Das System Beyoncé #1: Die Selbstinszenierungs-Maschine

Nach der Veröffentlichung ihres aktuellen Videos zum Song »Formation« und der anschließenden symbolisch aufgeladenen Super-Bowl-Performance ist Beyoncé wieder überall. SPEX widmete der Künstlerin bereits in der Mai/Juni-Ausgabe des Jahres 2013 einen umfangreichen Schwerpunkt. Aus gegebenem Anlass sind nun alle Essays online zu lesen. Der Auftakt der Reihe »Das System Beyoncé« widmet sich dem Aspekt Selbstinszenierung.

Beyoncé steht auf einem Balkon über der Pariser Place Vendôme und winkt, königlich gestylt, huldvoll in die jubelnde Menge. Wie eine Päpstin.

Auf einer Listening-Session bei ihrem Plattenlabel sitzt Beyoncé am Kopfende eines endlos langen Tisches, wippt angetan zu ihren neuen Songs, die ganze Riege dröger Labelangestellter wackelt begeistert mit, am Ende tosender Applaus, standing ovations, absoluter Gehorsam. Wie eine Oberbefehlshaberin.

In diesen Szenen des von Beyoncé selbst produzierten, im Februar erstmals ausgestrahlten HBO-Films über ihr Leben, Life Is But A Dream, der eigentlich eher ein 90-minütiger Werbeclip für das Produkt Beyoncé ist, will die Sängerin uns glauben machen, sie sei echt. Ein bisschen so wie wir, mit Nervosität, Ängsten, Tränen. Intime Bekenntnisse, tagebuchartig ins Halbdunkel ihres Laptops geflüstert, unbekümmerte Videoaufnahmen aus ihrer Kindheit in der Black-Bourgeoisie von Houstons Suburbia, Geburtstagsfeier mit Ehemann Jigga, Ultraschallaufnahmen ihres ungeborenen Kindes und dazwischen immer wieder cleane Interviewaufnahmen auf einem weißen Sofa, vor dem die Botschaft Beyoncés hell angeleuchteter Haut merkwürdig mit derjenigen der Afrocentricity ihrer blonden braids kontrastiert. Was natürlich nur zur Folge hat, dass die Inszeniertheit dieser sorgsam ausgewählten Szenen umso stärker zutage tritt.

Und vor allem wieder eines klar macht: Beyoncé ist alles. Wenn es im Pop jemals Perfektion gab, dann in der Hülle von Beyoncé Knowles. Die 31-jährige Performerin saugt das Universum in ihr System und nivelliert jegliche Ambivalenzen. Die Ehefrau von Jay-Z ist in ihrer Makel- und Skandallosigkeit – mit der militärischen Disziplin derjenigen, die schon als Kind von ihrem überehrgeizigen Vater wie in einem schlechten G.I.-Film mit Headset-Mikro rennen und singen geschickt wurde – ein strahlender Roboter aus Fleisch und Blut. Fleisch, das bei Beyoncés streng durchchoreografierten Auftritten Betrachterinnen und Betrachter gleichermaßen in geile Verzückung versetzt und in positiver Abgrenzung zu – sagen wir – Lady Gagas Fleisch als authentisch weiblicher, knackig runder, sex-bombiger, und damit auch immer latent exotisierend und rassistisch, gelobt wird, und dabei trotzdem völlig unberührbar und künstlich kühl bleibt. Exaltierte hotness in knappsten Outfits mit aggressiv stoßenden Hüften und wilden Vaginalgrätschen, dabei porentief rein, familientauglich.

Die Performerin saugt das Universum in ihr System und nivelliert jegliche Ambivalenzen.

Dieses Überangebot an nackten weiblichen Körperteilen ist nur scheinbar eine sexuelle Verheißung – »uneinlösbar und vergiftet wird sie in dieser Form ungenießbar«, schreiben die Medienwissenschaftlerinnen Katja Gunkel und Birgit Richard über die neuen, sich immer selbst schon als Inszenierung begreifenden »posthumanen« weiblichen Idole wie Gaga, Rihanna oder eben Beyoncé. Deren »Eigenfiktionalisierungen (…) erschaffen Bilder von futuristischen, orgasmatronen Körpern, die durch die Galaxien der ›Normopathen‹ rasen, diese temporär irritieren, aber zu fremd und alienesque bleiben, um von der heterosexuellen Matrix komplett absorbiert werden zu können«. Im Gegensatz zu »Authentizitätsbrücken« wie Lena Meyer-Landrut, die durch absichtliche Dämlackigkeit ungefährliche Nahbarkeit performen, sind diese »Heldinnen on Speed« strategisch fremd, Kunstfiguren.

Aber auch außerhalb ihrer paradoxalen Körperlichkeit schafft es Beyoncé, alles in ihr System zu integrieren: Sie kann mit Rapper-Husband Shawn Carter Michelle und Barack Obama unterstützen und zu deren Dienstantritt singen – klar, die beiden sind ja auch das Power Couple Nr. 2 der African-American Aristocracy des Landes, direkt nach den beiden Super-Entertainern – und niemand erinnert sich daran, dass sie 2001 mit Destiny’s Child ihren Fellow Texan George W. Bush bei dessen Amtseinführung besang. Im Interview mit dem Spiegel sagte Ms. Knowles dazu nur: »Wir reden nicht über Politik«, und die damalige Kollegin Kelly Rowland ergänzte immerhin noch erhellend: »Wir können aber schon erzählen, dass er sehr cool war. Ganz anders als im Fernsehen – hübscher. Er hat einen festen Händedruck, und er hat gut gerochen, frisch, so ein bisschen nach Waschmittel.«

Der Pepsi- und H&M-Werbestar singt empowernde Lieder über Independent Women, Survivors und Girls, die die Welt regieren sollen, und croont davon, ihren Liebsten verwöhnen und ihm die Pantöffelchen bringen zu wollen. Männer sind bei ihr ganz altmodisch diejenigen, die sich nicht binden wollen und die von ihr dazu verdonnert werden, gefälligst einen Ring draufzustecken, wenn ihnen die (Frauen-)Ware gefällt, und so geht sie, selbsterschaffener Mega-Brand »Beyoncé«, Retro-Ehefrauen-like auf ihre »Mrs. Carter Show World Tour« und zeigt sich auf dem dazugehörigen Foto als gereifte (Schönheits-)Königin vor einem barocken Thron, die (von ihrem Mogul-Mann?) mit güldenen Geschmeiden ausstaffiert wurde. Wenn es passt, castet Beyoncé eine rein weibliche Backingband für ihre Auftritte, die Suga Mamas, was im High-End-Showbiz eine unerhörte Sensation ist, fährt mit Kollegin Lady Gaga in Tarantinos Pussy Waggon mit Frauenzeichen durch »Telephone« und twittert für die Homoehe. Dann wiederum dankt sie Gott für das Geschenk, Mutter sein zu dürfen.

Beyoncé Giselle Knowles-Carter ist nicht nur Post-Race, was ihr in einer vernichtenden New Yorker-Kritik ihrer Eigen-Doku eine Rüge einbrachte, da ihre Hautfarbe nie zur Sprache gekommen sei – letztlich aber nur ein weiterer Beweis ihres alle Gegensätze aufsagenden, nivellierenden Systems ist. Sie ist auch Post-Ideology. »This is Utopia!«, sagt sie an einem Postkarten-perfekten Strand zu ihrem Mann. So sieht die Welt wohl aus, wenn es keine Widersprüche mehr gibt.

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