Das ist meine Frau

Seinen Gesprächspartnern stellte er sein Diktafon als »meine Frau« vor, die Transkripte druckte er in seinem Interview Magazine auf Zeitungspapier. Die größte Passion des großen Kunsterneuerers unserer Zeit war es, nutzloses Sekundärwissen abzufragen. Er dürfte so als Erfinder des Reality-TV gelten. Am 06. August wäre er achtzig geworden. Eine Würdigung des Publizisten Andy Warhol.

Andy Warhol

Warhol genoss es, sich für Parties in Drag-Fummel zu hüllen. Er bewunderte »die Jungs, die ihr Leben damit verbringen, vollkommene Mädchen zu sein«. Das »Self-Portrait in Drag« entstand 1981 in einer Foto-Session mit Warhols Assistenten Christopher Makos, die Inspiration dafür fanden sie in den 1920er Arbeiten von Man Ray und Marcel Duchamp.

(Bild: »Self-Portrait in Drag (with Bouffant Wig)«, © 1981, Andy Warhol Foundation)

Park Avenue, New York. Andy Warhol interviewt den damals achtzehnjährigen Michael Jackson für sein Interview Magazine. Der Kaviar wird serviert. Michael Jackson: »Ist das Kaviar?!« – Andy Warhol: »Ja, hättest du gerne welchen?« – Michael Jackson: »Ich brenne nicht gerade darauf …!« – Andy Warhol: »Warum probierst du nicht? Na, komm schon!« – Michael Jackson: »Hm, vielleicht ein bisschen …?« – Andy Warhol: »Es ist richtig gut. Du musst probieren!« – Susan Blond (Michael Jacksons Publizistin): »Das ist viel zu viel! Wenn ich Kaviar esse, nehme ich immer nur ein ganz kleines Bisschen. Gebt ihm ganz wenig, einfach damit er den Geschmack im Mund hat.«

    Tagebucheintrag Andy Warhols vom 2. Februar 1977: »Um 23 Uhr ging ich mit Catherine ins ›Regine’s‹, um Michael Jackson von den Jackson Five zu interviewen. Er ist ziemlich gewachsen und hat eine wahnsinnig hohe Stimme. Er hatte einen kräftigen Kerl dabei, wohl ein Leibwächter, und das Mädchen aus ›The Wiz‹. Die ganze Situation war ziemlich komisch, weil Catherine und ich nichts über Michael Jackson wussten, rein gar nichts, und er hatte keine Ahnung, was ich so machte. Ich glaube, er hielt mich für einen Dichter oder so was Ähnliches.«

    Tatsächlich probiert Michael Jackson den ihm angebotenen Kaviar: »Schmeckt dir dieses Zeug wirklich? Ganz ehrlich: Wie kann man so ein Zeug runterkriegen?« – Andy Warhol: »Wenn du erst mal mit deiner Freundin auszugehen beginnst, wirst du so etwas ständig essen müssen.« – Michael Jackson: »Nein!« – Andy Warhol: »Doch!« – Michael Jackson: »Nicht, wenn ich es nicht mag.«

    Mit dem 1969 gegründeten Interview Magazine veränderte Warhol, damals 41 Jahre alt, die Zeitschriftenwelt für immer – und zwar mit einem Kickstart. Fasziniert von Starkult und den Celebrities, ihren Spleens und Geheimnissen, interviewte Andy Warhol die größten Weltstars höchstpersönlich, befragte sie nach ihren Friseuren, den Macken ihrer Haustiere und ihren Essstörungen. Die Stars wiederum wollten den Star Andy Warhol persönlich kennenlernen, oder man kannte sich längst aus der Manhattaner Gay-Bussi-Subkultur. Über die Jahre entstand so ein Archiv vermeintlich nutzlosen Sekundärwissens, das in seiner unkommentierten Akkumulation zu den lesenswertesten journalistisch-literarischen Zeugnissen der Siebziger gehört.

Der Stummfilm zeigt Andy Warhol und den amerikanischen Schriftsteller Truman Capote 1977 während einer Interview Magazine-Signierstunde in der Boutique Fiorucci. Um sie herum: Chefredakteur Bob Colacello, die Dupont-Brüder und der Performance-Künstler Victor Hugo.

VIDEO: Andy Warhol & Truman Capote

    Andy Warhol mag andere Beweggründe gehabt haben, als die Medienwelt zu revolutionieren – angeblich war er einfach von seinem Sony-Diktiergerät fasziniert, mit dem er mühelos an jedem Ort Gespräche aufnehmen konnte und das er seinen Gesprächspartnern stets als ›seine Frau‹ vorzustellen pflegte. De facto installierte Warhol mit seinen offenbar sehr roh belassenen Interviewtranskriptionen jedoch einen Stil der Subjektivität: Ins Blatt kam nicht die abgewogene, gerne als ›objektiv‹ bezeichnete Berichterstattung um Seriosität bemühter Journalisten, sondern Niederschriften höchst persönlicher, zutiefst von Intuition und Exzentrik getriebener Gespräche.

    Andy Warhol beurteilte nicht nach gut oder schlecht, wichtig oder unwichtig. Relevant war einzig, dass im Interview Magazine – je nach Blickwinkel eine Manhattaner Stadtzeitschrift oder ein Warhol-Multiple, das für jedermann erschwinglich war – Stars zu Wort kamen. Und zwar am liebsten Weltstars, wobei es egal war, ob es sich um Filmregisseure, Fashion Designer oder Rockstars wie John Lennon oder eben Michael Jackson handelte.

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Andy Warhol Interview Magazine

Cover-Artwork und Doppelseiten aus Andy Warhols Interview Magazine – radikale Huldigung der Celebrities, Oden an den Augenblick, gedruckt auf vergängliches Papier. Interview ist ein Mahnmal: So gut war keine Zeitschrift seither.

(Faksimiles: © 2004, Interview Inc. NY)

Bob Colacello, der bereits 1970 als Chefredakteur das Tagesgeschäft bei Interview übernahm und Warhol entlastete, schrieb 2004 im Vorwort zu der von Karl Lagerfelds Edition 7L im Steidl-Verlag veröffentlichten Faksimileausgabe der ersten zehn Interview-Jahrgänge: »Kürzlich wurde ich mir dessen bewusst, dass Andy Warhol das Reality-TV erfunden hat. Er erfand dieses Format mit seinen Filmen und mit seinen Frage-und-Antwort-Gesprächen in Interview. Ähnlich wie seine Gemälde, waren diese Interviews absolut akkurate Betrachtungen ihrer Subjekte, sie wurden nur minimal editiert. Seine Intention war es, den Leser zu der Fliege zu machen, die stumm an der Wand klebt und von oben alles zu sehen und zu hören bekommt. Selbst, was ein Star im Restaurant zum Essen bestellte, wurde in Andy Warhols Augen zu einem Indikator seiner oder ihrer Persönlichkeit. (…) Wir gingen daher oft ins Quo Vadis, wo die Akustik in Ordnung war. Das war wichtig, denn Pat Hackett, Warhols Sekretärin, tippte die Bänder akribisch ab. Sie mochte übrigens nicht das Wort ›transkribieren‹. Sie prägte die Phrase ›redacted by Pat Hackett‹.«

    Für Andy Warhol, der am 6. August achtzig Jahre alt geworden wäre, war das Interview Magazine weit mehr als nur ein Projekt unter vielen: Bis zu seinem Tod am 22. Februar 1987 investierte er viel Zeit und Arbeit in die Zeitschrift. Warhol benutzte Interview wie eine Visitenkarte, verschenkte grosszügig Exemplare an Besucher der Factory, signierte Exemplare als Anreiz für potenzielle Anzeigenkunden. Weitgehend undokumentiert ist bis heute, inwiefern Warhol damit viralen Werbeformen vorgegriffen hat, auch oder gerade, wenn der Starinterviewer sich die Zeit nahm und New Yorker Obdachlose nicht nur regelmäßig mit Kaffee und Kuchen beglückte, sondern auch ihnen die jeweils neuesten Exemplare der Zeitschrift persönlich vorbeibrachte – in Anwesenheit darüber berichterstattender Reporter, versteht sich. Fakt ist, dass über diese Schenkungen, dreißig Jahre, nachdem sie stattfanden, heute immer noch geredet wird – ein besseres und kostengünstigeres Marketing hat es selten in der Welt der Verlage gegeben.

    Es ist daher an der Zeit, den Publizisten Andy Warhol zu würdigen, der in seinem postduchampschen Ansatz als der größte Erneuerer der Kunst und Infragesteller von Kunstbegriffen angesehen werden muss. Während seine Zeitgenossen – und damit sind ausdrücklich auch damalige Magazine gemeint – stilisierten, begegnete Warhol seinen Subjekten völlig indifferent. »All is beautiful« und »People are wonderful« sind zwei berühmte Aussagen Warhols, die in knappster Form das Prinzip des Interview Magazines erklären: Schließlich war der Namensgeber des Magazins nicht an der Individualität der Menschen und seiner Gesprächspartner interessiert, sondern an ihrer Berühmtheit und daran, wie die Trivialität und die Auswüchse der Mediengesellschaft die Menschen prägten.

    In seiner Bejahung des Kapitalismus und seiner Weigerung, über Form und Stil zu diskutieren, war der Herausgeber Andy Warhol mindestens ebenso radikal, stilbildend und wichtig wie der Künstler, der Musikproduzent (The Velvet Underground) oder der Filmemacher (»Kitchen«, »Empire« u. v. a.) Warhol – beeinflusste er doch mit Interview unzählige Massenmedien und somit Millionen von Lesern. Seine Tagebücher, derzeit in deutscher Sprache ›out of print‹, aber mühelos als englische Ausgabe über Warner Books beziehbar, wie auch sein philosophisches Werk »Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück« flankieren Warhols journalistisches Werk: Alle schriftlichen Zeugnisse des am 6. August 1928 als Andrew Warhola geborenen Sohns slowakischer Einwanderer nahmen das Rauschen der Gesellschaft auf und sagten vermeintlich nichts – und damit alles. Es ist Andy Warhols eigentliches Verdienst, dass dieses ›Nichts‹ heute eine Bedeutung hat und heller zu strahlen vermag als jede inszenierte Wirklichkeit.

»Andy Warhol’s Interview / Volume 1: The Best Of The First Decade 1969-1979«
Sandra J. Brant und Ingrid Sischy (Hrsg.), 996 S., Englisch, 2004 (Edition 7L / Steidl)

»Andy Warhol: Das Tagebuch«
Andy Warhol, 742 S., 1989 (Droemer-Knaur)

»Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück«
Andy Warhol, 236 S., 2006 (Fischer)

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