“Das radikale Potenzial unsichtbarer Elemente” – Pop im Planetarium / Holly Herndon, Mathew Dryhurst, Robot Koch & Marie-Kristin Meier im Interview

Planetariumskuppel am Mariannenplatz / The New Infinity / Foto: Michael Nast

Von synthielastigen Retro-Pink-Floyd-Revuen, über rührselige Tributeacts für verstorbene Stars wie Prince oder Amy Winehouse bis hin zu Bombastpremieren wie die von David Bowies Black Star oder Tocotronics Die Unendlichkeit – das sonst so pädagogische Planetarium scheint zum modernen Konzert- und Galerieraum avanciert zu sein. Wobei letzteres im Gegensatz zu musikalischen Acts erst im Kommen ist, zumindest laut Thomas Oberender, dem Künstlerischen Leiter der Berliner Festspiele, die in diesem Jahr mit der Reihe The New Infinity – Neue Kunst für Planetarien für das Sonderprogramm Immersion erstmals die Kuppeltüren für interdisziplinäre Künste öffnen. Trotz intellektuellen wie diskursiven Inhalts hoffen die Festspiele-Macher_innen gerade zu den Menschen Zugang zu finden, die sich eher selten in Museen verlaufen. Auch deshalb wurde in Zusammenarbeit mit dem Planetarium Hamburg ein mobiler Planetariumsbau mitten auf dem gut erreichbaren Mariannenplatz installiert, und das Versprechen kostenlosen Eintritts obendrauf gesetzt.

Die Gefahr durch Technik ist die, vom Menschen gegen den Menschen verwendet zu werden.

Dem Eindruck, die Besucher_innen würden sich dabei schlicht berieseln lassen, wenn sie mit verträumten Augen auf ihren Rasiersitzen kauern, entgegnet die Programmkoordinatorin von The New Infinity Marie-Kristin Meier, dass es gerade die einen umgebenden Projektionen sind, die (mehr oder minder) aktive Teilnahme erfordern. Sich auf die Virtual-Reality-Produzentin Jessica Brillard berufend erklärt sie, dass im Fulldome – anders als beim linearen Storytelling – jedes Individuum selbst entscheiden könne, wohin es blickt und wo es seinen Fokus setzt. Greifbarer wird das in der im Zuge der Berliner Festspiele unter anderem gezeigten Arbeit Eye Of The Dream des irischen Gamekünstlers David OReilly, deren Verlauf sich vom Publikum via App steuern lässt. (Wer allerdings wann die Entscheidungshoheit hat, konnte sich unsere Redakteurin auch abschließend nicht erklären.)

Robot Koch / Foto: Neil Kryszak

Trotz jenes individuellen Moments betonen die Organisator_innen der Berliner Festspiele wie auch die ähnlicher Veranstaltungen die Bedeutung einer unter der Kuppel herrschenden Gemeinschaft. Einer, die im selben Moment das selbe erlebt, das selbe durchlebt. Auch für den in L.A. wohnenden Elektromusiker und Produzenten Robot Koch, der als Teil der Berliner Band Jahcoozi bekannt wurde, ist das gemeinschaftsstiftende Element einer solchen Show, wie er sie im Zuge seiner Neuveröffentlichung Sphere entwickelt hat, entscheidend. Und zwar, um „einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der neue Fenster im Kopf des Publikums aufmacht“. Oder mit Meier und ihren Kolleg_innen gesprochen, um „neue Erlebniszusammenhänge“ aufzuzeigen. Der Bogen zu den von Herndon und Dryhurst formulierten Vehikeln von gesellschaftlich-politischer Relevanz scheint geschlagen. Zumal das Duo überzeugt ist, dass Kunst niedrigschwellig gestaltet sein muss, wenn sie weit reichen soll.

Und gerade darin sehen Hurndon und Dryhurst, die ihrerseits auch bei The New Infinity mitwirken, ein Problem verborgen. Anders als Kubrick denken sie die von Technik ausgehende Gefahr als eine vom Menschen gegen den Menschen verwendete: „Es gibt viele Gründe, warum eindrucksvolle Technologien wie Planetarien oder andere Mehrkanalsysteme zur neuen Phase künstlerischen Arbeitens fetischisiert werden. Und obwohl wir oft mit diesen Techniken arbeiten, stehen wir eben jener Tendenz sehr kritisch gegenüber. Wir sind überzeugt, dass etwa das Komprimieren und Filtern von Informationen, das Mem, die mp3-Datei, all das Unsichtbare oft viel futuristischer ist und weitaus mehr transformatives Potenzial enthält, als diese sehr sperrigen und teuren Systeme. Trotzdem geht die Tendenz von Fördereinrichtungen dahin, sich auf Projekte zu konzentrieren, die wie Zukunftsvisionen aus der klassischen Science-Fiction aussehen, anstatt das radikale Potenzial oft unsichtbarer Elemente zu berücksichtigen.“

Die Veranstaltungsreihe „The New Infinity“ des Sonderprogramms „Immersion“ der Berliner Festspiele endet am 14.10.2018. Für weitere Informationen rund ums Programm besuchen Sie bitte die veranstaltungseigene Website.  

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