„Das radikale Potenzial unsichtbarer Elemente“ – Pop im Planetarium / Holly Herndon, Mathew Dryhurst, Robot Koch & Marie-Kristin Meier im Interview

David OReilly „Eye Of The Dream“ / The New Infinity

Pop im Planetarium – so lautete der verknappte Arbeitstitel der SPEX-Redaktion, als diese vermehrt über Konzerte und Ausstellungen in den als verschnarcht geltenden Kuppelbauten stolperte. Hat sich das Familienausflugsziel etwa zum place to be gemausert? Schnell wurde klar: Es braucht Antworten von Expert_innen, um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. SPEX sprach mit den Künstler_innen Holly Herndon und Mathew Dryhurst, welche interdisziplinär zum Verhältnis von Gesellschaft und Digitalisierung arbeiten, sowie mit Marie-Kristin Meier, studierter Musikwissenschaftlerin und Projektkoordinatorin der Veranstaltungsreihe The New Infinity der Berliner Festspiele. Außerdem beantwortete der aus Berlin stammende und in Los Angeles lebende Produzent und Elektromusiker Robot Koch einige Fragen zu seiner eigens für Fulldome gestalteten Liveshow Sphere.

Blättert, oder vielmehr klickt man sich durch die Gesellschafts- und Kulturmagazine dieses Jahres (inklusive SPEX) scheint besonders ein Jubiläum allgegenwärtig: der 50. Geburtstag der 68er-Bewegung. Und mit ihm die dünkelhafte Frage der einstigen Revoluzzer, ob denn nun tatsächlich jener anarchistische Geist mit der Generation Y verloren gegangen sei. Beobachtet man das zunehmende Erstarken der Rechten, ist dem wohl tatsächlich zaghaft zu begegnen. Doch wurde auch ein anderes dystopisches Stück Zeit- und Kulturgeschichte 2018 ein halbes Jahrhundert alt: Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey, der Scifiklassiker schlechthin.

Scheint die Gefahr eines mordenden Supercomputers im vom technischen Fortschritt geprägten jetzt nicht viel näher?

Mit diesem feierte 1968 ein Film Premiere, der bereits mit der Furcht des Menschen vor den eigenen technischen Errungenschaften spielte, noch bevor es derartige überhaupt gab. Anders als heute. Im vom technischen Fortschritt geprägten Jetzt scheint die Gefahr eines mordenden Supercomputers doch viel näher als damals? Schließlich organisieren, ja steuern Künstliche Intelligenzen (kurz KI) wie Siri und Alexa bereits unseren Alltag. Daraus können wir nun entweder die komplette Resignation des menschlichen Geschlechts schlussfolgern. Oder aber – und dafür plädieren die in Berlin lebenden Künstler_innen und Musiker_innen Holly Herndon und Mathew Dryhurst – wir erfahren das Konstruieren, das Erschaffen einer KI als große Leistung des gesamtgesellschaftlichen Kollektivs. Und bemühen uns im Miteinander von Mensch und Maschine um gegenseitigen Vorteil.

Holly Herndon und Mathew Dryhurst / Foto: Landon Speers

Dass Herndon und Dryhurst diesen Vorsatz sehr ernst nehmen, zeigt sich besonders im gemeinsamen Nachwuchs – dem KI-Baby Spawn, das sie mit ihren Stimmen sowie ihren persönlichen Gedanken füttern. Und so in sehr empirischem Sinne erziehen. Aber steht das der Idee einer kollektiven Leistung nicht entgegen? Wird dadurch das Moment von Exklusivität nicht vielmehr potenziert? Eben das eines ultimativen Genius, welcher eine noch bessere Version seiner Selbst erschaffen kann? Zwar sei das ein berechtigter Einwand, wie die beiden zugeben, für sie repräsentiere das Entwickeln einer KI allerdings eher das Erfordernis, im Zeitalter der Technologisierung und Digitalisierung kreativ zu bleiben und die gegebenen Möglichkeiten auszuschöpfen, um an der Zukunft und vor allem der gesamtsozialen Situation zu feilen. Heißt: Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.

Besonders eine spezielle künstlerische Ausdrucksform scheint sich in den vergangenen Monaten zu häufen: die von immersiven, synästhetischen 3D-Shows in Planetarien – dem Gebäude für den Blick in die Ferne und den metaphorischen, sehnsüchtigen in die Zukunft. Dass dessen Entstehung um die Jahrhundertwende zusammenfällt mit der Verdunkelung des Himmels aufgrund zunehmend technisierter Großstädte, liest sich seinerseits förmlich wie eine Parabel auf die destruktive Genialität des Menschen. Unabhängig jenes topischen, prospektiven Ansatzes birgt eine Fulldome Show für Musiker_innen wie Künstler_innen unbestreitbar Vorteile: Weil sich das Publikum in einen ungreifbaren Raum versetzt fühlt, befindet es sich ferner in einem sinngeschärften und sensiblen Stadium und ist damit noch aufgeschlossener für Gehörtes und Gesehenes.

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