Das ist Hanna Järverthe well-rounded artist

Hanna Järver hat kürzlich ihr Deutschlanddebüt auf dem Midsommar Festival in Berlin gegeben. Für SPEX.de haben wir die junge Schwedin getroffen und mit ihr über Nostalgie und die autokratische Künstlerin gesprochen.

Hanna Järver, 22 Jahre, hat ein Interview lang schüchtern und bescheiden gelächelt. Dann plötzlich, als es um bisherige Berichte und Interviews geht, in denen gerne das Bild der nächsten jungen, traurig-verträumten Skandinavierin gezeichnet wird, welche hoch und fragil tagebuchartig von Intimitäten singt, in denen Hanna Järver als Exemplar einer spezifischen Gattung mädchenhafter Künstlerin behandelt wird, kneift sie die Augen ernst zusammen (klopft sie vielleicht auch auf den Tisch?) und erwidert bestimmt: »Wenn überhaupt, dann repräsentiere ich einen neuen Typus von Künstlerinnen, die ihre Musik in kompletter Eigenregie produzieren.« Und tatsächlich, ganz unabhängig davon, was Hanna Järver für Musik macht, das Wie ist etwas gar nicht so selbstverständliches.

Man erinnere sich: Rund 15 Jahre ist es her, da erreichte mit der digitalen Evolution auch die Soundbastelei eine neue Stufe.  Mit Software wie Fruity Loops (heute FL Studio) oder Logic waren plötzlich technisch die Möglichkeiten da, über ein bloßes elektronisches Gefrickel hinaus, hochwertige Musik in kompletter Eigenproduktion herzustellen. Level-up, sozusagen. Und spätestens mit dem Erfolg von Künstlern wie Alexis Taylor oder James Murphy war klar: Laptop und Synthie reichen, um bequem von zu Hause erfolgreich Popmusik zu machen. Der digitale Eremit und das Prinzip Geek gediehen zu mit zu den prägendsten und einflussreichsten popkulturellen Formaten der Nullerjahre. Daneben sprossen Streamingdienste, die plötzlich labelunabhängige Veröffentlichungen erlauben, social networks, die Marktingfunktionen übernehmen konnten, und Smartphones mit Full-HD- Kamera.

Hanna Järver ist im Dunstkreis dieser, vielleicht epochalen Paradigmenwechsel aufgewachsen und erklärt deshalb wie selbstverständlich, dass sie ihre Songs am Rechner konzipiert, wie sie ihre Videos auch ohne großes Budget selbst produziert und ihre Musik vermarktet. Und beinahe übersieht man dann eben, was sich hier gerade etabliert hat: der well-rounded artist.

Hanna Järver ist als jüngstes von drei Kindern in Stockholm aufgewachsen. Die Familie, selbst musikaffin, lässt sie früh Klavier- und Gesangsstunden nehmen, mit 14 Jahren beginnt sie zu der Musik ihres einige Jahre älteren Bruders Texte zu schreiben und singt diese bald mit ihm auf der Bühne. Es folgen erste eigene Bandprojekte, hauptsächlich elektronische Musik, für welche Hanna textet und singt, aber auch große Teile von Komposition und Produktion übernimmt. Doch Järver merkt, dass das klassische Konzept Band für sie nicht richtig funktioniert. »Es war einfach schwer, immer auf jeden Rücksicht zu nehmen und Kompromisse schließen zu müssen.« Was folgt, ist eine emanzipatorische Phase, nicht nur von der gewohnten Umgebung, vor allem auch von dem Prinzip Bandmusik.

Zusammen mit ihrem Freund zieht sie sich für ein Vierteljahr nach Budapest zurück mit dem Entschluss, sich dort ausschließlich der Musik zu widmen. »Die meiste Zeit saß ich allein meinem Zimmer und arbeitete an eigenen Tracks.« Beim Schreiben wechselt sie die Sprache und singt von nun an nicht mehr auf Englisch, sondern auf Schwedisch. »Ich verarbeitete eigene Gedichte und Tagbucheinträge weiter. Im Schwedischen war es mir eher möglich, mich präzise auszudrücken.« Nach drei Monaten in Budapest veröffentlicht Hanna Järver ihren ersten Track und geht zurück nach Stockholm. Die Resonanz ihrer Freunde, auch auf den Sprachwechsel, ist gut: »man sagte mir, ich hätte in den Texten eine eigene Sprache entwickelt.« Järver schickt ihre Tracks an Promoter und bekommt erste Auftritte in Stockholm. Sie stellt Videos auf Youtube, Tracks inklusive Remix auf Spotify, die Maschine läuft an.

Um diese Professonalität und Selbstverständlichkeit zu verstehen, die heute eine 22-Jährige an den Tag legen kann, ist es nicht uninteressant, die institutionellen Entwicklungen der Musikbranche der letzten Jahre zu betrachten. Vor etwa einer Dekade ruft die, eigentlich für den Bereich der klassischen Musik renommierte Königliche Musikhochschule Stockholm (KMH) ein neuen Studiengang aus: Musik- und Medienproduktion. Ähnliche Programme entstehen zeitgleich an den sich in Deutschland und weltweit neuformierenden oder sich reformierenden Popakademien.

Dahinter steht ein ganzheitlicher Ansatz, nach welchem den Studierenden nicht mehr nur Fähigkeiten in der Musikproduktion vermittelt werden sollen, sondern darüber hinaus auch das Videoproducing, das Kreieren des eigenen Webauftrittes, Marketing- und Promotionskills eine ebenbürtige Rolle innerhalb der Ausbildung spielen. In gewisser Weise handelt es sich also um eine Professionalisierung des Frühe-Nullerjahre-Digital-Eremitentums, ergänzt um die entsprechenden Multi- und Socialmediaskills. Neben dem spezialisierten Berufsmusiker wird versucht, eine Art Berufskünstlerin zu institutionalisieren. Eine davon ist Hanna Järver.

Zurück in Stockholm beginnt sie ihr Studium an der KMH. »Während des Semesters produziere ich etwa einen Song pro Woche.« Diese Erfahrung spiegeln ihre Tracks: sie sind extrem professionell komponiert mit sehr raffiniertem Sampling und von extremer technischer Routine. Hanna Järver macht elektronische Popmusik, die kontrapunktisch die Pole von natürlichen und digitalen Sounds sehr geschickt in Beziehung setzt. Darüber transportiert ihre klare, mädchenhafte Stimme skandinavische Melancholie, die einen vor allem eines vergessen lässt: dass es sich hier um ein komplettes Soloprojekt handelt. Kein Produzent, keine Contributers, alles Järver. Dementsprechend stolz und selbstbewusst sagt sie, dass sie auch in Zukunft nicht mit Produzenten zusammenarbeiten will.

Nun ließe sich sicherlich über Folgen und Möglichkeiten und Unmöglichkeiten dieser Entwicklungstendenzen spekulieren. Doch dann ist da eben noch diese andere Hanna Järver, die ein Interview lang schüchtern und bescheiden gelächelt hat und die ausweicht und unsicher wird, wenn man auf den Inhalt ihrer Texte zu sprechen kommt. Sehr persönliche Erinnerungen seien es hauptsächlich und die Songs wie Tatoos und um Beziehungen ginge es und ja, sehr nostalgisch sei sie und mehr möchte sie auch gar nicht sagen. Und plötzlich ist das Wie auch wieder ganz uninteressant und es zeigt sich in erster Linie eine junge, suchende Musikerin, ein bisschen traurig und verträumt und mit leichtem skandinavisches Akzent. Well rounded hin oder her.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.