Das Gesetz der Serie

Die neue Spex #326 ist ab dem 16. April am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.


Das nachgekochte Plattencover von Massive Attacks »Collected«
Foto: © Anne Waak / Spex

 

Liebe Leserinnern und Leser,

    sie zu finden ist gar nicht schwer. Einfach ins Internet gehen, ›Facebook‹ in die Tasten hacken, nach ›Spex Magazin‹ suchen, ›Fan werden‹ anklicken, ›Likes this‹ gleich hinterher, und schon steht man in der virtuellen Spex-Kantine, in der jeden Tag etwas anderes auf den Tisch kommt. Neulich zum Beispiel kochten wir das »Collected«-Schallplattencover von Massive Attack nach: französische Artischocken. (Rezept: Salzwasser zum Kochen bringen, Artischocken rein, nach zwanzig Minuten Artischocken wieder raus.) Das ist der Rede wert, weil wir seit der Punktlandung der Journalismusstudentin und neuen Autorin Anne Waak in der Spex-Redaktion (vgl. MitarbeiterInnen der Ausgabe) jedes Mittagsmahl, das die Küche verlässt, fotografieren und kommentiert von Walter W. Wacht durch Facebook und Twitter blasen – eine spätere Buchveröffentlichung nicht ausgeschlossen. Und das ist auch der Rede wert, weil beim gemeinsamen Essen das Gespräch nicht selten auf die Regelmäßigkeit zufälliger Querverweise kommt, die verlässlich die Spex-Heftinhalte miteinander verlinken.

Massive Attack Collected    Denn darüber kann man stundenlang diskutieren: Wie kommt es, dass Themen in der Luft hängen, man sie gewissermaßen nur noch pflücken muss? Oberflächlich betrachtet ist das 20-jährige Jubiläum von »Twin Peaks« der Anlass, um unser großes, von Wibke Wetzker konzipiertes TV-Serien-Special mit David Lynchs legendärem Prototyp der Meta-Serie zu eröffnen. Unter der Oberfläche aber geht es zur Sache. Denn was früher der Roman und danach das Popalbum war (oder noch immer ist?), scheint inzwischen für viele die TV-Serie zu sein: das popkulturelle Masterformat. Änderungen der Rezeptionsgewohnheiten, das ist ein Thema, das uns in Spex – meist in Bezug auf Popmusik – schon seit längerem beschäftigt. Dazu erkannte der Dichter und Künstler Ferdinand Kriwet schon im Jahr 1968: »Kunst ist Information. Damit eine Information zustande kommt, bedarf sie eines Informationsträgers. (…) In der Konkurrenzsituation zu den Massenmedien hat die Literatur nur dann eine Chance, wenn sie deren Eigentümlichkeiten produktiv verwendet, wenn sie spezielle Texte oder Kompositionen für das Fernsehen, für den Film, für die Schallplatte, für das Buch, für das Theater entwirft.« In dieser Spex-Ausgabe zeigt sich dann auch gleich am Beispiel »Twin Peaks«, wie das geht mit den unendlichen Fortschreibungen in anderen Formaten: Das Heft beginnt mit einem Kurzporträt des schwedischen Popduos jj, deren Musik wie ein Echo der »Twin Peaks«-Filmmusik von Angelo Badalamenti klingt. Und auch, dass der Dial-Künstler Isolée einen neuen Track »Black Lodge« nennt, nach der mystisch-extradimensionalen Hütte im Ghostwood Forest (vgl. Gerd Jansons »Direct Cuts«-Kolumne), unterstreicht letztlich, dass jede Generation ihre eigenen, neuen ›Folgen‹ zur großen Serie beisteuert.

    »Jede Kritik hat ihre Zeit, auch die Popkritik«, schreibt Thomas Hüben er über die beiden Autoren Helmut Salzinger und Harald Fricke, von denen vor kurzem zwei Reader mit herausragenden Texten zur Popkultur erschienen sind. Salzinger schrieb in den Sechzigern und Siebzigern, Fricke in den neunziger und nuller Jahren. Mittlerweile leben wir in den Zehnern: Mit dem Spex Pop Briefing versuchen wir seit drei Heften, eine neue, in unsere Zeit passende Form für die Popkritik zu etablieren. Mit jeder Ausgabe entdecken die beteiligten Autoren mehr Begeisterung an der Diskussion, sie scheuen sich nicht, kritisch und scharf zu formulieren. Wir freuen uns darüber, dass uns von Leserseite großes Lob sowie konstruktive Verbesserungsvorschläge erreichen, kurz: dass unsere Neuformatierung der alten Tante Schallplattenrezension auf so viel Interesse stößt.

    Überhaupt findet Musik nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist, auch und gerade in Zeiten von Facebook und iPad, Teil unserer aller Leben. Im Mai und Juni lädt die Redaktion wieder ein zu Spex-Live-Festivals, einmal im Berghain, Berlin, und einmal im Kölner Gloria im Rahmen der c/o Pop. In Berlin freuen wir uns am 12. Mai auf Künstler wie Robyn und High Places sowie auf DJ-Sets von u.a. Aeroplane, Efdemin, Annie und dem Mute-Gründer Daniel Miller. In Köln werden am 25. Juni Robyn, Caribou (vgl. Platte der Ausgabe in Spex #326) und Bonaparte auf der Bühne stehen. Der Vorverkauf läuft, wir empfehlen frühzeitiges Sichern von Karten. Kurzporträts aller Künstler und Informationen zum Online-Ticketing finden sich auf der eigens zu diesem Zweck eingerichteten Website spexlive.de.

    Max Dax

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