wehe, die die digitale Evolution mit sich bringt. Es freut uns, dass unseren Leserinnen und Lesern die Spex-Reihe ›Digitale Evolution‹ so gut gefällt. Es freut uns deshalb, weil es alles andere als nahe liegend ist, dass eine Interviewreihe, in der wir Kulturwissenschaftler, Künstler und Kritiker der digitalen Gesellschaft zu Wort kommen lassen, auf Zuspruch stößt. In diesem Heft treffen ab Seite 50 mit dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Musikindustrie, Dieter Gorny, und den Kuratoren des Kongresses zum Thema ›Audio Poverty‹ im Haus der Kulturen der Welt Berlin, Ekkehard Ehlers und Björn Gottstein, Meinungen aufeinander, die weiter auseinander nicht liegen könnten. Denkt man! Liest man die Interviews genau – und vergleicht man die Positionen mit denen der ebenfalls zu Wort kommenden Videokünstlerin Candice Breitz –, werden Vorurteile, Rollenmodelle und Klischees auf den Prüfstand gestellt. Klar wird: Es gibt keine klaren Frontlinien mehr. Wer an Erkenntnis interessiert ist, hat sich mit dem Umstand anzufreunden, dass nur Auseinandersetzung Positionen klären kann.

    Und bevor wir es vergessen: Diese Spex beinhaltet auch einen umfassenden Blick zurück – ab Seite 62. Es ist das Jahresrückblicksheft, das zweite, seitdem Spex in Berlin erscheint. Hercules And Love Affair, das Disco-Projekt, dem Antony Hegarty seine Stimme lieh, und F.S.K. sind aus Redaktionssicht die musikalischen Gewinner des Jahres 2008. Der Sänger Bernd Begemann prägte einst den Spruch, demgemäß er »lieber bessere Zeiten und schlechtere Musik« hätte. Sein Wunsch ist zumindest dieses Jahr nicht in Erfüllung gegangen. Die Finanzkrise und eine von langer Hand geradezu grotesk geschürte Angst vor allem, was ›irgendwie anders‹ ist, verlangen von uns allen höchste Achtsamkeit. Beruhigend jedoch ist, dass die Musik, die Kunst, die Literatur und vielleicht auch das Kino derzeit gegen jede Krise eine qualitative Hochphase erleben. Kritisches Lesen zahlt sich aus!

    Max Dax

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