Das hat nichts mit Radio zu tun

Der Hessische Rundfunk (HR) stellt zum Jahresende Klaus Walters »Der Ball ist rund« ein. Die Leser der Spex wählten die Sendung über viele Jahre hinweg in den Jahrespolls zur besten Radiosendung. Die Initiative »Der Ball muss rollen« setzt sich für ihren Erhalt ein und hat für eine entsprechende Petition an den HR in eineinhalb Wochen rund 2200 Unterschriften gesammelt. Stephan Loichinger traf Klaus Walter in Frankfurt zum Interview über die Absetzung von »Der Ball ist rund«, den Stand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Alternativen im Internet.


Klaus Walter ByteFM

Klaus Walter, Jahrgang 1955, moderiert seit 1984 für den Hessischen Rundfunk die Sendung »Der Ball ist rund«, seit Anfang 2008 gestaltet er für den Hamburger Online-Radiosender ByteFM verschiedene Programme und ist des Weiteren als Autor für Jungle World, taz und Spex tätig.

(Foto: © Ralf Barthelmes / ByteFM)

Die Absetzung von »Der Ball ist rund« ist beschlossene Sache. Klaus, du hast die Sendung 24 Jahre lang gemacht. Wie fühlst du dich?
    Wie man sich eben fühlt, wenn man etwas so lange macht und einen gewissen Erfolg damit hat. Auf der Unterstützerseite schreiben viele, die Sendung habe ihre Jugend oder ihre musikalische Sozialisation geprägt. Das ist natürlich sehr schmeichelhaft für mich. Und es ist traurig, dass es jetzt zu Ende geht damit.

In eineinhalb Wochen haben rund 2200 Hörer die Petition an den HR unterschrieben.
    Diese Zahl muss man in Relation setzen zur Sendezeit, sonntagabends um elf, und zur Länge der Sendung mit einer Stunde pro Woche. Das ist schon eine gewaltige Sache. Es überrascht mich auch. Die Initiative »Rette Dein Radio!« brachte vor einigen Jahren gegen die Einstellung des Musikformats »Schwarz-Weiss« und der Hintergrundsendung »Der Tag« um die sechstauschend Unterschriften zusammen – die Sendungen hatten eine viel günstigere und wesentlich längere Sendezeit.

Verstehst du die Begründung des HR zur Einstellung deiner Sendung?

    hr3, die Popwelle des Hessischen Rundfunks, solle sich »auf die Mitte und den Mainstream fokussieren«. Das ist aus Sicht der hr3-Leitung sogar ein wenig zu verstehen. Was ich weniger verstehen kann, ist, warum ein öffentlich-rechtliches Haus mit sechs Wellen nirgendwo mehr Platz hat für musikjournalistische Sendungen. Das sind 1008 Stunden Programm in der Woche. Ohne »Der Ball ist rund« und Volker Rebells Sendung »hr3-Rebell« gibt es im HR-Radio keine Sendung mehr, die sich mit aktueller Popkultur beschäftigt. Nicht mal mehr eine Stunde.


Der frühere Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm, bis 2007 im Verwaltungsrat des ZDF, sagte im Spiegel-Interview: »Wir brauchen Inseln des Nicht-Kommerziellen, wie sie der öffentlich-rechtliche Rundfunk darstellt.« Im Gegensatz dazu hätten Privatsender »gewisse Vielfaltsrestriktionen«. Wer soll Angebote für ein kleineres Publikum machen, wenn nicht die Öffentlich-Rechtlichen?
    Eben. Der Bayerische Rundfunk ist da vorbildlich. Auf Bayern 2 bildet der »Zündfunk« seit Jahrzehnten Popkultur in allen möglichen Facetten ab. Die senden täglich und gut zwanzig Stunden pro Woche. Der »Zündfunk« ist in Bayern ein Faktor, die Hörer wachsen damit auf. Beim WDR kommt Popkultur vor, beim NDR und bei Radio Eins in Berlin auch.

Kommt der HR dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag noch nach?

    Wenn man Popkultur als lebendigen Teil der Kultur sieht, und das sehen die meisten Redaktionen so, gehört es zum Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Hauses, darüber ausführlich zu berichten.

Als »Der Ball ist rund« 1984 auf Sendung ging, kamen viele Hörer mit Musik in Berührung, die sie sonst nirgendwo fanden. Heutzutage findet man alles im Internet.
    Stimmt, diese missionarische Funktion hat Radio heute nicht mehr. Es ist aber etwas anderes, ob ich mir bei MySpace und YouTube etwas zusammensuche oder ob ich eine individuell gestaltete und journalistisch aufbereitete Sendung höre, die auch Zusammenhänge herstellt und hinter der eine Persönlichkeit steht. Das ist die Stärke des Radios gegenüber Angeboten wie Last.fm, das ein Instrument zum Geschmacks-Scan ist und für mich nichts mit Radio zu tun hat.

Weil man nicht vom Wissen eines Experten profitiert?
    Oder auch mal überrascht wird und etwas hört, was man nicht kennt oder erst nicht mag und dann anfängt zu mögen. Das ist für mich Radio.

ByteFM

Seit Januar 2008 sendet das von Ruben Jonas Schnell gegründete Online-Radio ByteFM aus Hamburg. Das tägliche Vollprogramm bietet neben aktueller alternativer und Popmusik zahlreiche von Musikjournalisten, Konzertveranstaltern, DJs und Musikern gestaltete Sendungen.

Neben dem »Spex-Mixtape« gestalten auch die Spex-Autoren Tobias Rapp, Christoph Twickel, Tino Hanekamp und Dennis Kastrup das ByteFM-Programm.

Nun gibt es seit Anfang des Jahres mit ByteFM ein musikjournalistisches Radiovollprogramm im Internet, zu dem du regelmäßig Sendungen beisteuerst.
    Ich habe große Hoffnungen, dass ByteFM die Lücke zu schließen vermag, die das öffentlich-rechtliche Radio hinterlässt. Es gibt daran noch viel zu verbessern, doch man muss bedenken, mit welcher Man- und Womanpower und vor allem mit wie wenig Geld dieses Radio gemacht wird. Es ist ein sehr gutes und entwicklungsfähiges Programm. Immer mehr Leute aus der Musikszene machen mit, Frank Spilker etwa, auch die »Spex« neuerdings. ByteFM kann eine Plattform zum Austausch sein. Da hört man eine Stunde »Spex«, eine Stunde »Intro«, eine Stunde »De:Bug«. Deren Redaktionen hätten eine Plattform, um ihre Inhalte zu transportieren. Es ist halt eine Frage von Geld und von … Geld … und von Geld und … von Geld.

Hört sich an wie eine Deutschland AG des Musikjournalismus.
    Der Vorteil wäre, dass man, worüber in den Zeitschriften berichtet wird, auch hört.

Die meisten Sendungen auf ByteFM sind stark vom jeweiligen Autor geprägt.
    Ja, viele Sendungen haben einen sehr speziellen Schwerpunkt. DM Bob zum Beispiel find ich super, der Flohmarkt-Singles aus Memphis oder New Orleans spielt. Man merkt, der liebt dieses Zeug. Das hat totalen Charme. So etwas gibt es nirgendwo mehr.

Was fehlt?
    Mehr Content auf der Homepage und mehr Verlinkungen mit anderen Seiten. Das ist ja ein Riesenvorteil von Internetradio. Und die Aktualität fehlt. Wir wollen ein tägliches Magazin machen, ähnlich dem Tourkalender, nur ausführlicher. Dann könnten wir sofort reagieren, wenn Miriam Makeba stirbt oder Neil Young den Streik der Bühnenarbeiter unterstützt. Und Musiker für längere Gespräche in die Sendung holen. Wenn ich bei »Was ist Musik« drei Stunden mit Ted Gaier und Mense Reents über die Goldenen Zitronen rede oder mit Jon Savage über sein Buch »Teenage«, ist das Luxus. Das kann man mal ein Jahr lang für null Geld machen, dann stößt man an seine Grenzen.

Woher könnte Geld kommen?
    ByteFM-Gründer Ruben Jonas Schnell bemüht sich intensiv darum, Geldquellen zu erschließen. Es gibt auch Agenturen, die interessiert sind, weil sie sehen: Da ist etwas Neues und es wird professionell gemacht.

Du bringst gern eine Kooperation mit der ARD ins Spiel.
    Die bringe nicht ich ins Spiel, sondern wir werden immer wieder danach gefragt. Die Leute sehen, dass bei ByteFM viele ARD-Mitarbeiter unentgeltlich ein Programm machen. Da liegt es doch nahe zu fragen: Warum kooperiert die ARD nicht mit ByteFM für ihr eigenes Internetradio? 

Ist das eine reelle Option? Gab es Gespräche?
    Nein. Zunächst stünden juristische Probleme im Weg, welche Inhalte die ARD finanziert durch die Rundfunkgebühren ins Netz stellen darf. Aber das Karlsruher Urteil dazu ist gar nicht so schlecht. Ich glaube, sollte eine Kooperation seitens der ARD gewollt sein, wäre sie auch durchsetzbar. Allerdings scheinen manche ARD-Leute in ByteFM eine Konkurrenz zu sehen und nicht einen potenziellen Partner. Man könnte sich ja mal an einen Tisch setzen und über eine Kooperation reden.

Vielleicht fürchtet die ARD, dass man eine Kooperation als Eingeständnis lesen könnte, dass es dort bestimmte Formate nicht mehr gibt, obwohl sie gewollt sind.
    Der Erfolg von ByteFM und die große Resonanz in den Medien, bei den Hörern und auf der Seite der Unterstützerinitiative für »Der Ball ist rund« zeigen doch, dass es ein lebendiges Bedürfnis gibt. Gerade nach einer ganzen Welle, die sich rund um die Uhr mit Popkultur beschäftigt, und nicht bloß nach einer Sendung sonntagabends um elf.





Die von Klaus Walter moderierte und gestaltete Sendung »Der Ball ist rund« wird zum Jahreseende eingestellt. Auf der Webseite »Der Ball muss rollen« kann man mit einer Petition für den Erhalt von »Der Ball ist rund« protestieren. Auch der niedersächsische, nichtkommerzielle Regionalsender Radio Flora steht nach einem Lizenzentzug der Landesmedienanstalt Niedersachsen zum 31. März 2009 vor dem Aus – weitere Informationen finden sich auf der Webseite von Radio Flora.

    Klaus Walter gestaltet für den Online-Radiosender ByteFM die Sendungen »Was ist Musik«, »Neuland«, »Freispiel« sowie »ByteFM Mixtape«. Seit dem 28. Oktober stellt die Spex-Redaktion jeweils am letzten Dienstag des Monats von Mitternacht an die »Zwanzig besonderen Songs« der Ausgabe im »Spex-Mixtape« vor – die nächste Sendung läuft in der Nacht vom 25. auf den 26. November 2008.

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