Das Halbe ist voll: Die Top Zehn der SPEX-Redaktion zur Jahresmitte 2015

Holly Herndon

Es ist Bergfest. Und die SPEX-Redaktion feiert die ersten zehn Album-Favoriten des Halbjahres 2015.

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#1 Holly HerndonPlatform

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Klaus Walter in SPEX N° 361:
»Gefühle, die man etwa bei einem Trennungsgespräch über Skype hat, sollten meiner Meinung nach in der Musik nicht mit denselben Affekten transportiert werden, wie sie vielleicht zu einer Milchshake-Bar in den Fünfzigerjahren passen würden.« Das ist einer von vielen klugen Sätzen, die derzeit von Holly Herndon kursieren, hier aus einem Interview, das Tim Caspar Boehme mit ihr für die taz führte. Streckenweise triggert Herndons Album Platform (4AD) bei mir den Wunsch, zu wissen, welche Gefühle man bei einem Trennungsgespräch über Skype hat und wie sie sich zu einem Trennungsgespräch in einer Milchshake-Bar der Fünfziger verhalten würden. (…) Die Verunsicherung des segmentierten und fragmentierten Subjekts spricht aus der Musik von Holly Herndon.

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#2 Kendrick LamarTo Pimp A Butterfly

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Daniel Gerhardt auf spex.de:
To Pimp A Butterfly mischt die Medizin nicht mehr mit Zuckerstückchen. Die am sehnlichsten erwartete Rap-Platte des Jahres (Kanye hin, Drake her) überrascht und verwirrt zunächst mal mit der Tatsache, dass sie irgendwie auch eine Jazz-Platte ist. Oder, genauer gesagt: das, was man sich heute bei Brainfeeder und Stones Throw unter Jazz vorstellt. Die beiden kalifornischen Labels veröffentlichen seit Jahren einen erheblichen Teil der wichtigsten Leftfield-HipHop-Platten Amerikas. Für Brainfeeder könnte To Pimp A Butterfly nun zum großen Crossover-Moment werden.

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#3 D’Angelo And The VanguardBlack Messiah

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Diedrich Diederichsen in SPEX N° 359:
Alle haben recht. Man muss ausnahmsweise wirklich allen Vorrednern zustimmen, die dieses Werk bereits gelobt haben. Alles, was alle über Black Messiah behaupten, ist das Album auch wirklich.

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#4 AlgiersAlgiers

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Dennis Pohl in SPEX N° 361:
Hat nicht neulich jemand Musik mit Haltung verlangt? Hier ist sie. Algiers sind die Totenmesse einer kulturellen Hegemonie, die soeben ihren Bankrott erklärt hat.


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#5 Sufjan StevensCarrie & Lowell

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Daniel Gerhardt in SPEX N° 360:
Carrie & Lowell ist Folk mit Ambient-Outros, die einen von Song zu Song tragen. Es ist aber kein Ambient-Folk und auch nicht die Rückkehr zu Stevens’ Folk-Wurzeln, von der vorab die Rede war. Nie zuvor war er flinker und flexibler auf dem Gitarrengriffbrett. Immer wieder gelingt es ihm, seine komplexen Pickings so hinzubiegen, dass Menschen mit Plektrensammlung im Portemonnaie und Freunde ewig gültiger Melodien sie gleichermaßen geil finden können. Wo Stevens früher als tapferer Dilettant durch den eigenhändig ausgehobenen Orchestergraben taumelte, strahlt er nun Konzentration und Können aus. Nein ehrlich: Sieht man über den Schönheitsfehler einiger in sich ruhender Klavierstücke hinweg, ist Carrie & Lowell das Sufjan-Stevens-Album für Gitarre-&-Bass-Leser.

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#6 Circuit Des YeuxIn Plain Speech

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Jennifer Beck auf spex.de:
»Fantasize The Scene« ist ein leiser Schrei, es ist das Schlüsselstück eines Albums, das schon dem Titel nach uneingeschränkte Aufmerksamkeit fordert. Seine Macherin Haley Fohr alias Circuit Des Yeux hat wahrscheinlich eher Gitarre als mit Freunden gespielt. Bislang war sie allein auf Tour, hat allein komponiert, ihren Acid-Folk allein aufgenommen – und sich dabei nie einsam gefühlt. Bis zu diesem Auftritt beim Hopscotch Festival im Herbst des vergangenen Jahres, der sie feststellen ließ, dass sie allein nicht mehr genug ist. In Plain Speech ist Fohrs Abkehr vom Eremitinnentum. Und es ist ihr mit Abstand größtes Album: experimentell, wütend, stark geht es unverdünnt ins Blut – unmöglich zu überhören.

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#7 BjörkVulnicura

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Arno Raffeiner auf spex.de:
Vom Davor und vom Danach erzählt Vulnicura, es ist die Übererfüllung eines beliebten Popstandards: des Break-up-Albums, Björks Langversion von »Heartbreak Hotel« könnte man sagen (wenn man es mit richtig trollhaft gerolltem R ausspricht). Bei ihr klingt die Paradedisziplin zum dritten Mal frisch geschiedener Songschreiber und Bekenntnislyriker so, als würde eine der zwei Ehebettparteien am nächsten Morgen am Frühstückstisch fragen: Hast du das Ei auch wirklich viereinhalb Minuten lang gekocht? Und: Können wir nicht mal in Ruhe darüber sprechen? Wie zwei erwachsene Menschen? Es klingt also wie etwas, das einen gerade durch die eingeforderte Sachlichkeit komplett zur Raserei bringt.

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#8 Jenny HvalApocalypse, Girl

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Kristoffer Cornils in SPEX N° 361:
Apocalypse, Girl ist Hvals drittes und radikalstes Album. Einerseits in musikalischer Hinsicht. Zwar macht die Norwegerin immer noch Popmusik und schreibt umwerfend großartige Melodien, sie hat aber selten mehr Noise-Elemente verwendet. Produziert hat das Album Lasse Marhaug – ein Noisenik, der zwischen Free Jazz und Death Metal keinen großen Unterschied sieht. »Es ist mit Sicherheit das poppigste Album, an dem er je beteiligt war«, sagt Hval lachend. Nicht, dass die zehn Stücke auf Apocalypse, Girl poppig im gängigen Sinne wären. Als sie noch als Rockttothesky veröffentlichte, war die Hauptreferenz süßliche, abgründige Folk-Musik, im Laufe der Zeit erweiterte sich die Palette jedoch. Es wurde rockiger, es wurde elektronischer, es gab mehr Cut-up-Vocals und Geschrei zu hören. Bei Hval dröhnt und kracht, knistert und rauscht es seit Jahren, Apocalypse, Girl ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

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#9 Sleater-KinneyNo Cities To Love

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Daniel Gerhardt in SPEX N° 358:
Mit No Cities To Love befinden sich Sleater-Kinney auf der sicheren Seite. Ihren Songs über die Verhältnisse fügen sie mit der Platte zehn neue hinzu, die sich vor allem um die Beziehung der Band zu sich selbst drehen. Die Pause hat Sleater-Kinney erlaubt, eine karriereübergreifende Platte zu machen, keine, die lediglich auf ihren direkten Vorgänger reagiert. So klingt No Cities To Love zwar wie das kurz vor zu fett produzierte The Woods, fühlt sich mit seinen kurz und kompakt gehaltenen Songs aber eher an wie eine der frühen Platten von Sleater-Kinney. Jeder Part wurde auf absolute Unverzichtbarkeit überprüft, den fertig zusammengekürzten Stücken liegen meist längere Versionen zugrunde. Das Themenspektrum hat sich nicht verändert, die Angriffslust auch nicht. »Wir wollten weder Exzess noch Atempausen«, sagt Weiss, und das ist dann das.

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#10 Viet CongViet Cong

viet cong

Hendrick Otremba in SPEX N° 358:
Alleinstellungsmerkmal von Viet Cong ist eine Symbiose aus mehrstimmigen, wohlklingenden Gesängen und Dissonanzen mit spröden, rauen Elementen, aus denen sich erstaunliche Eingängigkeit entwickelt. Das Debüt der Band klingt dabei reif und ausgefeilt.

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