Das Massenspektrometer im Wohnzimmer: Gaika im Gespräch, Mixtape-Stream & Ticket-Verlosung

Foto: Stephano Zanzin

Fotos: Stephano Zanzin

Gaika möchte der Typ sein, der die Welt ein bisschen besser macht. Stattdessen ist er der ein bisschen andere schwarze Typ mit dem urbanen Hintergrund – also Jean Michel Basquiat. Dabei hatte der viel coolere Haare, meint Gaika. Und nutzt das SPEX-Interview, um noch einige andere Dinge klarzustellen. Morgen erscheint das neue Mixtape des Künstlers aus Brixton – SPEX streamt es in voller Länge und verlost außerdem Tickets für seine Show in Berlin.  

Mit seinen düsteren Songs fordert Gaika das festgefahrene Verständnis von Black Music heraus, das nicht nur im weißen Großbritannien eng an R’n’B, Rap oder Grime geknüpft ist. Der Künstler selbst bezeichnet seine Alben als intellektuelle Hood-Musik, die auf Stock-Sounds und Samples verzichtet und mit analog aufgenommenen sowie digital hergestellten Soundstücken arbeitet. Grime-, Trap- und Dance-Hall-Elemente vermengt Gaika mit düster-sphärischen Elektronikklängen und unterlegt die Songs mit einer Stimme, die singt, rappt, trappt und sich sowohl vom feinen britischen Englisch als auch vom rotzigen Mod-Punk-Englisch abgrenzt.

Mixtapes, Videos und sonstige visuelle Umsetzung entstehen in Gaikas Kopf, dennoch wird die Musik in Kollaboration mit seinem Squat Grey (einem Künstlerkollektiv, das nicht Kollektiv genannt werden möchte) zum Leben erweckt. Ohne Major-Labels, Marketing- und Verkaufsstrategien.

Nachdem Gaika sein Debüt selbst veröffentlicht hat, kehrt er mit dem Mixtape Security auf dem Brooklyner Label Mixpack zurück. Nach der Veröffentlichung der Single »PMVD« mit Mista Silva, die stilistisch an sein Debüt-Mixtape Machine anknüpft, erscheinen nun die restlichen neun Tracks in Zusammenarbeit mit 6Cib, August+Us, Bipolar Sunshine, Fallacy, Gretz, Serocee, Mista Silva, Miss Red und Trigga. SPEX hat mit Gaika darüber gesprochen.

SPEX: Du bezeichnest deine Musik als experimentelle, intellektuelle Hood-Musik. Das klingt widersprüchlich.
Gaika: Ich bin in Brixton in einem Hood-Umfeld aufgewachsen. Aber in meinem Haus war alles voller Bücher, wissenschaftlichem Equipment und anderem intellektuellen Kram.

Klingt paradiesisch.
War es aber nicht. Ich kannte in gleichem Maße Akademiker und Mörder. Diese Perspektive war immer präsent. Ich bin in sehr harten Zeiten aufgewachsen, aber ich durfte auch Bildung genießen. Ich war nie der Jugendliche mit den neuesten Schuhen, Telefon und all diesem Scheiß. Aber wir hatten Bücher und Maschinen.

»Ich kannte in gleichem Maße Akademiker und Mörder.«

Das musst du erklären.
Mein Vater ist Materialwissenschaftler. Er hatte sein Geschäft und das gesamte Geld aus dem Business verloren, wollte aber die Maschinen nicht verkaufen. Also behielten wir sie im Haus und andere Dinge, die man nicht unbedingt in Familienhäusern findet. Ich wusste von Wissenschaft, Maschinen und deren Funktion, bevor ich irgendetwas anderes wusste. Wir besaßen PCs aus den Mittachtzigern und ein Massenspektrometer zum Messen der Masse von Atomen, das unter unserem Wohnzimmertisch stand. Mein Vater hat uns einfach einen Werkzeugkasten gegeben und wir durften alles auseinandernehmen. Wir hatten natürlich auch Spielzeug, aber die Maschinen haben meine Arbeit und die Arbeit meines Bruders sehr beeinflusst. Mein Bruder (Kibwe Tavares) hat beispielsweise den Film Robots of Brixton über die Brixton Riots gedreht. Der Großteil unserer Arbeit ist dem menschlichen, digitalen Interface gewidmet. Wenn Leute also fragen: »Wie kommt es, dass du so merkwürdige Alben über Maschinen und Menschen machst? Das muss Science Fiction sein«, kann ich nur sagen: Das ist es nicht. So bin ich aufgewachsen. Alles, worüber ich schreibe und spreche, ist die Wahrheit über mein Leben. Nichts ist imaginiert.

Wenn man dir zuhört, könnte man vermuten, dass du Kraftwerk-Musik ohne jeglichen Groove machst. Aber wenn ich deine Musik höre, habe ich Lust zu tanzen. Haben Clubs Einfluss auf deine Musik?
Ich war lange Zeit in allen möglichen Clubs tätig, ich war Promoter und bin nach wie vor tief in der Musikszene verwurzelt. Trotzdem mache ich nicht wirklich mit dem Hintergedanken Alben, dass diese in Clubs gespielt werden. Aber ich kann auch nicht merkwürdig verquere Musik machen, die Menschen eher quält. Warum sollte ich das tun? Für mich geht es in der Musik um Sex. Der Sound von Musik und die Art und Weise, wie sie Menschen fühlen lässt, ist mit Sex und Sexualität verbunden. Und die Lust zu tanzen meint genau das. Diesen Impetus absichtlich aus der Musik herauszunehmen, damit etwas verquer klingt, wäre unaufrichtig. Und total maskulin. Ich mag Groove in der Musik.

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Was waren das für Partys, die du in Großbritannien organisiert hast? Und in welchen Clubs?
Da gab es versnobte R’n’B-Clubs, verschwitzte Boiler-Clubs, alternative Musik-Venues, intellektuell-experimentelle Musik-Clubs, Indie- oder Grime-Orte – das volle Programm. Im Herzen bin ich schon ein Snob. Aber ich liebe genauso dieses Gefühl, einen dunklen Raum zu betreten, in dem alle schwitzen und tanzen und niemand den anderen anschaut. Mein Mixtape Security handelt von genau dieser Reise und all den Erfahrungen, die ich im Clubumfeld gesammelt habe. Es geht darum, das Selbst kennenzulernen und herauszufinden, wer du bist: von der Unsicherheit zur Sicherheit. Dabei fällt mir ein: Ich habe auch echt viel Geld in Clubs verdient.

Und damit die Freiheit, Musik zu produzieren?
Darum geht es nicht. Die Cluberfahrungen haben meine DNA geformt. Es sind die Geschichten, die mich zu der Person gemacht haben, die ich bin. Besonders wir Menschen im Westen haben Angst zu sterben und die Angst sitzt so tief, dass wir versuchen den Himmel auf Erden herbeizuführen. Wir wollen das perfekte Leben leben, all diese Dinge besitzen, die uns glücklich machen sollen. Aber das ist doch nur ein Substitut für den Glauben an sich und das Zufriedensein mit selbst. Für mich ist das Clubleben genau das: der Versuch zufrieden zu sein, indem man etwas nachjagt, das einen nicht glücklich machen wird.

Du hast gesagt, dass du nicht möchtest, dass deine Musik überpolitisiert wird, weil dich das von der Straße trennen würde.
Die meisten Menschen denken über einfache Fragen nach. Wie überlebe ich, wie kann ich mir Essen leisten, wie soll ich meine Rechnungen bezahlen, wie kann ich im Moment leben? Für diese Art zu leben, hat die Gesellschaft nicht viel Beachtung übrig. Menschen, die sich solche Gedanken machen, kennen kein Gefühl von Macht. Und wenn du als Künstler genau diesen Lebensaspekten Beachtung schenkst, wird das als politisch angesehen. Rap ist politisch. Wenn ich sage, ich will schnelle Autos und Chicks mit großen Brüsten, dann ist das ein politisches Statement. Schließlich gab es eine Abfolge von Umständen und Ereignissen, die mich an den Punkt gebracht haben, diese Dinge zu fordern. Es geht gar nicht so sehr darum, dass man etwas Politisches sagt, sondern darum, ob man über etwas spricht, das größer ist als man selbst. Was dann passiert, ist dass dein Werk von anderen Leuten aufgegriffen wird, die in ihrem Leben den Raum haben, um über Politik, Ungerechtigkeit und die daran anknüpfenden Themen nachzudenken. Und diese Menschen erzählen dann den Menschen aus der Hood: »Das solltet ihr euch anhören und nicht den ganzen Gangster-Rap. Was läuft nur falsch bei euch? Hört euch J. Cole oder Kendrick Lamar an.« Mir geht es darum, dass ich nicht diese neue heiße Ding werden möchte, das von coolen Magazinen gehypt wird –  und am Ende hört niemand, mit dem ich aufgewachsen bin, mehr meine Musik.

»Im Herzen bin ich ein Snob.«

Auf deinem Vorgängeralbum und in deinem Video zu »Heco« bist du mit Maske zu sehen. Das hat bei mir Bondage-Assoziationen geweckt. Warum interessiert dich diese Ästhetik?
Macht. Es geht um Macht, oder? HipHop ist stark verbunden mit Hyper-Maskulinität. Ich spiele damit. Viele junge schwarze Männer sind in einer Situation, in der viel von ihnen erwartet wird. Das lösen sie über Prahlerei und berichten großspurig, wie stark sie sind, wie hoch sie springen und wie schnell sie laufen können, kurz: wie viel Kraft sie haben, obwohl sie eigentlich total verletzlich sind. Schließlich kannst du jederzeit getötet werden: von der Polizei, deinen eigenen Leuten – und es interessiert niemanden. Diesen Zwitter aus körperlicher Stärke und körperlicher Einschränkung wollte ich über Bandagen und Masken zum Ausdruck bringen.

Du wirst unter anderem mit Jean Michel Basquiat verglichen.
Das ist doch eine Verkürzung nach dem Prinzip: Hier ist dieser Typ, der irgendwie von urbaner Kultur beeinflusst, aber irgendwie ein bisschen anders ist – und außerdem ist er schwarz. Ich mag seine Bilder und er hatte coolere Haare als ich, aber letztlich stecken uns die Menschen da draußen in eine Schublade. Das ist auch so eine Form von Kontrolle.

Wie möchtest du verstanden werden?
Menschen sollen meine Musik mögen. Falls Menschen meine Musik nicht mögen, sollten sie sie zumindest interessant und ehrlich finden. Ich möchte auch ein bisschen stören und disruptiv sein. Die Welt könnte einfach eine bessere sein. Vielleicht möchte ich, dass Leute über mich sagen: »Der Typ versucht, die Welt ein bisschen besser zu machen, anstatt rumzusitzen und im Status quo zu verharren.«
 

Gaika live
04.05. Berlin – Kantine am Berghain

Wir verlosen 2×2 Tickets für die Show von Gaika in Berlin. Wer sein Glück versuchen möchte, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff »Gaika« an gewinnen@spex.de, das Los entscheidet.

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