„Das Internet tötet die Menschen“ / Rico Nasty im Interview

Rico Nasty / Foto: Mario Kristian

Landet die in New York lebende Rico Nasty in Berlin, bedeutet das, Foto- und Videoshootings im Stundentakt, Interviews alle 20 Minuten und zwischendurch mal ein Stück Pizza. Trotz dieses strikten Zeitplans brachte unsere Autorin die 21-jährige Rapperin und Produzentin dazu, beinah doppelt so lang zu sprechen. Aus einem einfachen Grund: Nasty, die auf eben diese Möglichkeit nur zu warten schien, konnte sich lustvoll und lautstark über ihr absolutes Antithema echauffieren – das Internet.

Vor der Lektüre des Interviews sei eines vorangestellt: Das Gespräch entwickelte sich schnell zum Monolog, der auch so manch eine kritische Nachfrage nicht zuließ. Selbst Manager/Boyfriend Malik Foxx konnte Nasty nicht stoppen und übte sich deswegen lieber im Karikaturen zeichnen. Macht aber eigentlich auch nichts, denn Rico Nasty ist wie ihr Look: bunt, schrill, ein wenig durchgeknallt und vor allem hat sie viel zu erzählen.

Rico Nasty, zunächst etwas ganz aktuelles: Was hat es denn mit deinen Instagram-Stories von heute früh auf sich, in denen du Leuten sagst…
to fuck off? Dazu vorweg, zwei Dinge hat mir die Musikbranche klargemacht: Erstens, dass heutzutage nichts mehr neu ist. Und zweitens, dass Menschen dich fertig machen wollen. Egal, an welchem Ort, egal, wie schön der Ort ist. Menschen bleiben Menschen. Als Influencerin bekomme ich ständig Sachen zugeschickt, Klamotten, Make-up, alles mögliche. Wieder andere schreiben mich direkt an mit der Bitte, dies und das nachzumachen. Und wenn ich dann ein Foto dazu hochlade, wollen sie die Credits – und zwar sofort! Ist das nach 30 Sekunden noch nicht passiert, flippen sie aus und beleidigen mich. Und genau um sowas ging es heute morgen: Wir, mein Team und ich, haben einen Style kreiert und sofort hat jemand behauptet, ich hätte den von ihr geklaut! Bitch, versteh doch einfach, dass man sich von anderen inspirieren lässt! Deal with it! Das heißt nicht, dass ich klaue!

Ist das nicht ohnehin ein ständiges Problem mit Musik und Kunst im Allgemeinen? Dass nichts wirklich gänzlich neu ist und man zwangsläufig bei schon Dagewesenem beginnen muss
Genau das können sie nicht verstehen. Sie denken, wir Influencer_innen sind alle sheisty motherfuckers, die behaupten, etwas erfunden zu haben, nur weil wir es umgedeutet haben. Hat jemand von euch mal Focus gesehen? Den Film mit Will Smith? Im Grunde geht’s darum: Siehst du jeden Tag das Gleiche, zum Beispiel den Buchstaben A, und gehst dann zu H&M und siehst ein Shirt mit ‘nem A drauf, dann willst du dieses fucking Shirt haben! Soll was zum Trend werden, muss es kopiert werden! Aber das wahre Problem ist das Internet. Es ist giftig. Es macht, dass sich Leute unbedeutend fühlen und das wiederum macht sie missgünstig. Sie kommen nicht damit klar, dass andere mit ihrer Individualität Erfolg haben, sie selbst aber nicht. Vor dem Internet konnte ich ignorieren, wenn sich andere über mich das Maul zerrissen haben. Und das haben sie schon immer.

„Soll was zum Trend werden, muss es kopiert werden!“

Worum dreht sich denn der Großteil dieser Kritiken?
Oft wird behauptet, ich sei unkreativ. Wow wow … nach allem, was ich für sie getan habe! Ich reiße mir den Arsch auf! Jeden Tag! Ich packe meine echten Gedanken in meine Songs! Und weil mein Make-up, das ich sowieso abends wieder abwasche, dem einer anderen Person ähnlich sieht, kommen solche Arschlöcher um die Ecke! What the fuck! Ich sag’s dir: Das Internet tötet die Menschen.

Aber gleichzeitig hast du ja eine so große Fanbase gerade wegen des Internets.
Ja, aber wegen YouTube. Als ich mit meinen Videos angefangen habe, hatte ich 1.500 Follower. Heute klingt das nach gar nichts. Hey, ich weiß nicht mal, wie das alles funktioniert mit dem scheiß Social Media. YouTube ist da ganz anders als beispielsweise Instagram. Bei dem einen gibt es Accounts, denen man aktiv folgt, bei dem anderen gibt es Freunde oder Feinde, nichts dazwischen.

Das ist ja ein ziemlich apokalyptisches Bild, das du da zeichnest.
Naja, schon irgendwie. Ich meine, ich weiß, dass die Welt enden wird – und das ganz bald. Aber das ist doch gleichzeitig auch echt spannend. Vor allem die Phase der Postapokalypse. Was machen die wenigen, die überleben? Werden sie einen anderen Planeten besiedeln? Oder wird die Spezies Mensch von einer noch unbekannten vollständig ausgelöscht? Wenn ich meinen Bekannten von diesen Gedanken erzähle, machen sie sich immer Sorgen um mich und finden mich weird. (lacht) Dabei spiegeln sie sich doch schon in meinen Styles wider. Ich will postapokalyptisch aussehen. Wie ein sexy Zombie oder ein cool ass kid. Eine Mischung aus Tactical Gear und Minirock.

Kann der Mensch überhaupt etwas tun, um die Apokalypse aufzuhalten?
Raus gehen! Wie früher, als die Menschen ihr eigenes Essen angebaut haben. Klar, ein paar machen das auch heute noch, aber es ist nicht cool. Der Shit sollte wieder cool werden! Ich sollte ‘ne Farm kaufen, bevor es zu spät ist. Und dann kann ich guten Gewissens sagen, einen, wenn auch kleinen Teil wiedergegeben zu haben. Denn alles, was du im Internet geben kannst, ist ein Retweet. For love, for prayer. Und versagen, das sollte man auch. Egal, was die Eltern einem versuchen einzutrichtern. If you don’t fail in shit, then you are fucking weird. Du kannst nichts aus den Fehlern anderer lernen. Wenn sich jemand selbst die Kugel gibt, dann kannst du nicht wissen, wie sich die Person gefühlt hat. Bitch, schieß dir selbst in den Fuß, dann kannst du es vielleicht erahnen!

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