»Das war mir alles zu maskulin!« – Wahlverwandtschaften N° 6 Arnim Teutoburg-Weiß vs. Felix Kummer

Fotos: Yves Borgwardt

Der Tag der Deutschen Einheit jährt sich am Samstag zum 25. Mal. Genau ein Jahr ist das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls her, das SPEX-Chefredakteur Torsten Groß zum Gespräch mit Arnim Teutoburg-Weiß (Beatsteaks) und Felix Kummer (Kraftklub) inspirierte, die nicht nur Musik und Freundschaft verbindet, sondern auch der vormalige Osten – die Wahlverwandtschaften aus SPEX N° 357.

In einer Zeit, in der Rockmusik in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle spielt, stehen sie zwei der größten jüngeren Rockbands der Republik vor: Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks und Felix Kummer von Kraftklub. Beide Musiker kommen aus den sogenannten neuen Bundesländern, sie kennen einander, seit Kraftklub vor einigen Jahren im Vorprogramm der Beatsteaks ihre erste große Tournee spielten, ein gemeinsames Interview gab es noch nie. Ein Gespräch über besondere Karrierewege, die Schatten der DDR, die Zeit nach der Wende sowie über die Frage, inwieweit die Generation der heute 20- bis 40-Jährigen Ostsozialisierten sich von ihren Altersgenossen aus Köln, München und Hamburg unterscheidet.

Felix Kummer, wie alt waren Sie, als die Mauer gefallen ist?
Felix Kummer: Da war ich ganz genau ein Jahr alt. (lacht)
Arnim Teutoburg-Weiß: Echt jetzt, Wahnsinn! Ich hätte gedacht, wenigstens sechs oder so. Aber klar, stimmt ja, ist ja auch schon 25 Jahre her.

Für dieses Gespräch spielt das keine allzu große Rolle. Ich finde nämlich, dass Sie beide, trotz des Altersunterschieds, gewissermaßen stellvertretend für eine junge ostdeutsche Nachwendegeneration stehen, die in der Republik angekommen ist und nicht mehr so eindeutig in den klassischen Ost-West-Kontinuen denkt, sich aber trotzdem etwas genuin Ostdeutsches bewahrt hat. Können Sie mit dieser Umschreibung etwas anfangen?
FK: Null. Im Gegenteil: Es war mir immer sehr suspekt, wenn Leute uns auf diese Ost-Rolle reduziert haben. Als Band, als Kraftklub kann ich das vielleicht noch eher verstehen. Aber wenn wir über meine persönliche Identität als Felix Kummer sprechen, kann ich nicht sagen, dass ich mich in irgendeiner Weise als Ostdeutscher fühle. Das ist zumindest meine spontane Reaktion. Vielleicht wehre ich mich aber auch instinktiv ein bisschen gegen diese Kategorisierung … Immerhin leben wir in Chemnitz, einer Stadt, die sicher sehr viel ostiger ist als zum Beispiel Ostberlin. In Chemnitz gibt es haufenweise hängengebliebene Ostalgie-Trottel, die ständig nur parlieren, dass früher alles besser gewesen sei – und mit denen möchte ich bestimmt nichts zu tun haben. Gerade am Anfang von Kraftklub mussten wir den Journalisten ständig klarmachen, dass wir nicht die neuen Puhdys sind.
ATW.: Es ist gar nicht so einfach, so etwas selbst zu bewerten, da hab ich auch noch nie so drüber nachgedacht. Wir haben ja einen Schwaben in der Band, (Thomas Götz, Schlagzeuger) und der sagt manchmal, wir würden »Ostlergespräche« führen.
FK: Was meint er da konkret? Ostalgische Verklärung oder tatsächlich einer ostdeutschen Mentalität geschuldete Gespräche?
ATW: Die Mentalität. Dass wir immer wieder alles tausendmal bereden würden. Obwohl seiner Meinung nach alles längst geklärt ist, käme trotzdem immer noch einer mit irgendwelchen Bedenken. Es muss immer alles gerecht sein, damit bloß keiner benachteiligt wird, dieser Anspruch ist bei uns sehr tief verwurzelt.

Wenn in entsprechenden Studien überhaupt noch von Mentalitätsunterschieden zwischen Ost und West die Rede ist, dann geht es meist um ein in Teilen unterschiedliches Werteverständnis. Ostdeutsche messen Disziplin einen stärkeren Wert bei, es werden ihnen Pragmatismus sowie eine gewisse Improvisationsgabe nachgesagt. Außerdem wird ein unterschiedlicher Umgang mit Geld beschrieben.
ATW: Es gab mal jemanden aus unserer Crew, der irgendwann meinte: »So langsam müssen wir uns mal darüber unterhalten wie wir hier bezahlt werden. Mit der Ost-Nummer, dass wir alle das gleiche Gehalt kriegen, kommen wir jetzt nicht mehr weiter, weil ich viel mehr Verantwortung habe als der da drüben.« Und da war mir klar, dass wir was ändern müssen. Wir haben vorher tatsächlich immer alle gleich bezahlt. Das wird aber auf Dauer ein bisschen schwierig. Wir hatten da nie drüber nachgedacht, sondern das einfach gemacht.

Eine Parallele zwischen Ihnen beiden ist die Tatsache, dass Sie aus Künstlerfamilien kommen. Ihre Eltern waren keine VEB-Malocher, sondern Musiker (Kummer) und Artisten (Teutoburg-Weiß). Ein Umfeld, in dem die Weltsicht vermutlich ohnehin schon ein bisschen offener war. Ungeachtet dessen gibt es einige Dinge bei Ihnen beiden, die ich signifikant finde. Die enorme Treue zu Chemnitz …
ATW: Aber die pflegt doch ein Xavier Naidoo auch zu Mannheim!

Ich weiß nicht, ob ausgerechnet Naidoo hier das richtige Beispiel ist. Die Verbundenheit mit Chemnitz ist ja im Falle von Kraftklub weniger religiös und patriotisch motiviert.
ATW: Okay, das ist vielleicht eher ein schlechtes Beispiel.
FK: Der Felix ist eigentlich wie Xavier Naidoo. (lacht) Aber im Ernst, da hat Arnim recht: Wenn wir aus Lübeck kommen würden, hieße der Song vermutlich »Ich will nicht nach Hamburg«.

Okay, versuchen wir es anders: Wenn Sie in Köln, München oder Hamburg mit Gleichaltrigen zusammenkommen, haben Sie dann jemals das Gefühl, dass es grundsätzliche Unterschiede gibt?
ATW: Es gibt überall auf der Welt Leute, mit denen man sich versteht und die vom gleichen Schlag sind, da ist es völlig egal, wo man herkommt. Jemand aus Chemnitz kann genauso ticken wie der israelische New Yorker, den ich neulich getroffen habe: geiler Typ, guter Musikgeschmack, wir lachen über die gleichen Dinge.

Ich glaube, das führt hier gerade in die falsche Richtung. Es geht bestimmt nicht darum, Ressentiments zu schüren. Es gibt aber doch – ohne jede Wertung – gewisse kulturelle Unterschiede in der Sozialisation in verschiedenen religiösen, politischen und gesellschaftlichen Systemen. Natürlich waren ostdeutsche und westdeutsche Biografien bis zur Wende nicht identisch.
FK: Okay. Grundsätzlich glaube ich schon, dass es das gibt. Meine Eltern hat die DDR extrem angekotzt. Die fanden das ganz, ganz beschissen und ich glaube schon, dass sie – und dadurch auch wir Kinder – dadurch geprägt wurden. Wir haben auf jeden Fall ein Grundproblem mit Autoritäten, mit übergeordneten Strukturen. Das ist bei uns zu Hause ein ständiges Thema. Wenn die Exekutive zu viel Einfluss nimmt, schrecken meine Eltern auf, weil ihnen das bekannt vorkommt. Möglicherweise ist das ein Ost-Ding. Bei dieser ganzen NSA-Geschichte hab ich zum Beispiel das Gefühl, dass meine Eltern einen ganz anderen Bezug dazu haben als viele Leute aus Westdeutschland. Weil sie wissen, wie das ist, ausgespitzelt zu werden – während ich von Westdeutschen häufig diesen Klassiker höre: Ist mir doch egal, wen interessiert denn, was ich schreibe, ich hab ja nichts verbrochen.

Ungeachtet dieser Erfahrungen, haben auch Ihre Eltern sich damals entschieden, in Chemnitz zu bleiben. Obwohl zum Beispiel Ostberlin in Teilen auch zu DDR-Zeiten offener war. War das eine bewusste Entscheidung?
FK: Bei meinen Eltern war es so ähnlich wie bei uns: Das hat sich einfach so ergeben. In beiden Fällen hat es etwas mit einer grundsätzlichen Ablehnung dieser Lamentiermentalität zu tun. Immer haben alle gesagt: »In Chemnitz geht nichts, man muss nach Leipzig oder Berlin.« Das hat mich irgendwann total genervt, weil ich dachte: »Wenn hier nichts geht, dann muss man halt selbst was machen.« Je älter wir wurden, desto mehr sind wir in ein Umfeld von Leuten geraten, die sich das Gleiche gedacht haben. Schon klar, in Berlin gibt’s die coolen Raves und so. Aber wenn man so was haben will, kann man entweder darüber jammern – oder selbst einen coolen Rave veranstalten. Diesem Geist entspringt auch die Idee für unser Festival, das wir in Chemnitz veranstalten. Und bei unseren Eltern war das eben ganz ähnlich.

Zwischen Ihren Eltern gibt es eine gewisse Parallele. Haben Sie sich darüber mal ausgetauscht?
ATW: Mein Vater hat mich tatsächlich mal nach Felix’ Vater gefragt. »Ick gloob, ick kenn den«, hat er gemeint, weil er irgendwo was über ihn gelesen hatte.
FK: Meine Eltern haben in der DDR ein Künstlerkollektiv namens AG Geige gemacht. Aus diesem Kollektiv sind mittlerweile Leute wie alva noto (Carsten Nicolai) und Olaf Bender hervorgegangen, die in der experimentellen elektronischen Musik ziemlich Welle machen und unter anderem bei Depeche Mode im Vorprogramm gespielt haben.
ATW: Und irgendwie kannte mein Vater AG Geige auch von früher. Auch wenn er älter ist. Aber er steht immer noch als Artist auf der Bühne!

Hatten Ihre Familien ganz konkret Probleme mit der Stasi?
ATW: Meine Schwester war Tänzerin und ist ein Jahr vor dem Mauerfall in Hamburg geblieben. Grundsätzlich ging es uns im Osten sehr gut. Vater war wie gesagt Künstler und durfte in den Westen reisen, ich hatte also auch die Bravo zu Hause. Aber als die Schwester drüben blieb, war direkt Schluss mit Reisen. Da ging es ordentlich zur Sache. Die Familie war zerrissen, das war eine Phase ziemlicher Anspannung. Wenn ich damals mit meiner Schwester telefoniert habe, wurden die Telefonate unterbrochen, klick-klick hat’s dann immer gemacht. Das hat mein Vater später in seiner Akte bestätigt gefunden: Die Familie wurde beobachtet. Als die Mauer fiel, hab ich total durchgeatmet. Ich hab in dem Moment nur an meine Familie gedacht, die sonstige Dimension hat mich gar nicht so interessiert.

Es gab also eine Akte?
ATW: Ja, die gab es. Perfider war aber eigentlich diese ganz normale tägliche Überwachung. Unser Nachbar zum Beispiel hat das ganz offen gemacht, indem er zu meinem Vater sagte: »Jetzt fährste wieder nach Westberlin, mach keinen Scheiß, ne. Bring mir ein Päckchen Zigaretten mit!« So ging das. Der hat uns immer auf dem Schirm gehabt. Aber das waren die kleinen Alltagsdinger. Als meine Schwester weg war, wurde alles ein bisschen ernster. Was mich persönlich betrifft, so hörte dieses Eingesperrtsein zu einem perfekten Moment auf: Ich war 16 und plötzlich stand die Welt offen. Als Kind hab ich das alles gar nicht so erlebt. Bis auf die grauen Wände, hab ich ziemlich blumige Erinnerungen an meine Kindheit.

Bis zur Pubertät ist es vermutlich fast egal, wo man lebt.
ATW: Das auch. Ich hatte aber durch den offeneren Blick meiner Eltern, die nicht in der Partei waren, auch eine andere Perspektive auf das Ganze. Zu Hause haben wir uns darüber eigentlich immer lustig gemacht. Ich hab den Osten schon als ultrabedrückend erlebt und hatte das große Glück, in einer Familie zu leben, die ein bisschen Freiräume genießen konnte. Trotzdem hab ich meine Schwester immer verstanden.

Dennoch sind Sie vermutlich als sogenannter Pionier und durch andere Institutionen mit dem System in Berührung gekommen …
ATW: Klar, das schon. Ich war definitiv kein Rebell in der Schule. Da gab es ganz andere: Unser Gitarrist Peter (Baumann) erzählt immer, wie er mit seinem Parka mit aufgenähter Deutschlandflagge in die Schule gekommen ist und dann auf dem Schulhof antreten musste, wo vor aller Augen die Fahne abgerissen wurde. Und die Coladose musste auch zu Hause bleiben. Aber solche Sachen sind an mir vorbeigegangen. Auf dem Schulhof wurden Ärzte-Platten hoch gehandelt, Nach uns die Sinnflut hab ich damals gekauft, weiß ich noch. Dieses Geheimbündlerische im Zusammenhang mir Musik fand ich aufregend.
FK: Dass Freunde zu Feinden wurden und sehr enge Bekannte IMs waren, war eine Erfahrung, die meine Eltern immer wieder gemacht haben. Ein Freund meines Vaters hat nach der Wende seine Akte bekommen, und in dieser Akte wurde mehr oder weniger deutlich seine Exekution diskutiert. Dort stand wörtlich, wie man denn das »Problem« jetzt lösen könne, Exekution oder Lagerhaft? Für meine Eltern war diese ganze Scheiße insgesamt schon sehr prägend.
ATW: Diese künstlerisch-freigeistige Haltung deiner Eltern hat bestimmt zu Problemen geführt, das kann ich mir vorstellen.
FK: Mein Vater hat ziemlich dadaistische Texte geschrieben und sie haben mit AG Geige Platten für Amiga aufgenommen. Ich glaube, die Texte waren zu schräg, um einen konkreten politischen Hintergrund erkennen zu lassen, aber dann doch wieder schräg genug, um beobachtet zu werden und als halbe Staatsfeinde zu gelten. Das war glaube ich so ein Mittelding.

Eine weitere Parallele ist ja, dass Sie beide aus einer musikalisch limitierteren Situation heraus zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind. Wie sind Sie beide zur Musik gekommen?
FK: Möglicherweise war das eine Art Antihaltung, aber ich habe mich ganz lange gar nicht für Musik interessiert. Mein Vater hat gleich nach der Wende einen Plattenladen aufgemacht und immer viel mit nach Hause gebracht. Mein Bruder war da auch von Anfang an voll drin. Aber ich habe keine Musik gehört, bis ich 16 war. Drei-???-Kassetten, Scherzartikel und Basketball haben mich mehr interessiert. Mein Vater hat aufgelegt, einen Club betrieben und vermutlich wollte ich damit einfach nichts zu tun haben. Mein Punk, meine Auflehnung war dann Rap. Und zwar die Berliner Sachen: Mein Vater war offen für alles und jeden, aber mit dem »Arschficksong« von Sido konnte selbst er nichts anfangen. Mein Punk waren Sachen wie Die Sekte oder der frühe Kram von Frauenarzt. Es konnte gar nicht chauvinistisch und menschenverachtend genug sein. Damit konnte ich mich schön abgrenzen.

Wie und wann hat sich das geändert?
FK:Das kam über die anderen. Mit Karl (Schuhmann, Kraftklub-Gitarrist) bin ich in die erste Klasse gegangen, die anderen kenne ich auch schon ewig. Die Jungs haben ja damals schon zusammen Musik gemacht. Irgendwann fingen wir an, gemeinsam auszugehen. Und die Mädchen haben nun einmal damals zu Indie-Rock getanzt. Kurz nach dieser ganzen Aggro-Nummer kam die erste Strokes-Platte raus und damit konnte ich plötzlich auch was anfangen. So ging das dann auch irgendwann mit der Band los.

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Und bei Ihnen waren es die Ärzte-Platten vom Schulhof?
ATW: Nicht nur. Die Zeit nach dem Mauerfall, vor allem die ersten zwei Wochen, waren total krass. Da herrschte eine wahnsinnige Euphorie in der Stadt. Für mich ist der 9. November das entscheidende Datum, der 3. Oktober ist ja schon wieder eher die gruselige Abteilung. So eine Euphorie wie damals hab ich danach jedenfalls nur noch einmal im Leben gespürt: bei der Geburt meiner Tochter. Daran hat sich bis heute nicht geändert, aber nach dem Mauerfall gab’s schon nach zwei Wochen die ersten Berichte in der BZ: »Schickt doch mal die Ostler fort, die kaufen uns alles weg«. Unabhängig davon war Berlin damals natürlich offenes Land für all das, was sich angestaut hatte. In sämtlichen Clubs konnte man sich völlig austoben. Ein Kumpel, mit dem ich die Lehre als Sportschuhfachverkäufer gemacht habe, hat außerdem in einem Plattenladen gearbeitet und konnte Freikarten besorgen. Irgendwann kam er an: »Heute spielt so eine Band im Loft, die heißt Nirvana, da gehen wir mal hin.«

Sie waren da?
ATW: Ich war da. Ehrlich gesagt – und das ist mir heute ein bisschen peinlich – bin ich aber nach drei Songs wieder gegangen, weil mir der Sänger einfach zu krass war. Ich hab das nicht ausgehalten. Cobain war einfach wahnsinnig extrem drauf. Hat gut gesungen, da war eine Energie, wie ich sie vorher noch nicht gesehen oder gespürt hatte. Aber nach dem dritten Song hat er schon die Gitarre zerschlagen und seinen Roadie beschimpft. Ich weiß noch genau, wie ich zu meinem Freund gesagt habe: »Ich hau jetzt ab, der Sänger nervt mich, ich kann so schlechte Laune nicht vertragen.« Allerdings hab ich damals schon gedacht, dass der Drummer gut ist. (lacht)

Eine weitere Parallele zu Felix Kummer: Auch Sie haben die Rockmusik erst später für sich entdeckt.
ATW: Das kam dann so mit der Zeit. Anfangs war mir das alles zu extrem. Besagter Freund hat mich außerdem ins SO36 mitgenommen. Dort spielten Sick Of It All – und das war noch extremer! Da waren dann gleich gar keine Frauen mehr im Publikum. Nur so stiernackige Typen mit freiem Oberkörper, das war mir alles zu maskulin. Irgendwann hab ich mir aber eine Gitarre gekauft und angefangen zu üben. MTV war zu der Zeit ja noch richtig toll, plötzlich waren all diese geilen Bands im Fernsehen, der Underground wurde hochgespült. Faith No More, »Yo! MTV Raps« und so weiter. Dazu hab ich dann immer geübt. Und irgendwann meinte mein Kumpel Peter zu mir: »Wir haben da so einen Proberaum in der Alten Schönhauser, komm mal vorbei!«

Offenbar sind Sie also beide mehr oder weniger zufällig in Ihren jeweiligen Bands gelandet.
FK: (lacht) Du kannst ja wenigstens Gitarre spielen!
ATW: Das kam erst später, die ersten drei Jahre hab ich die meiste Zeit vor dem Spiegel gepost. Aber als ich dann das erste Mal mit den Jungs im Proberaum stand, hat es mich gleich gepackt: The Beatsteaks hießen sie damals noch. Hatten keinen Sänger, spielten Instrumentals im Stile der Pixies. Zuerst hab ich da immer nur so rumgehangen. Ich im Beastie-Boys-Shirt, Bernd (Kurtzke, Beatsteaks-Gitarrist) im Ramones-Shirt. Ich kannte die Ramones nicht und er wusste nicht, wer die Beasties sind. Also haben wir uns unseren Kram vorgespielt, sind gemeinsam auf Konzerte gegangen und so hat sich das dann irgendwann ergeben.
FK: So war es auch bei uns, das alles ist schlicht und ergreifend dadurch zustande gekommen, dass man mit seinen Freunden abhängt. Es gibt ja tausend Möglichkeiten, miteinander Musik zu machen, aber für mich war dieses Freundschaftsding immer die wichtigste Voraussetzung. In erster Linie sind wir nicht Kraftklub oder sonst was, sondern Freunde, die sich einen Proberaum teilen – so wie andere Leute jeden Mittwoch Darts spielen.

Na ja, nur durch gemeinsame Hobbyabende wird man nicht zu einer der größten Rockbands der Republik, das nehme ich Ihnen nicht ab.
FK: Ich war dann schon sehr engagiert und hab das Ganze ziemlich angeschoben. Wir hatten Songs, die ich so gut fand, dass ich dachte, es lohnt sich, da was zu machen. Unsere Eltern haben uns Geld fürs Studio geliehen und dann haben wir Postkarten aus Chemnitz geschickt: Aus den Editorials aller Musikzeitschriften und Blogs hatten wir uns deren Adressen rausgesucht und dann wurden CDs verschickt.
ATW: Genau am gleichen Punkt der Entwicklung, nur zwölf Jahre früher, hab ich mir alle coolen Plattenläden rausgesucht, bin mit Peter dahin und hab Demos verteilt. Der Ansatz ist eigentlich der gleiche.
FK: Auf jeden Fall. Wie naiv das teilweise war: Wir haben uns zum Beispiel sämtliche kleineren Festivals unter 5000 rausgesucht und denen Demos geschickt. Da kam natürlich nie was zurück.

Wenn wir über Politik und Gesellschaftssysteme sprechen, inwiefern fühlten Sie sich in der Nachwendezeit in der Bundesrepublik angekommen? Unter Umständen war es ja auch ein besonderes Privileg, die BRD praktisch noch mehr oder weniger von außen betrachten zu können.
ATW: Zuerst waren da natürlich diese riesigen Supermärkte. Die Farben und Gerüche waren völlig neu für mich … In erster Linie war es ein Ankommen im Land der tausend Optionen, das hat mich zunächst einigermaßen überfordert.
FK: Darauf bin ich tatsächlich neidisch: Die totale Anarchie, die nach dem Mauerfall geherrscht haben muss, hätte ich gerne erlebt. Wir haben diesen Song gemacht, »Zu jung«, in dem es heißt, »Wir sind geboren im falschen Jahrzehnt«. Wenn jemand fragt, in welchem Jahrzehnt wir denn gerne geboren wären, sage ich immer: genau da wären wir gerne dabei gewesen. In meinem jetzigen Alter die Wende erleben zu können, würde mich brennend interessieren.

Das war tatsächlich der völlige Wahnsinn, insbesondere in Berlin. Dieses anything goes hat aber auch über vieles hinweggetäuscht, was politisch falsch lief und läuft in diesem Land.
ATW: Politik war mir damals völlig egal. Eigentlich ist sie das bis heute. Meine Frau bringt mich dazu, die Sache mit dem Wählen ein bisschen genauer zu nehmen. Das kommt vermutlich daher, dass mich dieser ganze Politdruck im Osten als Heranwachsender schon extrem genervt hat. Ich war nur an Musik und Ausgehen interessiert.

Trotzdem habt ihr ja als Band eine gewisse Haltung. Ihr habt nicht direkt eine Agenda, man würde euch aber trotzdem eindeutig links verorten. Was würden Sie grundsätzlich sagen: Worum geht es bei den Beatsteaks, was ist das Ziel, das Anliegen?
ATW: Vor allem darum, etwas Eigenes zu machen und die Leute zu unterhalten. Einen eigenen Sound zu kreieren … In den ersten Interviews hab ich gesagt, wenn die Leute irgendwann andere Sachen mit uns vergleichen würden, hätten wir es geschafft. Außerdem wollte ich einmal im SO36 spielen. Was anderes hat uns am Anfang eigentlich nicht interessiert.
FK: Vor kurzem hatte ich ein anderes Interview, in dem es auch um euch ging. Als der Interviewer sagte, ihr wärt nicht politisch …
ATW: Das ist ein Missverständnis. Wir als Band sind total politisch. Ich persönlich kann nur nichts mit Parteipolitik anfangen.
FK: Darauf wollte ich hinaus. Nur weil sich das nicht in den Texten ausdrückt, verdeutlich eure Musik für meine Begriffe ganz eindeutig eine politische Haltung.
ATW: Total, wir sind definitiv ganz tief im linken Feld verankert. Das ist für uns einfach total selbstverständlich. Was meinte Torsten (Scholz, Bassist) letztens: »Manche Bands brüsten sich damit, auf einem Anti-Nazi-Sampler zu sein, für mich ist das völlig normal.« Da denken wir gar nicht drüber nach.

Als Texter haben Sie politische Inhalte allerdings nie interessiert, oder?
ATW: Nee, so weit kam es nicht, weil mich das Zwischenmenschliche immer mehr gereizt hat. Von den Bands, die mich geprägt haben, sind im Prinzip auch nur zwei explizit politisch: The Clash und Rage Against The Machine. Und die haben eher musikalisch als textlich Spuren hinterlassen. Obwohl mit das manchmal fast peinlich ist, ich hätte gerne mehr Message. Aber ich kann ja auch nur so sein wie ich bin. Ist ja auch alles nicht so leicht hier. Mir ist neulich wieder aufgefallen, wie unglaublich schlecht der Musikgeschmack in Deutschland ist. Meine Freundin ist Schottin und da bin ich direkt neidisch, wenn ich mit ihr drüben bin.
FK: Aber ist das in anderen Ländern wirklich so viel anders?
ATW: Natürlich gibt es auch da eine Helene Fischer und das Pop-Business, aber was wir hier machen, erfährt eine völlig andere Wertschätzung. Das ist Kulturgut. Bei der Geburt meiner Tochter war der schottische Teil der Familie da und dann stand da so ein 65-Jähriger. Ich hatte gerade das neue Album vorgespielt und er wollte wissen, wo wir das aufgenommen haben und mit wem. Und er meinte dann gleich so: »Oh, Stephen Street, The Smiths, Blur, that’s amazing, wow!« So ein Gespräch würde in Deutschland niemals mit so einem Typen zustande kommen.
FK: Während ich dann beim Geburtstag meiner Oma bin und ihre Freundin sagt, dass sie die Musik richtig gut findet, aber mit den englischen Texten nichts anfangen könne. (lacht) Ich hab da aber nie so viel drüber nachgedacht. Natürlich gibt’s diese Leute hier in Deutschland, aber ich persönlich kenne niemanden, der sich Zedd-Songs aufs Handy zieht. Es ist so müßig, sich über so was aufzuregen.

Dieses Gespräch stammt aus der Printausgabe SPEX N° 357. Zum kompletten Heft geht es hier.

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