Das schwärzeste Schwarz – Blixa Bargeld & Teho Teardo im Gespräch

Foto: Teho Teardo (l.) & Blixa Bargeld / von Thomas Rabsch

Der italienische Komponist Teho Teardo und der Einstürzende-Neubauten-Frontmann Blixa Bargeld haben ein gemeinsames Album aufgenommen. SPEX sprach mit ihnen über den Geist der Utopie, Salzwiesengewächse, Willkommenskultur – und darüber, was das alles mit dem Superlativ der Farbe Schwarz zu tun hat.

SPEX: Herr Teardo, Herr Bargeld, sind Sie traurige Menschen?
Bargeld: Nein.
Teardo: Nein.

Ihr neues Album heißt Nerissimo – der italienische Superlativ für Schwarz. Welche Rolle spielt Traurigkeit in ihrem Werk?
Bargeld: Schwarz ist hier nicht als musikalische Terminologie zu verstehen. Der Song »Nerissmo« spielt eine Art Buchstützenrolle am Anfang und Ende des Albums.
Teardo: Im Italienischen hat der Begriff »Nerissmo« eher die Bedeutung von etwas Mysteriösem. Es ist nicht generell Dunkelheit oder Traurigkeit gemeint.

Ihr Schwarz ist gleichzeitig Aufbruch: Im Song »Ich bin dabei« heißt es: »Du bist ganz tief unten. Ich ändere das: Ich bin dabei … mache das Dunkel besser leuchten.« Was bedeutet Schwarz für Sie?
Bargeld: Würde ich rote Anzüge tragen, hätte ich nach einer Weile Schwierigkeiten. Nicht, weil ich rot nicht mag, im Gegenteil, aber ich will es nicht die ganze Zeit an mir sehen. Das wäre verstörend. Es ist viel netter, den Kleiderschrank zu öffnen und nur schwarze Anzüge vorzufinden. Die Frage, was ich trage, stellt sich nicht. Und alles ist mit Socken kombinierbar. Das ist sehr einfach.

Schwarz erleichtert das Leben?
Teardo: Auf eine Art, ja.
Bargeld: Ich war einmal in Alfred Bioleks Kochshow zu Gast. Ich kochte Risotto nero. Er wusste, dass ich das schwarze Risotto zubereite, schwarz gekleidet bin und plötzlich holt er diesen Orangensalat raus. Das war sehr clever von ihm. Er dachte, dem zeig’ ich’s und bringe einfach mal Farbe hier rein und mache einen Orangensalat.
Teardo: Es gibt eine interessante Diskussion auf Facebook über das Video. Ein Typ postete, oh, er macht Parmesan in sein Risotto. Und alle so: Das ist so deutsch! Daraufhin kommentierte ein einziger: Hey in das ursprüngliche Rezept aus Livorno gehört Parmesan! Und alle so: Shut up…

»Würde ich rote Anzüge tragen, hätte ich nach einer Weile Schwierigkeiten.
Es ist viel netter, den Kleiderschrank zu öffnen und nur schwarze Anzüge vorzufinden.«

Kochen Sie füreinander?
Bargeld: Teardo brachte gestern Artischocken und Radicchio di Treviso mit. Und Agretti, eine Art Salzwiesengewächs. Das habe ich hier noch nicht entdeckt. Im Gegensatz zu Puntarella. Das nennt man hier Vulkanspargel. Warum auch immer. Viele bereiten das falsch zu. Meine polnische Hausdame fand es im Kühlschrank und schnitt das falsche Ende ab.
Teardo: Das nennt man dann wohl culture clash.

Jetzt reden wir über Essgewohnheiten und Vulkanspargel. In Blixa Bargelds Songs geht es dann doch eher um Grundsätzliches.
Bargeld: Naja, ich kann nicht über Vulkanspargel singen.

Warum nicht?
Bargeld: Grundsätzlich habe ich keinen Plan, worüber ich schreibe und singe. Ich brauche immer erst ein wenig Abstand zu einem Album, um herauszufinden, wie ich es thematisch einordnen kann. Im Moment weiß ich noch nicht, was es ist. Es ist offen für Interpretation. Die Menschen, die es berührt, wissen, worüber ich singe. Aber es ist nicht sinnvoll, es zu erklären. Es ist da. Und es ist viel Tod darin.

Warum immer so grundsätzlich? Geht’s nicht mal eine Nummer kleiner?
Bargeld: Dafür bin ich nicht der Typ. Da ist nicht meine Art zu schreiben. Vielleicht bin ich auch nicht gut darin.

TEHO TEARDO & BLIXA BARGELD_2016_6_credit Thomas RabschFoto: Blixa Bargeld (l.) & Teho Teardo / von Thomas Rabsch

Wie muss ich mir die Zusammenarbeit vorstellen?
Teardo: Ich startete in Rom mit der Musik. Sobald die Struktur stand, begann Blixa zu texten. Und dann arbeiteten wir beide wieder an der Musik. Es ging hin und her: Rom-Berlin, Berlin-Rom.
Bargeld: Vor den letzten Rom- und Berlin-Sessions verschaffte ich mir eine gewisse Routine: Ich ging raus am Morgen, nachdem ich meine Tochter zur Schule gebracht hatte, hörte die Musik über Kopfhörer und schrieb, schrieb, schrieb. Dann nahm ich all die Notizen mit ins Studio. Ich hatte das Grundgerüst und entwickelte den Song dann während ich aufnahm. Der Schreibprozess bei diesem Album vollzog sich sehr konzentriert innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne. Deshalb findet man auch nicht so viel Breite, was die Themen betrifft. Eigentlich habe ich nur einen Song für die Platte geschrieben. (lacht)

Herr Bargeld, Sie schaffen es oft mit einzelnen Worten, Gegensätzliches zu erzeugen. In »Nerissmo« finde ich das Wort »Nirgendheim«. Wo finden Sie solche Begriffe?
Bargeld: Bei Ernst Bloch. Im Hauptwerk Geist der Utopie. Es war seine Übertragung des Begriffes »Utopie« ins Deutsche. Ein Ort der gleichzeitig ein Zuhause und nicht vorhanden ist. Und ich wollte den Song wirklich nicht »woauchimmer« nennen.

Für das Artwork ließen Sie sich von dem Gemälde Die Gesandten von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahr 1533 inspirieren und stellten es nach. Im Original hält Jean de Dinteville, den Blixa Bargeld verkörpert, einen Zierdolch in der Hand. Was halten Sie?
Bargeld: Eine Harmonika. Die spiele ich in »Nirgendheim«. Wir haben uns das Original sehr genau angeschaut – und versucht, es mit allen Details nachzustellen. Die Bücher, der alte Globus…

… und der versteckte Schädel.
Bargeld: Den man nur erkennt, wenn man aus einem bestimmten Winkel auf das Bild schaut. Holbein war schon ein großartiger Künstler. Als das Resultat feststand, fand ich es großartig und betete, dass im Druck nichts davon verloren geht. In Deutschland sagte man uns dann, dass es zu schwarz für den Druck sei. Man müsse es heller machen. Die deutschen Maschinen sind kalibriert auf 350, was immer das heißt. Aber die Italienischen schafften 360. Die Italiener können dunkler drucken als die Deutschen.

Zu schwarz für den deutschen Markt?
Ich hatte das auch noch nie gehört. Das schwärzeste Schwarz. Zu schwarz für die deutschen Drucker.

Hat Ihr Album eine politische Dimension?
Bargeld: Die haben wir ausgespart. Wir haben einen politischen Song, der nicht auf der Platte ist. Er heißt »slavi di testosterone«. Testosteronsklaven. Und wir haben ihn noch vor den Silvesterereignissen geschrieben. Aber er kommt auf’s nächste Album.

Insofern auch ein Statement, nicht politisch sein zu wollen, in diesen Zeiten, in denen alles politisch ist.
Bargeld: Ich verstehe mich auch als Entertainer und ich will nicht langweilig sein. Selbst als Avantgardist. Ich will etwas schaffen, was angenehm ist, etwas, das gefällt. Etwas zu machen, was unterhält und gleichzeitig politisch ist, ist sehr schwierig. Brecht hat es geschafft. Ich bin nicht Brecht.

»Es ist da. Und es ist viel Tod darin.«

Besingen Sie in »Nerissmo« vielleicht auch ein bisschen Europa? Schwarz kann auch ein Anfang sein. Machen Sie uns mal Hoffnung!
Bargeld: Das ist nicht meine Rolle, mich politisch zu positionieren. Ich tue, was ich am besten kann. Wenn am Ende eine politische Interpretation steht, okay, aber ich fühle mich nicht wohl dabei, politische Statements abzugeben. Es schockt mich natürlich, wenn die AfD zweistellige Ergebnisse einfährt. Da sind viele politische Gemeinplätze, die ich von mir geben könnte. Was nützt es? Es gibt durchaus politische Songs. Aber auf meine Art. Ich mag es, politische Stücke zu schreiben, ohne politisch zu sein. Es ist nicht meine Art, etwas explizit Politisches zu kreieren. Was nicht ausschließt, dass es politisch wirkt.

Wenn Europa heute eine Farbe wäre, welche wäre es?
Teardo: Die offizielle Farbe ist Blau. (lacht)
Bargeld: Als erstes, wenn ich über Europa als Farbe nachdenke, fallen mir alte Kartographieprobleme ein. Wie gestalte ich eine Karte, wenn ich nur fünf Farben habe, ohne dass Länder, die sich Grenzen teilen, dieselbe Farbe haben? Fragen sie mich nicht nach einer Lösung. Das war einfacher, als Jugoslawien noch intakt war. Wie gestalte ich die Balkanroute, wenn ich nur fünf Farben habe?

Von Blixa Bargeld stammt der Satz: »Ich ziehe es vor, Europäer zu sein statt Deutscher.«
Teardo: Ich denke nicht über Blixa oder mich als Italiener oder Deutscher nach. Wir sind Europäer.
Bargeld: Die Geschichte lehrt, wie schnell zivilisierte Gesellschaften in barbarische Verhältnisse abgleiten können. Wenn man in die Zwanziger- und Dreißigerjahre schaut, begegnen uns exakt dieselben Argumente, die wir heute auch hören. Niemand wollte die osteuropäischen Flüchtlinge. Wie schnell kann das kippen, was sind die Bedingungen? Das ist ein sehr spannender Punkt im Moment. Der Verfall und seine Vorzeichen – zur Zeit ein Aspekt, der mich mehr und mehr interessiert. Ich werde mir später Notizen machen.

Ein weiteres ausführliches Gespräch mit Blixa Bargeld ist in SPEX °357 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei hier bestellt werden, in Auszügen ist das Interview hier online zu lesen.

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