„Das Internet tötet die Menschen“ / Rico Nasty im Interview

Rico Nasty / Foto: Mario Kristian

Wenn man dich so reden hört, könnte man meinen, eine ältere Frau vor sich zu haben.
Und das obwohl ich die Generation Internet bin. Ich bin praktisch das Produkt des Internets. Eigentlich müsste doch gerade meine Generation die deprimierteste sein. Alle um einen herum sehen perfekt aus. Seit wann ist es okay, im Internet ein völlig anderer Mensch zu sein?

Wenn du Social Media so sehr hasst, warum benutzt du es dann?
Wie soll man die Menschen denn heute sonst erreichen? Im Grunde ist mir das Internet scheißegal. Klar, das war nicht immer so. Steigt die Zahl der Follower, macht das süchtig. Du brauchst es förmlich, Hasskommentare über dich zu lesen. Du denkst dir dann: „Bitch, I’m famous. Haters gonna hate.“ (lacht) Und dann kommt der Tag, an dem du eh schon down bist. Du fühlst dich hässlich, deine Haare sehen ätzend aus, dein Nagel ist abgebrochen. Und dann gehst du online. Und die Menschen schreiben über dich, als hättest du sie angespuckt. Seit sechs Monaten, seit ich auf Tour bin, denke ich mir, all die Negativität loswerden zu müssen. Ich brauche Reinigung! Erst dachte ich, es würde reichen, mit dem Rauchen aufzuhören und mich gesund zu ernähren. Aber weißt du, was wirklich geholfen hat? Offline zu gehen! Ich bin so viel glücklicher, seit ich die Zeit mit meinen Freunden genieße und nicht ständig posiere, mit dem Handy in der Hand.

„You’ll never gonna stop me, bitch.“

Denkst du, als Frau ist das schwieriger? Sich von der Aufmerksamkeit des Internets zu distanzieren?
Der Mensch ist von Natur aus verletzlich, aber für Frauen ist es sicher schlimmer, so wie immer. Du kannst nicht mal ein Foto von dir im Badeanzug machen, ohne dass dich jemand „Schlampe“ nennt. Und wunderschöne, natürliche Frauen, die Dehnungsstreifen haben, verhüllen sich lieber, als Po oder Brüste zu zeigen – nur weil die anderen scheinbar makellöse Körper haben. Aber genau das ist, was uns Frauen stark macht. Dieselbe Scheiße passiert uns seit Anbeginn der Zeit, immer wieder. Wenn wir Frauen uns zusammentun würden, wir würden die Welt regieren! Oder sie in den Abgrund reißen! Je nachdem, worauf wir gerade Bock haben. No Pussy for you, man! No Babys! Der Mensch würde aufhören, zu existieren. Männer sind zu sowas nicht fähig, deshalb wollen sie uns auch so klein halten, wie etwa ein Donald Trump.

Frauen sollen klein gehalten und gleichgeschaltet werden…
Schönheit ist zum Trend geworden. Früher war die Person am schönsten, die herausgestochen ist, die anders und ungewöhnlich aussah. Heute müssen alle gleich aussehen, um als attraktiv wahrgenommen zu werden. Wie eine…

Kylie Jenner?
Ja, genau wie Kylie! I love that bitch! Sie ist so schön. Und genau deshalb regen sich viele über sie auf. Ey, wenn du Kohle hast und dich scheiße fühlst, mit deiner Nase, deinem Körper, go for it! Lass dich operieren! Was ist schon dabei? Warum soll sie ein schlechter Mensch sein, nur weil sie ändert, was sie hasst und traurig macht? Wenn du nach Los Angeles gehst, siehst du nur Mädchen, die genauso aussehen wie die Kardashians. Du denkst dir: „Wow, sie sind alle so schön“ – nein! Kim und Kiley sind schön. Du dagegen siehst traurig aus. Die Kopie von jemandem sein zu wollen, das ist doch ein Hilferuf. Sie wollen geliebt werden.

Bedenkt man dein noch so junges Alter und was du bereits alles hinter dir hast, fragt man sich schon, woraus du dein Selbstbewusstsein ziehst.
Als ich mit 18 Jahren schwanger wurde, war ich Public Enemy Nr. 1. Eine Teenage Mum, die erste auf meiner Schule. Aber meine Mutter hat immer zu mir gesagt: „Haters hassen es, dich glücklich zu sehen.“ Also habe ich mich von all den fiesen Kommentaren nicht auffressen lassen, sondern habe versucht, drüber zu stehen. Besonders für meinen Sohn. Aber es hört nicht auf. Erst Anfang dieses Jahres habe ich so viel Scheiße abbekommen. Ich musste ein komplett neues Team aufstellen, weil mein altes plötzlich nicht mehr mit mir arbeiten wollte. Ich musste plötzlich meine eigenen Haare machen. Und das in einer Zeit, in der ich ständig gebucht wurde. Auch mein Videoregisseur wollte mit allen anderen drehen, nur nicht mit mir… Irgendwann haben sie sich entschuldigt. Aber ganz ehrlich: Fuck off! Das soll doch nur dir helfen und nicht mir! Alle wollen mich aufhalten, ständig. Doch das einzige, was mich aufhalten kann, ist, wenn ich meine Stimme verliere. You’ll never gonna stop me, bitch.

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