Das ist nicht fair

Uffie ist der Hype von vor drei Jahren, ihr Konzept ist längst von der kalifornischen Landpomeranze Ke$ha kopiert und in die Charts überführt worden. Zu spät für Uffies Debütalbum ist es aber nicht – denn auf ihm packt sie ihre Geringschätzung für amerikanische Mainstreamkultur in großartige Texte.


Fotos: © Norman Konrad / Spex

Uffie ist mittlerweile 22 und hat noch immer einen beachtlichen Lebenslauf vorzuweisen: Aufgewachsen in Hongkong und Florida, geht sie mit 16 Jahren nach Paris. 2007 erscheint ihre erste Maxi, 2008 heiratet sie, 2009 wird ihre Tochter geboren, 2010 nun kommt ihr Debütalbum »Sex Dreams and Denim Jeans« auf den Markt. »Das mit der Hochzeit stimmt nur halb«, meint sie, »die war nicht rechtskräftig«. Warum? »Wir hatten auf den Bahamas geheiratet.«

    Uffies damaliger Mann – mittlerweile leben die beiden getrennt – war André Saraiva, der bekannteste Graffitikünstler von Paris. Das englische Magazin i-D veröffentlichte ein Bild des Paars: Darauf zu sehen ist er mit dem kaum verhohlenen Besitzerstolz eines Mannes, der sich über ein gutes Rennpferd zu freuen scheint – seine Frau steht neben ihm, sie ist nackt, ihr Rücken verziert mit einem Graffiti ihres Gatten. Picasso und seine Musen dürften vor hundert Jahren kaum anders posiert haben.

    »Ja, ich habe verrückte Fotoshootings mitgemacht«, sagt Uffie. Halbnackt, auf dem Bett, in der Wanne, auf dem Kaminsims, in Highheels, in Unterwäsche – zwar unterscheiden sich die Bilder auf der Inszenierungsebene kaum von denen, mit denen sich gegenwärtig andere weibliche Popstars verstärkt sexualisiert präsentieren, doch gewinnt man bei Uffie, bürgerlich Anna Catherine Hartley, anders als bei Lady GaGa oder Rihanna den Eindruck vollkommener spielerischer Arglosigkeit. »Ich war 18, da war ich mir nicht wirklich bewusst darüber, was ich tue«, bestätigt sie. »Wahrscheinlich würde ich derartige Fotos heute nicht noch mal machen. Ich habe mir damals keine Gedanken gemacht über die Konsequenzen. Wenn man dann aber sogar vom Nachbarn darauf angesprochen wird …«

    Ihr Album heißt trotzdem »Sex Dreams and Denim Jeans«. »Das ist eine Songzeile von mir. Ich mochte sie. Sex ist einfach da, es ist normal, nichts Schockierendes, keine große Sache.« Eine derartige Unbekümmertheit scheint nicht ganz untypisch zu sein für Uffie. In ihr Dasein als Popstar ist sie wohlmöglich eher hineingerutscht – nichts in ihrer ganzen Karriere wirkt angestrengt. »Sie fing an aufzutreten, weil Feadz sie dazu gedrängt hat«, behauptet Pedro Winter, einst der Manager von Daft Punk und heute Chef des Pariser Electro-Labels Ed Banger, bei dem Uffie ebenso unter Vertrag steht wie ihr musikalischer Partner Feadz und die Produzenten Mr. Oizo, SebastiAn und Justice. »Es war nicht ihre eigene Entscheidung, aber jetzt ist sie richtig dabei«, meint Winter. »›Pop the Glock‹ allerdings ist damals eher zufällig entstanden.«


VIDEO: Uffie – Pop the Glock

    »Pop the Glock« war neben »Ready to Uff« der Titel, der Uffie 2007 nicht nur bekannt, sondern zu einem sicheren Tipp für zumindest eine Saison andauernden Pop-Weltruhm machte. Die Uffie-Legende besagte damals, sie habe, frisch nach Paris gezogen, von ihrem Vater, dem aus England stammenden reichen Direktor eines Jeans-Labels, eine Party zum 16. Geburtstag spendiert bekommen und dafür DJ Feadz engagiert. Uffie schränkt die Geschichte heute ein: »Es war nicht mein Geburtstag, ich plante nur eine Party im Rex Club.« Der allerdings ist einer der etabliertesten Clubs der französischen Hauptstadt.

Uffie Spex #326 Norman Konrad    »Pop the Glock« ist auch auf dem Album »Sex Dreams …« zu hören. Es klingt in seiner Mischung aus mit Auto-Tune verfremdetem Rap, Hiphop-Intro und dem mit gehörigem Ennui vorgetragenen Refrain noch immer beeindruckend lässig – und erinnert doch daran, dass Uffie eigentlich der Hype von vor drei Jahren ist. Das lässt sie selbst natürlich kalt. Und doch gibt es mittlerweile einen Weltstar, der seine Nummer-eins-Hits nicht zuletzt den Mitteln von Uffie verdankt – es ist Ke$ha. Wie Uffie setzt sie auf das Image des höchst sexualisierten amerikanischen Partygirls, wie bei Uffie spielen steile Auto-Tune-Effekte bei ihr eine große Rolle, dazu kommt hochgekratzte Clubmusik, die sich der Möglichkeiten Club-fremder Genres wohl bewusst ist. »Ich habe von ihr gehört«, entgegnet Uffie gutgelaunt auf die augenscheinlichen Ähnlichkeiten angesprochen, jedoch: »Ich will kein großes Drama daraus machen. Es gibt Ähnlichkeiten, sicher, aber ich werde nicht behaupten, dass Ke$ha mich kopiert.« Auch Pedro Winter gibt sich ostentativ gelassen: »Ke$has Produzenten waren eben smarter als ich, ich wollte sagen: Sie waren schneller als ich. Wenn wir mit dem Album nur die Hälfte von dem verkaufen, was Ke$ha verkauft hat, bin ich glücklich.«

    Dann erzählt er noch, dass sich Dr. Luke, der Executive Producer von Ke$ha, zuvor bei ihm beworben habe, um Uffie zu produzieren. »Aber wir wollten das lieber hausintern, in der Familie regeln.« So sind es die Ed-Banger-Leute Feadz, Sebastian und Mr. Oizo, die für »Sex Dreams and Denim Jeans« die Musik produziert haben und zudem Mirwais, der einem breiteren Pop-Publikum noch bekannt ist als Produzent von »Music«, der letzten guten Madonna-Platte. Von ihm stammt auf »Sex Dreams …« unter anderem das grandiose »Illusion of Love«, eine aus irrlichternd sich übereinander schiebenden Technoflächen und Streichquartetten bestehende, so melancholische wie hypnotische Plastikromanze, die ihren Reiz nicht zuletzt aus den Gast-Raps von Matt Safer zieht, dem Ex-Bassisten von The Rapture.

    Trotz gewisser ästhetischer Schnittmengen bestehen sehr grundsätzliche Unterschiede zwischen Uffie und Ke$ha: Während die urban wirkende Uffie ihre generelle Geringschätzung amerikanischer Mainstreamkultur deutlich ausspricht, gibt die 23-jährige Ke$ha das Landei in Leopardenleggins, das zwar über die Stränge schlägt und ihr Mundhygieneprogramm auch mal ganz unkompliziert mit der im Hit »Tik Tok« erwähnten »Bottle of Jack« durchzuführen bereit ist. Letztlich aber ist Ke$has Musik getragen von nur vordergründig die Konventionen in Frage stellenden, zutiefst Dorfdisco-tauglichen Gassenhauern im Stil Katy Perrys. So ist es vor allem Jack Daniels, der Uffie mit Ke$ha verbindet – oder zumindest verbunden hat: »Mit Feadz habe ich die ersten drei Jahre nur Bourbon getrunken«, erzählt Uffie, »mittlerweile trinke ich Champagner!« Was sonst hätte man von einer in Paris lebenden jungen Mutter erwartet?


VIDEO: Ke$ha – Tik Tok

    Das Partyleben allerdings bildet das Rückgrat der Erzählung auf »Sex Dreams and Denim Jeans«. Zwar gibt Uffie in der herrlichen, von Mr. Oizo produzierten und in ihrem federnden Rhythmus einem gepimpten Citroën DS gleichkommenden Old-School-Krawallnummer »MCs Can Kiss« selbstkritisch zu bedenken: »I’m an entertainer, not a lyricist« – doch in Wahrheit ist es wohl genau andersherum: Uffies Live-Auftritte genießen, anders als die Sets des sie begleitenden DJs Feadz, nicht den allerbesten Ruf. Ihre Texte hingegen sind von schlichter Großartigkeit. Anders als die Musik schreibt sie sie selbst und pfeift dabei auf unnötige V-Effekte: Wenn Uffie »ich« sagt, dann meint sie auch sich ganz persönlich und nicht irgendein nebulöses lyrisches Ich: »Das ist total autobiografisch.«

    »I never claimed to be an artist, I can’t even sing«, bekennt sie also in »Our Song«, an anderer Stelle heißt es: »I’m the least working girl in the show business« und »If I get popular, I know that ain’t fair«. »Ich habe drei EPs gemacht und drei Welttourneen. Andere nehmen zehn Alben auf – und nichts passiert«, sagt sie. »Clothes come free, drugs come free«, beschreibt sie in »Difficult« die Annehmlichkeiten des Lebens im Clubmusik-Jetset, noch heute staunt sie über den lobenswerten Service, den die Abgesandten von Ed Banger in aller Welt genießen: »Selbst in Brasilien ist das Erste, was man gefragt wird, wenn man aus dem Flieger steigt: ›Was braucht ihr?‹«

    Dementsprechend fällt ihr Resümee in dem Nonsens-betitelten Stück »Neuneu« aus: »I’m a rock star and I party like one / In fact I partied like a rock star before being one«. Uffie lacht über ihren eigenen Songtext und meint schließlich: »Ja, das stimmt.« Es ist genau dieser so übermütig wie beiläufig betriebene Lebensgenuss, der sie natürlich zum idealen Aushängeschild von Ed Banger gemacht hat. »Wenn mich jemand fragen würde, ob ich Hedonist bin, würde ich antworten: Ja, das bin ich«, sagt auch Labelchef Pedro Winter.

    Seine Firma hat den von Big Beat in den Neunzigern eingeschlagenen Weg in den Nullerjahren konsequent verfolgt, nur mit anderen Sounds: Dance Music für Leute, die auch Rock schätzen. Winter mag Metallica. Uffie nicht: Sie hört lieber Chet Baker und Nina Simone. Das klingt schon beinahe deep – und tatsächlich kann man den Vorwurf der allzu Party-seligen Tumbheit, mit dem Ed Banger immer wieder konfrontiert wird, Uffie nicht machen. Ihre Platte ist von schlauem lyrischen Understatement, bewundernswert unprätentiös und voller Selbstironie: »Ich mache mich über die Sachen lustig. Ich finde, das ist besser so.«

 

»Sex Dreams and Denim Jeans« von Uffie erscheint am 18. Juni 2010 (Ed Banger / Warner).

Uffie Live:
05.06. Stuttgart – Rocker 33
25.06. Köln – Bootshaus @ c/o pop
26.06. Gütersloh – Weberei
04.07. CH-Genf – Montreux Jazz Festival
09.07. CH-Zürich – Hive Club
14.08. Hamburg – Dockville Festival

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