Das Gelände – Filmfeature zum Kinostart

Protest auf dem Gelände - Still aus der Dokumentation von Martin Gressmann

Wo einst Gestapo, SS und Reichsicherheitshauptamt ihren Sitz hatten, regierten später Christbaumspitzenklauer. Heute symbolisiert das Areal in Berlins Mitte die „Topographie des Terrors“. Martin Gressmann hat über drei Jahrzehnte hinweg ein Porträt dieses Un-Ortes gedreht.

Kein Archivfoto illustriert das Gelände um das alte Reichssicherheitshauptamt. Kein reenactment, keine Schwarzweißaufnahmen oder animierte Gebäuderekonstruktionen verdeutlichen das ungeheure Treiben des Gestapo-Apparats in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße). Denn nicht die NS-Geschichte, sondern der Umgang mit derselben steht im Mittelpunkt von Martin Gressmanns filmischer Topo-Biografie Das Gelände.

1985. Gressmann ist Mitte 20, als er beginnt, sich für den Nicht-Ort zwischen Martin-Gropius-Bau und Berliner Mauer zu interessieren. Über dem Abrissschutt Kreuzbergs wuchert dort vergessen im Dornröschenschlaf ein Dschungel, Ort für Christbaumspitzenklauer und ein dubioses Autodrom. Unter dem Schuttberg aber liegen die Ruinen der Schaltzentrale der Gestapo. Nicht nur für Gressmann, sondern für eine ganze Generation steht das Gelände symptomatisch für den laxen Umgang mit der NS-Tätervergangenheit.

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Über drei Jahrzehnte filmt Gressmann das bald „Topographie des Terrors“ getaufte Areal und dokumentiert dabei die mitunter bizarre Entwicklung vom Schuttberg hin zur Dokumentationsstätte. Es ist eine Geschichte voller Provisorien, Rückschläge und schlechter Kompromisse, deren ironischer Höhepunkt der Abriss des halbfertigen Entwurfs von Architekt Peter Zumthor ist. Neben dem Regisseur kommentieren diese Prozesse Kunsthistoriker, Politiker und Touristenführer aus dem Off. Visuell bleibt der einzige Protagonist das Gelände selbst. Vor dem Horizont wechselnder Moden sowie städtebaulicher und filmtechnischer Entwicklungen gelingt so ein sehr intimes Porträt des Ortes.

Martin Gressmanns Film stellt dabei keinen Anspruch auf lückenlose, historische Dokumentation. Seine Erzählweise ist persönlich, elliptisch, poetisch, also unhistorisch, dafür aber in genau jenem eigentlichen Maße geschichtlich, wie es reines Mahnmalkino nie sein kann. Ein sehr sehenswertes Ringen um das Erinnern.

Das Gelände
Deutschland 2014
Regie: Martin Gressmann

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in SPEX No. 371 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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