Vor der Eröffnung der Retrospektive im MoMA: Das Björk-Update

Es mag Zufall sein, dass die Eröffnung der Björk-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art auf den Internationalen Frauenkampftag fällt. Davon auszugehen ist nicht – ließ die Isländerin in den beinah vier Dekaden ihrer beispiellosen Karriere kaum etwas zufällig geschehen.

In den letzten Wochen gab es nach dem tatsächlich einzig unkontrollierten Ereignis in der jüngeren Björk-Geschichte – dem Leak ihres kommenden Albums Vulnicura und der darauf folgenden Über-Nacht-Veröffentlichung auf den Digitalplattformen – allerhand kalkuierten Wirbel um die Kunstfigur. Gerade hatte sie den lavaartigen Veröffentlichungsschwall um ihr als App veröffentlichtes Album Biophilia mit einer Live-Dokumentation im Oktober 2014 beendet, zirkulierten erste Meldungen zur konkreten Umsetzung ihrer ab 8. März im MoMA zu sehenden Retrospektive durch das Netz.

Von »Musik, Video, Performance, Experimentalfilm, Fashion, Design und Skulptur« war die Rede – kurz: einer quasi-allumfassenden, spartenübergreifenden Widmung an das Gesamtwerk Björks, deren legendäres Video zu »All Is Full Love« (1999) bereits Ausstellungsstück in der ständigen Sammlung des New Yorker Museums ist. Medial angefeuert wurde der Eröffnungs-Countdown mit einem Pitchfork-Interview, in dem die ehemalige Sugarcubes-Frontfrau sich unter anderem für die Gleichberechtigung der Geschlechter stark machte und Frauen dazu ermutigte, selbstbewusst für ihre Ziele einzustehen: »I want to support young girls who are in their 20s now and tell them: You’re not just imagining things (…) It’s tough. Everything that a guy says once, you have to say five times.«

Darauf folgten beinah inflationär Meldungen um kontroverse Gesprächszitate, zuletzt ging ein Interview mit The Verge viral, in dem die für ihre Hinwegsetzung über herkömmliche Musik- und Videoformate ikonisch verehrte Künstlerin ankündigte, den ersten Vulnicura-Clip zum Song »Stonemilker« in einer 3D-Version für die Virtual-Reality-Brille Oculus Rift zu veröffentlichen. Auf die Frage nach ihrem Standpunkt zur Verknüpfung von Musik und Technik antwortete Björk wiederum: »It can’t just be working with the gadget for the sake of the gadget. But also it’s about budgets. You can do apps cheaply. Apps was kind of punk, actually. It was like starting a punk band again. Filming for Oculus Rift is not.«Beinah im selben Atemzug kritisierte die Isländerin die Veröffentlichung musikalischer Werke über Streaming-Dienste und begründete, warum Vulnicura nicht auf Spotify erhältlich sein werde: »It’s about respect, you know? Respect for the craft and the amount of work you put into it.«

Vor wenigen Tagen nun das Teaservideo zur in der Retrospektive zu erlebenden Sound- und Videoinstallation zum gleichnamigen Songtitel »Black Lake« sowie erste Impressionen vom Sleeve der Mitte Mai erscheinenden physischen Vulnicura-Version via Facebook. Das Motiv entwickelte Björk im Schulterschluss mit Künstler Andrew Thomas Huang, der schon beim Biophilia-Track Mutual Core mit ihr kollaborierte und auch für das kommende Oculus Rift-Video verantwortlich zeichnet.

Bildschirmfoto 2015-03-05 um 17.52.11
Foto des Vulnicura-Artworks via pitchfork.com

Der Teaser zur visuellen Vermählung, Verschmelzung Björks mit blau-gleißender Lava, mutmaßlich zu verstehen als sinnbildliches Resümee ihrer gescheiterten Beziehung zu Matthew Barney, diktiert die Stoßrichtung der gesamten Ausstellung: im Fokus stehen Gefühl und Mitgefühl. Björks Steckenpferd ist die Erschütterung auf emotionaler Ebene. Alles, was sie tut, ist überlebensgroß, innovativ, keinesfalls museal. So wird das Video ihres 1993er Songs »Big Time Sensuality« vielfach vergrößert über die Köpfe der Zuschauer gebeamt: Björk wie aus Zeit und Welt gefallen tanzend auf einem fahrenden Truck – nur eines von zig Statements dafür, dass diese Frau und Crossover-Künstlerin und Co-Kuratorin erhaben ist über jede Form der Normalisierung. In ihrer Welt und derer abertausender, sie kultisch Verehrender war Björk wahrscheinlich schon lange Teil der bedeutendsten und einflussreichsten Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst. Nun ist sie es auch in dieser.

Erste Impressionen aus der Björk Retrospektive

allisfull-3.3.2015
Foto via factmag.com

björk_moma3 björk_moma2
Fotos via Instagram klausbiesenbach (Direktor des Museum of Modern Art)

björk_moma
Foto via Instagram themuseumofmodernart

Björk
The Museum of Modern Art / New York
8. März bis 7. Juni

Ein ausführliches Review zum aktuellen Album Vulnicura ist online erschienen. In der Printausgabe SPEX N° 359 findet sich ein exklusives Interview mit Björk. Das Heft ist versandkostenfrei im Online-Shop erhältlich.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.