Das Monster von innen verschlingen – Prince Rama im Interview

Taraka Larson trägt eine mit Mona Lisa bedruckte Leggings – ihr Markenzeichen. Ihre Springerstiefel haben dicke Absätze, über dem rot-schwarzen Flanellhemd eine faux Wolfsfellweste, ein Exkalibur-Schwert-Kettchen um den Hals und der Wuschel-Mop ergänzen das Bild zur metaphysischen Rockerin. Taraka Larson und ihre Schwester Nimai haben als Psych-Avantgarde-Duo Prince Rama mit XTreme Now in diesem Jahr eine hyperreale Version ihres ganz eigenen pulsierenden New-Age-Synth-Pop vorgelegt. SPEX sprach mit ihr über Now-Age-Philosophie und Kunst als Treibstoff.

Taraka, seit einiger Zeit entwickelst du die Idee des sogenannten Now Age (Jetzt-Zeit) und hast auch verschiedene Manifeste zu Pop-Musik, dem Ende der Welt und extremen Sportarten veröffentlicht. Was bedeutet diese Philosophie im Kern?Das Jetzt bleibt nie gleich, es verändert sich immer. Das Jetzt jetzt ist anders als das Jetzt vor fünf Minuten. Ich verstehe die Manifeste als Gesamtkunstwerk. Sie sind nicht linear, bauen aber aufeinander auf. Mein letztes verwendet extreme Sportarten als ein neues Paradigma, um Kunst, Musik und Leben – im Angesicht des jederzeit möglichen Todes – angstfrei anzugehen. Ich glaube auf einer metaphysischen und geistigen Ebene können wir so viel vom Extremsport lernen.

„Kunst ist Treibstoff, kein Stoppschild.“

Sprichst du aus Erfahrung?
Ich habe Skydiving und natürlich Skifahren selbst ausprobiert und bin besessen. Die Museen der Zukunft werden mit den Methoden des Leistungssports arbeiten. Schau dir an, wie Schönheit in Zeiten von Tinder beurteilt wird – diese Portraits, die man sich für eine Sekunde anschaut, und dann entscheidet, ob man jemanden schön oder nicht schön findet oder ihm Bedeutung zuschreiben könnte. Wir bewegen uns in Richtung Speed-Kunst. Wenn Marina Abramović von einem slow art movement spricht, würde ich kontern: Wir stehen vor der gegenteiligen Entwicklung. Warum die Menschen dafür verurteilen, dass sie nur 30 Minuten in einem Museum verbringen wollen? Warum nicht maximal 15 Minuten im Museum verbringen! Flitzt einfach durch!

Das klingt tatsächlich nach Leistungssport.
Wenn du dich in sehr hoher Geschwindigkeit bewegst, hat die Welt eine andere Kraft. Du kannst nicht jede einzelne Tannennadel auf einem Baum wahrnehmen, wenn du auf einem Snowboard daran vorbeizischst. Du kannst sie nur spüren. Und dieses Gefühl ist genau das, was der Kunst heutzutage fehlt. Alles ist so verkopft und hyperanalytisch, dass es die Unmittelbarkeit und damit die wesentliche Schönheit verliert. Eine Schönheit, die dein Herz anspricht und nichts mit dem Kopf zu tun hat. Ich glaube, das ist, was wir zurückgewinnen können, wenn wir Kunst zu Speed Art machen. Und bitte kein Wein auf Vernissagen – Alkohol dämpft die Sinne und flacht die Wahrnehmung des Betrachters ab. Serviert Energy Drinks, die aus den Essenzen der Kunst selbst gemacht sind! Kunst ist Treibstoff, kein Stoppschild.

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Der Energy Drink ist euer Symbol, aber nichts am Hut mit Sponsoring. Ihr seid also eine der wenigen Bands, die sich eine Marke zu Eigen machen, anstatt sich von ihr vereinnahmen zu lassen. Habt ihr Überlebensstrategien, um in Zeiten des Trump’schen Turbokapitalismus Autonomie und Utopie zu bewahren?
Wir müssen die kapitalistische Bestie von innen nach aussen zu verschlingen, um ihr inneres Potenzial zu entfesseln. Historisch gesehen sind diese Entwicklungen nichts Neues. Ich kann nur für Amerika sprechen, dort ist Kapitalismus in vielerlei Hinsicht eine Art Religion. Er spielt mit den gleichen menschlichen Emotionen: Begehren und Liebe. Diese menschlichen Bedürfnisse, dieser Hunger wird mit einer neuen Idee der Erlösung gestillt. So wie mit allem, gibt es auch hier Samenkerne des Guten in dunklen Hülsen. Sie nun zum Wachsen zu bringen, ist vielleicht eine größere Herausforderung, aber ich nehme sie an. Viele Leute flippen gerade aus, aber es ist ein historischer Zyklus. Dass nun ein Reality-Show-TV-Star-Business-Tycoon unser Präsident wird, ist irgendwie natürlich, wenn man die Geschichte auseinandernimmt. Dieses apokalyptische Gerede gibt es schon lange, ich würde hoffen, dass unsere Musik eine Art alternative Hoffnung bieten könnte. Anstatt Angst vor dem Tod oder Angst vor Veränderung zu haben, schmeiß dich hinein – mit dem Kopf zuerst – und schaue, was passiert. Das Energy-Drink-Sponsoring ist ein Schmäh. Leute nehmen es aber sehr ernst und meinen, wir hätten uns verkauft. Nein, im Austausch nehmen wir die kreative Kraft zurück. Wir spielen mit der Idee, dass Corporate Sponsorship Bands diktiert, was sie zu tun haben: Was darfst du auf deinem Instagram-Account posten und was darfst du auf deiner Show zeigen? Wir drehen den Spieß um.

Ist eure Pop-Art-Mode Teil eurer Botschaft?
Ich sehe die Mode als Teil der Musik. Ich finde, dein ganzer Körper ist Musik. Wenn du nicht anhast was du fühlst, stört das die Harmonie des Lieds. Um ihn bestmöglich zu verstärken, muss die Kleidung den Song reflektieren.

„dein ganzer Körper ist Musik.“

Ihr habt gerade eine tolle Show mit Men Without Hats gespielt. Statt als Vorband wurdet ihr als „Ehrengäste“ auf Augenhöhe begrüßt. Eine schöne Generationsbrücke: Ihr seid die Newcomer und sie sind noch immer da. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Weil ich ein Fan-Girl von Ivan Doroschuk bin, dabei habe ich Men Without Hats erst kürzlich entdeckt. Ich bin unter einer Käseglocke aufgewachsen und hatte „Safety Dance“ noch nie gehört. Auf unsere Amerika-Tour bin ich krank geworden, wir hatten noch 15 Shows vor uns und ich wusste einfach nicht, wie ich weitermachen sollte. Ich humpelte also durch einen Supermarkt und habe in den Vitaminregalen nach einer ayuvedischenHimalya-Pilz-Kur gesucht – als plötzlich ein unglaubliches Lied durch die Lautsprecher schallte. Es hörte sich für mich wie eine Disko-Trauerlied aus dem 12. Jahrhundert an. Ich fragte eine Angestellte, was das sei, und sie so: „Machst du Witze?“

Hat es auch eure Musik inspiriert?
Insbesondere für das XTreme Now-Album habe ich mich sehr mit mittelalterlicher Musik und dessen Ästhetik befasst. Ich glaube, das Mittelalter hat eine besondere Relevanz für das Jetzt, wir kommen darauf zurück. Brian Eno hat auch vom dunklen digitalen Zeitalter gesprochen. Aber zurück zu „Safety Dance“: ich habe mir das Video angeschaut, die Kulisse ist das Mittelalter. Ich habe sofort eine geistige Verwandtschaft gespürt. Ivan ist auf demselben Trip. Er ist ein toller Songwriter und seine Synth-Sounds sind ein paar der besten, die ich je gehört habe. Ich habe mich total in ihre Musik vertieft und wusste gar nicht, dass sie noch spielen. Ich habe ihm also einen total überschwänglichen Fan-Girl-Brief geschrieben. Er antwortete: „Wir sollten zusammen spielen.“ Es hat funktioniert.

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